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Papst Franziskus empfängt Sinti und Roma
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02.08.2019

Genozid an den Sinti und Roma Ganze Familienstränge vernichtet

Heute vor 75 Jahren töteten die Nationalsozialisten 4000 Sinti und Roma in den Gaskammern in Ausschwitz. Dieser Tag markiert den Gedenktag an den Genozid an den Sinti und Roma. Rund 500.000 sind dem Holocaust zum Opfer gefallen.

DOMRADIO.DE:  In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 ermordeten die Nationalsozialisten in Auschwitz-Birkenau über 4000 Sinti und Roma in den Gaskammern. Das Europäische Parlament hat deswegen den 2. August zum Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma erklärt. Warum ist es wichtig, den Gedenktag in den Mittelpunkt zu stellen?

Jan Opiéla (Nationaldirektor der Katholischen Seelsorge für Roma, Sinti & verwandte Gruppen bei der Deutschen Bischofskonferenz): Wenn wir in den Familien ins Gespräch über die Familiengeschichten kommen, wird immer wieder von Verwandten erzählt, die im KZ umgekommen sind. Insofern ist die Geschichte immer noch lebendig.

DOMRADIO.DE:  Für die Sinti und Roma ist es heutzutage immer noch ein Thema?

Opiéla: Das ist immer wieder ein Thema, weil bei den Sinti und Roma Familie im Vordergrund steht, und wir uns letzten Endes in zwei großen Familienverbänden treffen. Dann tauschen wir uns über früher aus und sprechen über die Groß- und Urgroßeltern. Da sind teilweise ganze Familienstränge vernichtet worden.

DOMRADIO.DE: Wir wissen, dass die Geschichte der Sinti und Roma von Ablehnung und Verfolgung in Europa geprägt ist. Viel mehr wissen wir aber nicht. Wie war die Lebenssituation der Sinti und Roma vor und während der NS-Zeit in Deutschland?

Opiéla: Vor der NS-Zeit waren sie überwiegend nicht sesshaft und gingen teilweise richtigen Berufen nach, aber dann als umherfahrende kleine Handwerksbetriebe wie Korbmacher. Sie boten Wanderkinos an und waren vor allem für ihre Musiker bekannt. Sie traten als Musikkapellen für Tanzvergnügen auf.

Das alles ist durch die Verfolgung und den Holocaust untergegangen. Von ihrer Kultur ist am Ende des NS-Regimes nicht mehr viel übrig geblieben. Überall fehlten die Leute, die maßgebend waren. Es ist ganz schwierig, dann wieder auf die Beine zu kommen. Ihr Leben hat sich grundlegend geändert.

DOMRADIO.DE: Für die Anerkennung dieses Menschenrechtsverbrechen und des Genozids an den Sinti und Roma in der NS-Zeit musste lange gekämpft werden. Der Gedenktag ist erst viele Jahre nach der NS-Zeit etabliert worden. Warum mussten sie so lange dafür kämpfen?

Opiéla: Ein Problem ist, dass viele Sinti und Roma nur eine mangelnde Bildung auf Grundschulniveau hatten, eng im Familienverbund zusammenhängen und wenig politisches Interesse über die Familie hinaus entwickeln. Das heißt, politische Zusammenschlüsse, die nichts mit dem Familienverbund zu tun haben, sind sehr schwierig zu bewerkstelligen. Deshalb gab es nur wenige Leute, die diesen Versuch gestartet haben. Daher hat es auch sehr viel länger gedauert als bei den jüdischen Mitbürgern, die hinsichtlich der Bildung ganz anders aufgestellt waren und auch eine Vernetzung nach Amerika und in Gesamteuropa hatten. Bis die Sinti und Roma in Europa wieder zusammenkamen, hat es sehr lange gedauert.

DOMRADIO.DE Wie sieht die Lebenssituation heute im 21. Jahrhundert aus?

Opiéla: Die deutschen Sinti und Roma wohnen in Gemeinden, sind sesshaft und fahren teilweise aus beruflichen Gründen noch. In den Sommermonaten treffen sie sich als Familie unter anderem dann auch zum Geschehen einer Wallfahrt. Das Bestreben ist immer noch selbstständig zu sein. Das ist das Wichtigste. Häufig arbeiten sie im Schrotthandel und -verwertung, gehen Kleinstbeschäftigungen nach oder übernehmen Garten- und Hausmeistertätigkeiten. Das wird vielfach von ihnen abgedeckt.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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