Eltern trauern um ihr verstorbenes Kind
Eltern trauern um ihr verstorbenes Kind

08.12.2019

Wenn Eltern ihre Kinder verlieren Trauer – lebenslänglich

Der Tod eines Kindes gehört zu den größten menschlichen Traumata. Eine familiäre Einheit zerbricht, wenn plötzlich ein Mitglied fehlt. Für viele Betroffene ist dieser Verlust nicht zu überwinden. Noch Jahre später kämpfen sie.

Stechender Schmerz, Wut, Verzweiflung. An manchen Tagen weiß Maria Erkan* nicht, in welcher Reihenfolge sie diese Gefühle wieder einholen, wenn sie sich an ihren elfjährigen Sohn Marco erinnert. Aber dass sie mit der ohnehin unterschwelligen Trauer, die nicht mehr weg geht und sich in den letzten zwei Jahren wie Mehltau über ihr Leben gelegt hat, noch immer einhergehen, das wird ihr oft schon beim Aufstehen am Morgen bewusst.

Dann fällt ihr Blick auf die vielen Fotos auf der Wohnzimmerkommode, die ihren Zweitgeborenen als einen ganz normalen Jungen seines Alters zeigen: mit seinen Zahnlücken als Sechsjährigen, wie er eine große Schultüte in den Armen hält, beim Sandburgenbauen an der Ostsee, mit seinem liebsten Kuscheltier als Krabbelkind und übermütig lachend mit seinen beiden Brüdern auf einem lustigen Schnappschuss, der beim letzten Urlaub entstanden ist. Ganz besonders wertvoll ist für die 42-Jährige aber das Familienbild, das bei der Erstkommunion von Marco gemacht wurde. Denn es zeigt die fünfköpfige Familie an einem unbeschwerten Tag, als noch niemand ahnte, dass ihre Einheit so zerbrechlich sein und eine Tragödie das Leben aller von einem Tag auf den anderen auf derart dramatische Weise verändern würde.

Seitdem, so berichtet die Mutter, lebe sie gewissermaßen im freien Fall. Es gebe Tage, da verschwimme für sie alles im Nebel, so dass kaum etwas zu ihr durchdringe. Und nur mit dem letzten Aufgebot an Selbstdisziplin gelinge ihr dann, den Alltag durchzustehen, zur Arbeit zu gehen und für ihren Mann und die beiden anderen Kinder da zu sein. Regelmäßig geht sie zu einer Trauergruppe; und auch Nils* und Max*, 14 und neun Jahre alt, nehmen eine therapeutische Begleitung zur Verarbeitung des Verlustes ihres Bruders in Anspruch. Nur ihr Vater besteht darauf, alles mit sich ausmachen zu wollen, wie er sagt. "Die Trauer kann mir ja doch keiner nehmen", argumentiert er.

Noch lange nicht hat die Familie ihren Frieden gefunden. Bis heute quälen die Eltern Selbstvorwürfe, etwas übersehen, mögliche Warnsignale nicht bemerkt zu haben. Dabei hat niemand Schuld an dem Unglück, das sich im Spätsommer 2017 ereignet hat. Marco ist mitten auf dem Fußballfeld einfach in sich zusammengesackt – ohne jede Vorwarnung. Das Kind ist nicht mehr ansprechbar, atmet aber noch. Dann geht alles ganz schnell: Der Notarzt bringt den leblosen kleinen Körper mit Blaulicht ins Krankenhaus, aber in der Unfallklinik erlangt Marco nicht mehr das Bewusstsein. Eine Hirnblutung stellen Spezialisten nach eingehenden Untersuchungen, die den Eltern wie eine Ewigkeit vorkommen, fest. Und bald darauf wird ihnen mitgeteilt, dass Marco hirntot ist.

Hadern mit der Frage: Warum gerade wir?

Von dem Moment an fehlen Maria Erkan weite Teile ihrer Erinnerung. Der Schock sitzt zu tief. Die Fassungslosigkeit und Erschütterung, mit der sie auf diese Nachricht reagiert, trüben jede Aufnahmefähigkeit. Die medizinischen Erklärungen, was die digitalen Messungen der vielen Apparate aussagen, an die Marco angeschlossen ist, und was gerade mit ihm auf der Intensivstation geschieht, erreichen die Mutter nicht mehr. Um sie herum beginnt sich alles zu drehen.

"Ich konnte erst einmal gar nicht begreifen, was da innerhalb weniger Stunden passiert war, dass mir von einem Moment auf den anderen mein Kind genommen wurde", schildert sie die Situation im Krankenhaus rückblickend. "Alles war so irreal." Später erklären die behandelnden Ärzte behutsam der Familie, dass Marco nur noch künstlich am Leben gehalten wird. Sie fragen, ob ein Seelsorger gewünscht ist, und sie bringen die Option einer Organspende ins Gespräch. "Heute bin ich froh, dass wir uns ohne Zögern dafür entschieden haben", sagt Maria Erkan. "So hilft Marcos Tod wenigstens anderen Kindern weiterzuleben. Das gibt seinem Sterben Sinn und uns wenigstens ein kleines bisschen Frieden."

In guten Momenten tröstet sie dieser Gedanke, auch wenn die Trauer an den meisten Tagen übermächtig bleibt. "Es kostet sehr viel Kraft, immer wieder dagegenzuhalten, denn die Lücke, die Marco hinterlassen hat, ist mit nichts zu füllen; sein Fehlen schmerzt täglich neu", gesteht sie und nimmt fast zärtlich den Fußball in die Hand, der ihrem Sohn so viel bedeutet hat. "Es ist nicht wahr, dass die Zeit alle Wunden heilt. Es gibt Phasen, da tut sich bis heute der Boden unter mir auf, und dann wünschte ich, auch selbst nicht mehr da zu sein." In den dunkelsten Stunden sei sie auch an die Grenzen ihres Glaubens gekommen, obwohl sie nach wie vor in die Kirche gehe – Marco sei begeisterter Messdiener gewesen – und frage sich, wie Gott so etwas zulassen konnte und warum ein solches Schicksal gerade ihrer Familie zugemutet werde.

"Warum wir?" Ja, mit dieser Frage hadere sie. Das eigene Kind zu beerdigen vergleicht sie mit dem Phantomschmerz nach einer Amputation. "Man denkt, der andere sei immer noch da." Dass sie eines Tages wieder froh sein könne, bezweifelt Maria Erkan, auch wenn sie sich allein schon wegen Nils und Max immer wieder große Mühe gibt, die schließlich einen Anspruch darauf hätten, wie sie sagt, dass die Gedanken nicht immer nur um den verstorbenen Bruder kreisten. Trotzdem bedeute für sie, über Marco zu sprechen, ihn lebendig zu halten. Und das lindere diese ungute Mischung aus Schmerz, Wut und Verzweiflung dann wieder vorübergehend. "Eigentlich gibt es keine Worte für das, was ich empfinde. Manchmal fürchte ich, das Urteil lautet ‚lebenslänglich Trauer’."

"Trauer kann sich in Freude wandeln"

"Ich könnte stundenlang von Johannes erzählen: von seinem Leben, von seinem Sterben und von dem, was wir alles von ihm lernen durften. Denn Johannes war für die ganze Familie eine Lebens- und Glaubensschule." Auch für Clemens Hanrath* ist sein verstorbener Sohn, das vierte von insgesamt sieben Kindern, noch immer sehr präsent. Nicht nur weil er ein Bild des 16-Jährigen als Hintergrundmotiv für seinen Computer gewählt hat und er beim Ein- und Ausschalten seines Rechners mehrmals täglich seinem lächelnden Kind begegnet.

Sondern auch, weil der 60-Jährige seine Erinnerungen an Johannes und dessen Lebensfreude trotz der schweren Behinderung nach einer Gehirn-OP immer wieder mit so vielen Details aus den letzten gemeinsamen Jahren anreichert und sich in seiner Trauer nicht verkapselt. Im Gegenteil. "Man darf nicht in der Trauer stehen bleiben", erklärt er. "Heute können wir mit einem tiefen Frieden im Herzen auch auf das viele Gute schauen, das uns mit Johannes trotz seines kurzen Lebens geschenkt wurde." Die ganze Familie sei mittlerweile an dem Punkt, dass sich die Trauer in Freude darüber wandle, "dass Johannes so viele Jahre lang bei uns war". Sie vertrauten fest darauf, dass er schon mit 16 Jahren das Ziel des Lebens erreicht habe: in der Ewigkeit bei Gott sein zu dürfen.

.Dass er dieses Alter erreichen würde, war zunächst nach einer niederschmetternden Diagnose im Alter von nur zwei Jahren nicht selbstverständlich. Denn bei einem Krankenhausaufenthalt von Johannes kommt es zu dem Zufallsbefund Gehirntumor am Stammhirn. Für die Eltern beginnt nach dem ersten Schock zunächst eine medizinische Odyssee, um eine Zweit- und Drittmeinung einzuholen.

"Das war ein schwerer Schicksalsschlag, aber von dem Tag an mussten wir uns auf das Schlimmste vorbereiten", erzählt Clemens Hanrath. "Der Tumor drückte aufs Atemzentrum, und man teilte uns mit, dass Johannes nun jeden Tag sterben könne. Von da an haben wir eng getaktet nur noch darauf geachtet, ob er noch atmet, und viel gebetet." Das sei eine schwere Zeit gewesen. "Aber irgendwann haben wir alles in Gottes Hand gelegt." In dieser Phase beginnt der Vater, das Leben von Johannes in Bildern und Videos festzuhalten, und – wie durch ein Wunder, so sagt er – sei der Tumor allmählich in Vergessenheit geraten, auch weil es keine alarmierenden Symptome gegeben habe und die Ärzte dazu geraten hätten, erst einmal abzuwarten. "Heute sind wir glücklich, dass Johannes noch sieben ungetrübte Kindheitsjahre hatte; er liebte Sport, hatte viele Freunde und wurde zum Klassensprecher gewählt."

"Wir hatten immer auf ein Wunder gehofft"

Doch diese Unbeschwertheit hält nicht an. Der Tumor wächst, und eine hochriskante Operation wird unausweichlich, als Johannes neun Jahre alt ist. Bei diesem Eingriff wird der Schlucknerv des Jungen irreparabel beschädigt. Und auch Sprechen, selbstständiges Atmen und Laufen muss er in einer viermonatigen Reha im Anschluss, in der ihm der Vater nicht von der Seite weicht, erst wieder neu lernen. Die beiden wachsen in dieser Zeit fest zusammen; für Clemens Hanrath ist es keine Frage, dass er die intensive Betreuung und Pflege seines Kindes, die es nun benötigt, auch weil es künstlich ernährt werden und eine Förderschule besuchen muss, übernimmt, während sich seine Frau um die anderen Kinder kümmert, von denen das kleinste gerade mal ein paar Monate alt ist. "In dieser Zeit haben wir alle Johannes die höchstmögliche Geborgenheit gegeben. Er war behütet und geliebt. Er strahlte Zuversicht aus, machte für sein Leben gerne Spiele mit uns und war eine Kämpfernatur."

Schon bald zeigen sich neue Herausforderungen: Als Spätfolgen der OP häufen sich epileptische Anfälle, bei denen immer "erste Hilfe" geleistet werden muss und die wegen ihrer Bedrohlichkeit dazu führen, dass Johannes beginnt, sich Gedanken über den eigenen Tod zu machen. Er lehnt weitere Eingriffe ab, die die Ärzte zwar empfehlen, deren Ausgang aber ungewiss ist und die von daher einen weiteren Leidensweg bedeuten können. Während dieser Zeit sei sein Kind schlagartig gereift, berichtet der Vater, der die Gespräche mit Johannes nun dokumentiert.

Der Schmerz äußert sich wie Heimweh

Am Abend des 3. Mai 2016 stirbt Johannes in einem unbeobachteten Moment bei einem solchen Anfall – trotz langer Krankheit völlig unerwartet. "Wir hatten immer auf ein Wunder gehofft", sagt Clemens Hanrath und unterstreicht, dass in einer solchen Situation der Glaube, aber auch alle tröstenden Worte der Bibel mit einem Mal konkret würden. Die Familie bahrt Johannes im Wohnzimmer auf; allen ist wichtig, in Ruhe Abschied nehmen zu können und Johannes auch noch eine Weile bei sich zu behalten, bevor ihn der Bestatter abholt. Das Totengedenken in der Kirche wird sehr persönlich gestaltet – mit viel Musik. "Wir wollten ihn wie einen Königssohn beerdigen", sagt Johannes Vater.

Bis heute äußere sich der Schmerz wie Heimweh und die Trauer wie eine einzige große Sehnsucht. "Wir haben Johannes versprochen, ihn über den Tod hinaus zu lieben. Dieses Versprechen lösen wir nun ein. Denn letztlich ist Trauer nichts anderes als Liebe", sagt Hanrath, der seinem Kind zu Lebzeiten zugesichert hat: Du bist nicht allein auf Deinem Weg. Ich gehe ihn mit Dir. "Johannes hat uns so vieles in diesen schweren Jahren beigebracht – auch dass der Tod das Tor zu einem neuem Leben ist." Alles, was er davon in Erinnerung behalten hat, schreibt der trauernde Vater nun auf – wie in einem Tagebuch – und findet dazu auch immer wieder Stellen im Evangelium, mit denen er die eigenen Gedanken ergänzt. "Für uns gibt es keinen anderen Trost als unseren Glauben", betont er. "Gott ist doch ein Gott der Lebenden und nicht der Toten. Wir glauben fest an ein Wiedersehen, und dann wird die Freude übergroß sein."

"Wir mussten lernen, unser Kind loszulassen"

Mit Texten und vielen Fotos gestaltet er eine Homepage über das Leben und Sterben von Johannes, die an ein ganz besonderes Kind erinnern, aber auch Fremde dazu einladen soll, ihn kennenzulernen. Auf diese Gedenkseite wird eine große afrikanische Priestergemeinschaft, die "Apostel of Jesus", aufmerksam, die Kontakt mit der Familie aufnimmt und nun in Kenia mit Unterstützung der Hanraths eine neu entstehende Schule nach Johannes benennen will. Inzwischen hat Clemens Hanrath dafür auch eine Stiftung ins Leben gerufen, die ebenfalls nach Johannes benannt ist und die sich die Förderung von Entwicklungszusammenarbeit zum Ziel setzt. Auf einem Flyer, der das Schulprojekt bewirbt, steht ein Zitat von Johannes: "Ich bin am glücklichsten, wenn ich anderen eine Freude bereiten kann."

Bis heute ist das Zimmer von Johannes so, als habe er es erst vor kurzem verlassen. "Alle seine Sachen liegen noch genauso im Schrank wie damals", umschreibt Clemens Hanrath seinen individuellen Weg, Trauerarbeit zu leisten. "In all den Jahren mussten wir lernen, unser Kind immer wieder loszulassen. Trotzdem ist Johannes für uns nicht tot, er lebt in unserer Familie weiter und bleibt ein wichtiger Teil von ihr."

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

Beatrice Tomasetti
(DR)

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