Frau mit Europa-Flagge
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01.05.2019

Katholische Arbeitnehmer pochen auf Stärkung des europäischen Arbeitsmarkts "Wir können bestimmte Probleme nicht allein lösen"

An diesem 1. Mai finden bundesweit gewerkschaftliche Demonstrationen statt. Auch die Katholische Arbeitnehmerbewegung ist dabei. Sie drängt darauf, die Arbeitssituation europaweit in den Blick zu nehmen und alle mit ins Boot zu holen.

DOMRADIO.DE: Dieses Jahr steht auch im Zeichen der Europawahlen. Das Motto der Demo am 1. Mai ist "Deine Stimme gegen Nationalismus". Warum ist Ihnen diese Stimme so wichtig?

Hildegard Lülsdorf (Vorsitzende des Diözesanverbands der Katholischen Arbeitnehmerbewegung KAB Köln): Europa ist ein Projekt, das sich schon seit vielen Jahren für Frieden einsetzt. Wir als Arbeitnehmerbewegung fordern europaweite Arbeitsrechte, weil die Grenzen offen sind und wir uns für ein friedliches Miteinander einsetzen.

DOMRADIO.DE: Es sind noch gut drei Wochen bis zu den Europawahlen. Meist ist das eine Wahl, die von der Bevölkerung nicht so angenommen wird. Die Wahlbeteiligung ist relativ gering. Haben Sie Sorge vor dem, was in Europa nach der Wahl passieren kann?

Andrea Hoffmeier (Stellvertretende Vorsitzende des Diözesanverbands der KAB Köln): Ja, das kann man wohl so sagen. Ich möchte wirklich dazu aufrufen, zur Wahl zu gehen und seine Stimme für eine demokratische Partei abzugeben, die sich für ein soziales Europa einsetzt. Wir können bestimmte Probleme nicht allein lösen.

Die Idee von Nationalstaatlichkeit und der Gedanke "dann wird alles so wie früher", die einige verfolgen, bringt überhaupt nicht weiter. Im Gegenteil, dies wird in einer noch größeren Katastrophe enden. Wir brauchen ein "Mehr an Europa", in dem Sinne, dass es sich solidarischer darstellt.

DOMRADIO.DE: Es gibt einen Aufruf der KAB an die Abgeordneten, die sich zur Wahl stellen. Da heißt es: "Stärken Sie die soziale Dimension der EU. Sorgen Sie dafür, dass die EU die europäische Säule der sozialen Rechte rasch in konkrete Maßnahmen umsetzt". Wie kann es gelingen, dass die EU wieder auf Soziales zu bringen?

Lülsdorf: Wir müssen auf jeden Fall unsere Leute und die Gesellschaft auffordern zur Wahl zu gehen, um überhaupt ein demokratisches Europa aufbauen zu können. Dann müssen wir die Europaabgeordneten, die sich in Brüssel und Straßburg für uns einsetzen, dazu bewegen, Rahmenbedingungen für ein friedliches und soziales Europa zu schaffen.

DOMRADIO.DE: Vor genau 50 Jahren gab es eine Osterweiterung der EU. Es gibt inzwischen 28 Mitgliedsstaaten, aber immer noch unterschiedliche Geschwindigkeiten. Manche Länder wollen sogar wieder aussteigen. Ist Europa für diese Fragen der richtige Ansprechpartner?

Hoffmeier: Wir brauchen gerade, weil andere aussteigen wollen, europaweite Standards für gute Arbeitsbedingungen. Das Problem ist, dass wir uns gegenseitig mit Lohndumping und anderem aushöhlen und viele Menschen das Gefühl haben, sie seien Verlierer. Das kann sich nur ändern, wenn sich Europa für gleichberechtigte und gleichwertige Lebensbedingungen und gute Arbeitsbedingungen einsetzt.

Es ist schon viel passiert, aber es gibt noch ganz viel Luft nach oben.

DOMRADIO.DE: Das ist in gewissem Sinne auch eine deutsche Perspektive, weil wir hier relativ hohe Standards haben. Wie ist das mit Ländern, die nicht so weit entwickelt sind - sind diese durch solche Vorschläge nicht überfordert?

Hoffmeier: Klar muss man schauen, was es heißt, wenn jemand in Bulgarien fünf Euro dreißig verdient und in Dänemark 30 Euro. Gleichwertig heißt nicht unbedingt, dass alle immer das Gleiche bekommen. Letztlich müssen wir gemeinsam Mindest-Arbeitszeiten und Arbeitnehmerschutz voranbringen. In Bereichen wie den Erziehungszeiten und Mutterschutz ging es schon kleine Schritte voran. Das merken wir vielleicht nicht zwingend in Deutschland, weil wir hier hohe Standards haben. Aber es hilft dabei, dass Menschen nicht abwandern, weil sie ausgebeutet werden.

DOMRADIO.DE: Warum ist es so dringend, über die soziale Frage und die Arbeitssituation in Europa zu reden?

Lülsdorf: Nicht nur in Europa ist es dringend. Der digitale Wandel bedroht die gering Qualifizierten. Viele Jobs werden trotz Vollzeit nicht gut bezahlt, so dass kein menschenwürdiges Leben möglich ist.

DOMRADIO.DE: Sie sagen in Ihrem Wahlaufruf, dass man den ökologischen und digitalen Wandel als Chance nutzen kann. Wie meinen Sie das?

Hoffmeier: In Zeiten des Wandels gibt es immer zwei Möglichkeiten: Man kann etwas abwehren oder als Chance begreifen. Wir gehen davon aus, dass die Digitalisierung in der Arbeit weiter voranschreiten wird, sie aber auch Chancen bereithält. Zum Beispiel insofern, dass Menschen bei schwerer Arbeit unterstützt werden, zum Beispiel in der Pflege. Die Digitalisierung kann dabei helfen, Arbeit familienfreundlicher zu machen, weil man nicht an einem bestimmten Ort sitzen muss. Sie kann auch zu einer höheren Produktivität beitragen.

Aber diese Chancen können eben auch Risiken sein. Und deswegen ist es wichtig, sich jetzt einzusetzen und miteinander die Rahmenbedingungen zu gestalten, die sozial verträglich sind und Arbeitnehmer stärken und nicht nur Unternehmen, die sich mehr Gewinn einstreichen.

DOMRADIO.DE: Erst in dieser Woche wurden neue Arbeitsmarktzahlen veröffentlicht. Demnach gib es zurzeit die wenigsten Arbeitslosen seit der Wiedervereinigung. Ist das ein Zeichen für Erfolg?

Lülsdorf: Wir machen da ein großes Fragezeichen. Auf der Strecke bleiben wahrscheinlich die mit mittlerem und niedrigen Bildungsgrad. Wir sind besorgt, dass diese durch die Digitalisierung womöglich rausfallen werden. Deshalb fordern wir von Politikern entsprechende Rahmenbedingungen ein.

Hoffmeier: Die Arbeitslosenzahlen sagen ja noch nichts darüber, was Menschen verdienen. Viele haben mehrere Jobs, sind scheinselbständig und können nicht ausreichend in Sozialversicherungssysteme einzahlen. Altersarmut ist ein großes Thema - das wird durch die Zahlen verdeckt. In der Tat müsste man schauen, wie viele Menschen im Niedriglohnsektor oder in mehreren Jobs arbeiten.

DOMRADIO.DE: Wir leben in einer Welt, in der es vor allen Dingen um Maximierung und um Selbstoptimierung geht. Ist es da nicht selbstverständlich, dass man an jeder Ecke versucht, noch mehr rauszuholen?

Lülsdorf: Ja, aber die Menschen dürfen nicht auf der Strecke bleiben. Es geht nicht um den Profit, sondern um den Menschen. Der Mensch muss menschenwürdig leben können und sich nicht kaputt arbeiten, um anschließend doch kein Geld zu haben. Das passiert in Deutschland noch viel zu oft, etwa bei Lieferantendiensten wie Deliveroo oder Foodora, die teilweise gar keine Absicherung bieten.

Hoffmeier: Eine andere Sache ist die hohe Arbeitsverdichtung. Die Digitalisierung schafft den Wunsch nach mehr Produktivität. Aktuelle Statistiken zeigen, dass durch die hohe Arbeitsverdichtung immer mehr Menschen psychisch erkranken und sich krank melden: Das sind Dinge, wo man frühzeitig gegensteuern muss.

DOMRADIO.DE: Was ist Ihre konkrete Sorge?

Lülsdorf: Dass die Armut wächst. Dass immer mehr Menschen im Alter kein Geld haben. Dass Familien, Alleinerziehende und Kranke rausfallen, und es ganz schwer haben über die Runden zu kommen.

Das Gespräch führte Matthias Friebe.

(DR)

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