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Ist das Kloster ein Lebenselexier?

17.09.2019

Ist das Kloster ein Lebenselixier? Als Mönch lebt man(n) offenbar länger

Wie kann man lange und gesund leben? Vielleicht findet man die Wege zu einem längeren Leben im Kloster. Ordensmänner werden nämlich älter als Männer, die ein weltliches Leben führen. Dies ist der Startpunkt der Forschung der Klosterstudie.

DOMRADIO.DE: Sie sind auf der Suche nach den entscheidenden Faktoren für erfolgreiches Altern, also für ein möglichst langes, möglichst gesundes Leben. Und was hat das mit dem Klosterleben zu tun?

Dr. Marc Luy (Demograf und Leiter der Klosterstudie): Ja dieses Ziel, die Mechanismen des Alterns besser zu verstehen, ist natürlich sehr kompliziert, weil es sehr viele Faktoren gibt, die da miteinander wirken. Sie sind kompliziert miteinander verwoben und gehen in unterschiedliche Richtungen.

Der besondere Wert der Klosterstudie liegt für uns darin, dass wir dort eine Bevölkerung haben, in der viele dieser Einflussfaktoren entweder eliminiert sind oder sie nicht auf unterschiedliche Weise auf die Bevölkerung einwirken. Zum Beispiel leben Ordensfrauen und Landsmänner in sehr vergleichbaren Wohnverhältnissen, sie unterscheiden sich nicht nach dem Familienstand, nach Religionszugehörigkeit und Religiosität. Auch Einkommen spielt hier keine Rolle, die Tagesabläufe sind für alle gleich und auch die berufsbedingten Gesundheitsrisiken sind nicht so variabel wie in der Gesamtbevölkerung, sodass wir einfach ganz viele Faktoren ausschließen können und einen klareren Blick auf die Altersmechanismen gewinnen können.

DOMRADIO.DE: Da haben Sie eine herrlich homogene Forschungsgruppe.

Luy: Das ist das Ziel, genau. Das war der Leitgedanke, als wir die Studie ins Leben gerufen haben.

DOMRADIO.DE: Wie machen Sie das? Wie befragen Sie denn dann die Ordensmänner und Ordensfrauen, wie gehen Sie vor?

Luy: Die Studie besteht eigentlich aus verschiedenen Teilstudien. Zum einen – damit haben wir begonnen – haben wir die Archivdaten aus den Klöstern gesammelt, denn die haben ganz faszinierende Daten, die viele Jahrhunderte zurückgehen, viel weiter als wir Daten für die Gesamtbevölkerung haben. Das war für uns die Basis, überhaupt die Lebenserwartung von Ordensleuten zu schätzen.

Und natürlich wollten wir dann auch mehr darüber verstehen, wie es zu diesen Lebenserwartungswerten kommt. Also wollten wir mehr über die Gesundheit der Ordensleute wissen, was für Risikofaktoren tatsächlich aktiv sind. Daher haben wir noch eine Befragungsstudie, eine Gesundheitsstudie angehängt. In unseren Archivdaten haben wir mittlerweile fast 20.000 Mitglieder erfasst, und in dieser Gesundheitsstudie etwa 1.200, die wir regelmäßig mit schriftlichen Befragungen zu den eben genannten Fragen interviewen.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, es gibt diese Archive, die so wunderbar weit zurückreichen. Heißt das, sie können nachgucken, wie alt die Mönche schon im Mittelalter in einer bestimmten Ordensgemeinschaft an einem bestimmten Ort geworden sind?

Luy: Wir haben derartige Daten, wobei die natürlich in diesem Detail, wie Sie es gerade genannt haben, nicht auswertbar sind. Man braucht, um Lebenserwartungen zu berechnen, schon hohe Fallzahlen. Und das geht natürlich nur, wenn man viele Gemeinschaften zusammenfasst.

DOMRADIO.DE: Jetzt ist ein Zwischenergebnis ihrer Erhebung, dass Ordensmänner offenbar vier bis fünf Jahre länger leben als ihre weltlichen Altersgenossen. Wie lässt sich das erklären?

Luy: Das war weniger ein Zwischenergebnis, eigentlich fast der Startpunkt der Studie. Das waren die ersten Ergebnisse, die wirklich sehr interessant waren. Wie sich das erklären lässt, ist natürlich wie alles rund um das Altern schwierig zu erläutern, weil die Mechanismen hierfür natürlich sehr kompliziert sind.

Wir haben aber eine sehr interessante Erkenntnis gewonnen, nämlich, dass es vor allen Dingen die Männer mit dem geringeren Bildungsgrad sind, die vom Klosterleben profitieren. Wir haben also auch die Ordensleute immer weiter versucht in Subpopulationen zu unterteilen, um zu verstehen, wo dieser hohe Gesamtwert in der Lebenserwartung herkommt. Dabei haben wir dann auch die Bildungsgruppen in Allgemeinbevölkerung und bei Ordensleuten miteinander verglichen und haben gesehen, dass es bei den oberen Bildungsgruppen so gut wie keine Unterschiede in der Lebenserwartung gab, dass aber die Ordensmänner mit geringerem Bildungsabschluss die gleiche Lebenserwartung hatten, wie die hochgebildeten Männer.

Wir können also sagen: Es sind vor allen Dingen die niedrigeren Bildungsgruppen, die in der Gesamtbevölkerung für die vergleichsweise geringen Werte in der Lebenserwartung sorgen.

DOMRADIO.DE: Also: Weniger gebildete Ordensmänner leben länger als weniger Gebildete in der weltlichen Bevölkerung, so richtig?

Luy: Genau, das ist der Hauptschlüssel für die unterschiedliche Lebenserwartung.

DOMRADIO.DE: Was sind die Faktoren, die möglicherweise über viele Jahre im klösterlichen Leben wirken? Man denkt dabei ja immer an die Vermeidung von Stress, gesunde Ernährung und so etwas. Spielt das alles eine Rolle?

Luy: Das spielt sicherlich alles eine Rolle und ich glaube, dass der von Ihnen genannte Stress vielleicht sogar der Schlüsselfaktor in dem Ganzen ist. Und es war interessanterweise auch der Faktor, der mir von den Ordensmännern selbst genannt worden ist.

Ich habe nämlich vor einigen Jahren mal, als wir die ersten Ergebnisse hatten, die Ordensleute selbst mit den Ergebnissen konfrontiert und gefragt, wie sie sich das erklären, warum sie so eine hohe Lebenserwartung haben. Eine Antwort hat mir jeder als Erstes gegeben, ganz egal, ob ich mit dem Abt abgesprochen habe oder mit dem Pförtner oder mit dem Koch. Diese erste Antwort war: Der geregelte Tagesablauf und das stressfreie Leben, weil einfach schon alles vorher organisiert ist. Man muss nicht dauernd neu organisieren und alles neu anpassen.

Das fand ich sehr interessant, weil ich auf den Gedanken vorher nicht gekommen bin, dass Stress tatsächlich so eine große Wirkung haben könnte. Aber ich glaube, das passt ganz gut in die Forschungserkenntnisse aus anderen Studien, die auch immer stärker auf den Einfluss des Stresses zurückkommen.

DOMRADIO.DE: Man könnte auch annehmen, dass Ordensmenschen sich mehr Zeit nehmen, um auf Ihre innere Stimme zu hören. Haben Sie dazu auch etwas rausgefunden?

Luy: Das ist natürlich auch in gewisser Weise mit Stress verbunden, wenn man sich die Zeit nimmt, auf die innere Stimme zu hören. Es sind generell, glaube ich, viele Faktoren, die im Ordensleben dazu führen, dass das Leben weniger stressreich ist als in der normalen weltlichen Bevölkerung. Das gehört sicherlich auch dazu. Es gibt ja auch eine ganze Reihe von Studien, die zeigen, dass Dankbarkeit und Meditation sich sehr stark stressreduzierend auswirken. Und das sind Elemente, die man im Klosterleben natürlich auch findet.

DOMRADIO.DE: Ihre Studie ist auf viele Jahre angelegt. Was glauben Sie, wie lange Sie an diesem Thema "Wer wird älter" noch forschen?

Luy: Ich werde es mit Sicherheit mit in die Pension nehmen und dann hoffentlich an die nächste Generation der Forscher weitergeben. Wir haben hier jetzt die schon genannte Studienpopulation von 1.200 Ordensleuten, die ich natürlich am liebsten bis zum Ende deren Lebens beobachten würde. Nachdem ich jetzt aber weiß, dass sie so eine hohe Lebenserwartung haben, werden einige von ihnen mich wahrscheinlich deutlich überleben, sodass sich das natürlich an die nächste Forschergeneration weitergeben muss.

Wir haben jetzt vor etwa fünf Jahren angefangen, Gesundheitsdaten zu sammeln und werden erst in etwa fünf Jahren, wenn wir da eine zehnjährige Beobachtungszeit haben, überhaupt mal konkrete Auswertungen machen können. Wie gesagt, Gesundheit und Lebenserwartung sind Faktoren, die sich ja Gott sei Dank nur sehr langsam verändern. Und dann braucht man auch Zeit, um das zu beobachten. Es wird uns sicherlich noch viele Jahre beschäftigen.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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