Symbolbild: Familien verzweifeln an der Wohnungssuche
Symbolbild: Familien verzweifeln an der Wohnungssuche

31.08.2019

Familien leiden unter Wohnungsnot "Alle wollen nach Berlin, wir wollen raus"

​650.000 Menschen in Deutschland haben keine eigene Wohnung. Das Phänomen Wohnungslosigkeit hat sich bis in die Mitte der Gesellschaft gefressen - und macht auch vor Familien nicht Halt. Von dem Wunsch nach Normalität.

Ein Zuhause ist es nicht, das zwölf Quadratmeter große Zimmer im Aufnahme- und Übergangswohnheim Trachenbergring in Berlin.

Aber eine Notlösung. Zwei schmale Betten, ein Kühlschrank in der hinteren Ecke, zwei Regale, ein winziger Holztisch mit zwei Stühlen und ein Waschbecken neben der Tür - jeder Winkel des Raumes wird genutzt. Für den Rollstuhl von Alexej Holad bleibt da kaum noch Platz. "Für die Kinder bedeutet unsere Situation natürlich sehr viel Stress", sagt der 27 Jahre alte Familienvater und lässt den Blick über die Möbel streifen.

Seit einem Jahr lebt er mit seiner Frau Lidia in der Einrichtung. Zur Familie gehören noch der acht Jahre alte Sohn und die 15 Jahre alte Tochter. Ihr Zimmer befindet sich zwei Türen weiter. "Immerhin auf derselben Etage", sagt Lidia Holad erleichtert. Früher trennten sie zwei ganze Etagen von ihren Kindern.

Familie Holad zählt zu den 650.000 Menschen, die in Deutschland als wohnungslos gelten. Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zufolge sind rund 58 Prozent davon als wohnungslos anerkannte Flüchtlinge. Bleibt ihre Zahl unberücksichtigt, besitzen rund 275.000 Personen keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum.

Sie leben in Notunterkünften, Hostels, Gartenlauben, auf der Straße oder manchmal in Flüchtlingsheimen. 30 Prozent von ihnen haben einen Partner und/oder Kinder.

"Das Problem der Wohnungslosigkeit dringt immer mehr in die Mitte der Gesellschaft", sagt Kai-Gerrit Venske, Fachreferent für Wohnungslosenhilfe bei der Caritas Berlin. Aber dennoch seien nach wie vor Menschen am Rande der Gesellschaft besonders betroffen. Wer kein eigenes Erwerbseinkommen hat, mit einer Behinderung lebt, psychische Probleme hat oder an einer Suchterkrankung leidet, hat es schwer auf dem Wohnungsmarkt, so Venske. Auch alleinstehende Frauen, die aufgrund von häuslicher Gewalt ihre Wohnung verloren haben, zählen dem Referenten zufolge zu den Risikogruppen.

Die Wohnungsnot grassiert aber auch über die Grenzen Berlins hinaus in der Bundesrepublik: Im Ruhrgebiet, in Hamburg oder München haben die Menschen verstärkt mit dem Phänomen zu kämpfen. Auch kleinere Städte ab 100.000 Einwohner bleiben nicht verschont, selbst bestimmte ländliche Regionen in Bayern oder Baden-Württemberg sollen bereits betroffen sein.

Mit Rollstuhl in der Notunterkunft

Für Alexej Holad steht fest, dass vor allem sein Rollstuhl die bisherige Wohnungssuche der aus Weißrussland stammenden Familie erschwert hat. Erfahrungsgemäß seien nur zehn Prozent der angebotenen Wohnungen behindertengerecht. 29 Absagen hat die Familie kassiert - und schließlich doch noch eine Zusage für eine Wohnung in Marzahn erhalten. Die Erleichterung ist sowohl Lidia als auch Alexej Holad anzusehen. Bald werden sie nicht mehr auf die Hilfe ihrer Nachbarn angewiesen sein, wenn der 27-Jährige die Notunterkunft verlassen möchte. Denn in der Einrichtung kann er die Treppen nicht aus eigener Kraft überwinden, einen Fahrstuhl gibt es nicht.

"Es ist sehr schwer geworden, eine Wohnung in Berlin zu finden. Aber es ist nicht aussichtslos - unseren Fachdiensten gelingt es immer wieder, auch Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten in eigenen Wohnraum zu vermitteln", betont Caritas-Fachreferent Venske.

Für die schwierige Lage auf dem Wohnungsmarkt und die Zunahme wohnungsloser Menschen sind seiner Meinung nach drei Faktoren ausschlaggebend: Zum einen die globale Finanzkrise, die 2007 ihre Lauf nahm und dem bis dato entspannten Berliner Wohnungsmarkt zu dem Problemfall werden ließ, der er heute ist. "Die Finanzkrise hat dazu geführt, dass Immobilien plötzlich ganz anders bewertet wurden", so Venske. Zum anderen habe aber auch die EU-Osterweiterung und der Zustrom von Flüchtlingen zu einer Zuspitzung der Lage geführt.

Diesen Ernst der Lage bekommen auch Jennifer Berg und Mike Gregert zu spüren. Das Paar verlor seine Bleibe, als ihr Vermieter Eigenbedarf anmeldete. "Wir haben alles versucht, um eine neue Wohnung zu finden", sagt Gregert mit einem müden Lächeln. Geklappt hat es trotzdem nicht. Ihre Suche nach einem Dach über dem Kopf führte sie für eine Woche zu einer Freundin, danach zu einem Bekannten. Als auch das nicht mehr ging, blieb ihnen nur der Gang zum Sozialamt.

"Als Paar einen gemeinsamen Platz in einer Notunterkunft zu bekommen, ist besonders schwer", erklärt die 33-Jährige, die zu einem früheren Zeitpunkt bereits drei Monate in einer Notunterkunft lebte. Umso größer war die Freude, als sich für das Paar doch noch ein Zimmer fand - in einem Hotel in Lichtenberg, das zu einer Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert worden war. Ein Jahr sollte dies übergangsweise ihr Zuhause sein.

Dass Menschen ohne Wohnung zeitweise etwa in Hostels oder Pensionen unterkommen, ist durchaus möglich - solange die soziale Wohnungshilfe des Bezirks zustimmt und die Tagesmiete nicht über 35 Euro liegt -, wie Seher Kaya, Diplom-Sozialarbeiterin beim Caritas-Beratungszentrum am Berliner Mehringdamm erklärt. Dorthin wandten sich Gregert und Berg als sich herausstellte, dass das Paar Nachwuchs erwartete. "In einem Hotel kann man schließlich kein Kind aufziehen", betont der 43-Jährige.

Vorbehalte der Vermieter

Mit Kayas Hilfe bezogen die beiden Berliner schließlich im Juli 2019 eine teilmöblierte Trägerwohnung der Caritas, wo sie fürs Erste bleiben können. 80 Wohnungen haben sie sich bisher angesehen, sie besitzen einen Wohnberechtigungsschein mit besonderem Wohnbedarf. Auf eine Zusage warten sie bis heute. "Sobald die Vermieter in den Unterlagen etwas von Leistungen vom Jobcenter lesen, kann man sich anhören, das wäre doch keine Sozialwohnung. Ist mir schon passiert", erzählt Berg ernst.

"Das ist absolute Hoffnungslosigkeit", beschreibt Gregert und zuckt resigniert mit den Schultern. Aufgeben sei aber keine Option, schon wegen des gemeinsamen Kindes nicht, das im Dezember auf die Welt kommen soll. Stattdessen überlegen die beiden, der Stadt den Rücken zu kehren: "Alle wollen nach Berlin, wir wollen raus."

Das Paar träumt von einer Wohnung mit zwei Zimmern, einer guten Umgebung für das Baby und einem "richtigen, echten Zuhause", in dem sie wieder zu einem normalen Alltag zurückfinden können. Wenn es in Berlin nicht klappt, wollen sie es im Brandenburgischen Fürstenwalde versuchen. Dort seien die Mieten wenigstens noch bezahlbar und es gebe noch Wohnungen, sagt Gregert und nickt zuversichtlich.

Lisa Konstantinidis
(KNA)

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