Demonstranten am Rande des Prozesses um den jahrzehntelangen Babyraub vor dem Landgericht
Demonstranten am Rande des Prozesses um den jahrzehntelangen Babyraub vor dem Landgericht
Ein Porträt Francos an einem Verkaufsstand
Ein Porträt Francos an einem Verkaufsstand

10.10.2018

Empörung über Freispruch im ersten spanischen Babyraub-Prozess Bis zu 300.000 Fälle seit der Franco-Diktatur

Spaniens Justiz steht vor der Aufarbeitung eines jahrelangen Verbrechens. Seit der Diktatur Francos wurden zig-Tausende Babys aus ihren Familien gerissen, weil die Eltern dem Regime missliebig waren. Die Kirche hilft bei der Aufarbeitung.

Mit einem Freispruch endete am Montag in Spanien der erste Prozess im sogenannten "Babyraub-Skandal". Ein Madrider Gericht sprach den ehemaligen Frauenarzt Eduardo Vela zwar der Urkundenfälschung, Freiheitsberaubung und illegalen Adoption für schuldig. Die Vergehen des mittlerweile 85-jährigen Arztes seien allerdings verjährt.

Geklagt hatte die Spanierin Ines Madrigal, die ihrer Mutter nach ihrer Geburt 1969 weggenommen und illegal einer anderen Familie zur Adoption übergeben wurde. Madrigal schöpfte aber 2010 Verdacht, dass sie ein gestohlenes Baby sein könnte, und reichte 2012 ihre Klage ein. Die mit dem Frauenarzt damals zusammenarbeitende Ordensschwester Sor Maria war ebenfalls angeklagt, verstarb aber bereits bei Prozessbeginn 2013.

Opfervereinigung vom Urteil enttäuscht

Für Enrique Vila ist die Entscheidung der Richter ein Skandal. Er sei "überrascht, empört und zutiefst traurig", erklärte der Vorsitzende der Opfervereinigung "SOS Bebes Robados" ("SOS Gestohlene Babys"), der Katholischen Nachrichten-Agentur. Auch Klägerin Madrigal will den Fall nun von einer höheren Gerichtsinstanz erneut untersuchen lassen.

Sie sei zwar froh über den Schuldspruch, habe aber nicht mit einem Freispruch wegen Verjährung gerechnet, sagte die 49-Jährige spanischen Medien.

Enrique Vila kündigte an, das Urteil im Fall Vela sei nur der Beginn einer ganzen Prozess-Serie. "In ganz Spanien liegen den Gerichten Tausende ähnlicher Klagen vor", so der Chef des Opferverbandes. Dieser geht davon aus, dass es in Spanien bis zu 300.000 Fälle von Babyraub in der Zeit der Franco-Diktatur (1939-1975) gegeben hat.

Vila spricht von regelrechten Mafia-Banden aus Ärzten, Helfern, Anwälten und Geistlichen, die über Jahrzehnte hinweg alleinstehenden Frauen, aber auch Eltern ihre Kinder wegnahmen und für Geld weiterverkauften.

Die ersten Ermittlungen nahm im Jahr 2000 der spanische Star-Richter Baltasar Garzon auf, der davon ausging, dass während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) und in den ersten Jahren der Diktatur bis zu 30.000 Babys ihren Eltern weggenommen wurden. Spätere Forschungen ergaben allerdings, dass der Kinderdiebstahl an spanischen Geburtskliniken bis weit in die 90er Jahre stattgefunden haben soll.

Unter Franco fing alles an

Alles fing jedoch während des Spanischen Bürgerkriegs und der Militärdiktatur von General Francisco Franco an. Frauen republikanischer Kämpfer und politischer Häftlinge wurden gezwungen, ihre Kinder an regimetreue Familien abzugeben, um sie im nationalkatholischen Sinne zu erziehen. Später wurde die geldbringende Praxis auch auf uneheliche sowie Kinder aus armen Familien ausgeweitet.

Nach dem Übergang zur Demokratie 1975 wurde der Modus Operandi verändert. Die Babys wurden den Müttern gleich nach der Geburt weggenommen und es wurde ihnen gesagt, sie seien gestorben. Oftmals wurde skeptischen Eltern ein anderes, zuvor eingefrorenes Baby gezeigt und man bot den Eltern an, für die schnelle Beerdigung zu sorgen. Die gestohlenen Kinder wurden an zeugungsunfähige Paare für viel Geld weitergegeben.

Die neue spanische Regierung von Ministerpräsidenten Pedro Sanchez versprach bereits Hilfe, um Tausende ungelöster oder möglicher Kinderraub-Fälle aufzuklären. Der Sozialist einigte sich mit der linken Podemos-Partei darauf, nicht nur die Hilfs- und Opferverbände finanziell und logistisch zu unterstützen.

Gen-Datenbank ins Leben rufen

Sanchez will auch eine Gen-Datenbank ins Leben rufen, damit die Fälle schneller gelöst und Eltern ihre Kinder beziehungsweise Kinder ihre wirklichen Eltern finden können. Zudem soll eine Spezial-Staatsanwaltschaft eingerichtet werden, die sich exklusiv um die Fälle kümmert.

Auch die katholische Kirche will helfen, da anscheinend immer wieder auch Ordensfrauen und Priester an den illegalen Adoptionen beteiligt waren. Bischof Jose Maria Gil Tamayo, Sprecher der spanischen Bischofskonferenz, traf sich bereits vor knapp einem Jahr mit Vertretern von Opferverbänden und bot ihnen Hilfe bei der Suche nach kirchlichen Dokumenten an, mit denen die Babydiebstähle aufgeklärt werden könnten. Gil Tamayo verurteilte die Vorfälle im Namen der katholischen Kirche scharf.

Manuel Meyer
(KNA)

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