Cyber-Stalking ist ein Problem in der digitalen Welt
Cyber-Stalking ist ein Problem in der digitalen Welt

21.10.2019

Stiftung Weißer Ring über Studie zum Thema Stalking "Ganz unterschiedliche Motive"

Stalking kann viele Formen annehmen: Betroffene werden verfolgt – heutzutage auch oft digital. Der Weiße Ring, die Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität und Gewalt, hat eine Studie zur Prävalenz von Stalking in Auftrag gegeben.

DOMRADIO.DE: Was genau ist bei dieser Studie herausgekommen?

Brigitta Brüning-Bibo (Weißer Ring Stiftung): Bei dieser Studie ist herausgekommen, dass über 50 Prozent der Betroffenen gar nicht wissen, dass Stalking eine Straftat ist. Wir haben eine App herausgegeben und haben auch im Vorfeld Betroffene interviewt. Und die haben gesagt: Ich wusste gar nicht, dass das, was mit mir passiert, schon Stalking ist. Und ich wusste erst recht nicht, dass Stalking eine Straftat ist.

DOMRADIO.DE: Das bedeutet, viele Menschen zeigen das tatsächlich gar nicht an und lassen es über sich ergehen?

Brüning-Bibo: Ja, im Moment tun das die meisten. Wir haben eine unheimlich hohe Dunkelziffer. Manche Experten sagen, dass 300.000 Menschen, andere gehen sogar von bis zu 600.000 Menschen jährlich in Deutschland aus, Opfer von Stalking werden. Wenn man betrachtet, dass die polizeiliche Kriminalstatistik 2018 zum Beispiel nur 19.000 Fälle erfasst hat, heißt es auf der anderen Seite, dass mehrere Hunderttausend Menschen in Deutschland jährlich unter Stalking und unter den Folgen von Stalking leiden.

DOMRADIO.DE: Wie genau kann Stalking denn ganz konkret aussehen? Briefe, Geschenke, Anrufe, zufällige Begegnungen, was fällt da noch so drunter?

Brüning-Bibo: Alles Mögliche – also, wie gesagt Anrufe, immerwiederkehrende Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, das Auflauern der betroffenen Person in der Wohnung oder am Arbeitsplatz. Das Stalking am Arbeitsplatz nimmt zum Beispiel auch immer mehr. Das denkt man gar nicht.

Auch in der Freizeit kommt es zu Stalking. Opfer von Stalking werden verfolgt oder erhalten Warenbestellungen, die sie gar nicht bestellt haben. Es kann auch sehr romantisch beginnen. Zum Beispiel, indem man jeden Tag eine Rose vor der Tür findet, was am Anfang bestimmt auch von dem einen oder anderen als nett empfunden wird. Aber nach der dreißigsten Rose findet man es nicht mehr so nett. Das kippt leider ganz schnell, dass man das als unheimlich belastend empfindet.

DOMRADIO.DE: Jetzt ist auch noch das Cyber-Stalking dazugekommen. Was genau versteht man darunter?

Brüning-Bibo: Auch in der digitalen Welt ist man vor Stalking nicht mehr sicher, ob durch E-Mail oder durch Nachrichtendienste, Chats, soziale Medien. Die Anonymität im Internet senkt die Hemmschwelle der Stalker zusätzlich. Das heißt, der Stalker steht nicht mehr morgens oder abends vor der Tür, sondern hat praktisch das Opfer 24 Stunden im Visier. Das äußert sich zum Beispiel durch permanentes Kontaktieren auf sozialen Medien oder über Messengerdienste wie Facebook oder WhatsApp, was Verleumdungen im Internet, im sozialen Umfeld und auf der Arbeit bedeuten kann.

Der Stalker kann zum Beispiel auch einen Identitätsdiebstahl machen. Er kann eine Identität komplett übernehmen und Sachen posten, die die Person niemals posten würde. Oder er kann private Fotos online stellen. Da gibt es ganz perfide Sachen.

DOMRADIO.DE: Können Sie sagen, aus welchen Motiven Stalker und Stalkerinnen so etwas tun?

Brüning-Bibo: Das kann ganz unterschiedliche Motive haben. Es kommt halt auf die Täter-Typologie an. Einige Täter sind einsam und haben den Wunsch nach einer Beziehung. Der Stalker wünscht sich, dass die Person, die der Stalker ausgeguckt hat, den Stalker liebt.

Ein anderes Motiv ist Rache. Das sind zum Beispiel oft die zurückgewiesenen Stalker in Partnerschaftsbeziehungen, die sich dann an ihrem Ex-Partner rächen wollen. Weitere Motiv sind die Kontrolle über das Opfer zu haben oder Macht über das Opfer zu haben.

DOMRADIO.DE: Was können Betroffene von Stalking tun? Was würden Sie raten?

Brüning-Bibo: Stalking-Opfer sollten sich erst einmal klarmachen: Okay, ich bin jetzt Opfer geworden. So hart es auch klingt, es kann jedem passieren. Arm, reich, gebildet, nicht gebildet, Stalking-Opfer kann wirklich jeder werden. Man muss es einsehen: Okay, es ist jetzt mir passiert, und ich muss mich dagegen jetzt wehren. Damit es auch strafrechtlich relevant ist, muss man einmal dem Täter sagen: Ich will das nicht! Aber auch nur einmal.

Man sollte dann den Kontakt komplett abbrechen. Also auch kein letztes, klärendes Gespräch durchführen. Auf keinen Fall, weil das, auch wenn es ein negatives Gespräch ist, motiviert den Stalker wieder. Sie sollten auf jeden Fall ihr Umfeld über das Stalking informieren, weil das auch noch etwas Sicherheit schafft. Auch Freunde oder Nachbarn können ein Auge auf Sie haben und können vielleicht auch nachher, falls es zu einer Anzeige kommen sollte, als Zeugen zur Verfügung stehen. Auch sollten Sie auf jeden Fall alles dokumentieren. Das ist ganz wichtig. Um gegen Stalking irgendetwas unternehmen zu können, brauchen Sie handfeste Beweise. Und eine lückenlose Dokumentation ist die Voraussetzung für eine Anzeige bei der Polizei. Das ist ganz wichtig.

Deshalb haben wir auch jetzt eine App entwickelt, die es Opfern und Betroffenen möglichst leicht macht, dies zu dokumentieren. Denn ohne Dokumentation gibt es keine Anzeige. Und dann sollten sich natürlich Betroffene so schnell wie möglich, wenn ihre eigene, persönliche Grenze überschritten ist, an die Polizei wenden oder an den Weißen Ring, der als Lotse fungieren kann und auch die Opfer unterstützen kann, zur Polizei zu gehen und ihnen Mut zu machen. Das ist auch noch mal ein Punkt, weil Stalking-Opfer sich oft komplett zurückziehen. Sie gehen nicht mehr raus, sie haben Angst, sie schämen sich. Da ist es ganz wichtig, den Leuten Mut zu machen und ihnen zu sagen: Ihr könnt was tun!

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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