Rohingya-Flüchtlingskind im Lager in Bangladesch
Rohingya-Flüchtlingskind im Lager in Bangladesch
Jede Unterschlupfmöglichkeit wird genutzt
Jede Unterschlupfmöglichkeit wird genutzt

24.08.2018

Ein Jahr Vertreibung der Rohingya "Die Regierung lässt sie nicht raus"

Vor einem Jahr wurden mehr als 700.000 Rohingya aus Myanmar vertrieben. Sie leben jetzt im benachbarten Bangladesch im wohl größten Flüchtlingslager der Welt, in dem sie aber praktisch gefangen sind - und kaum Zukunftsperspektiven haben.

DOMRADIO.DE: Sie waren vor Kurzem vor Ort. Wie muss man sich den Alltag in diesem vermutlich größten Flüchtlingscamp der Welt vorstellen?

Stefan Teplan (Caritas International): Es ist ein immens großes Lager, das vergleichbar ist mit einer Großstadt. Die Menschen können quasi nicht aus dem Lager raus. Die Regierung von Bangladesch lässt das nicht zu. Das heißt, sie leben in einem großen Ghetto von etwa 14 Quadratkilometern. Aber die Menschen sind gut versorgt; das konnte ich jetzt bei meinem letzten Besuch feststellen. Sie sind natürlich abhängig von humanitärer Hilfe, aber sie sind gut versorgt, auch wenn es einige Lücken gibt und sie sich noch mehr wünschen würden. 

DOMRADIO.DE: Welches sind die größten Probleme?

Teplan: Es fehlt den Menschen zum einen an Bargeld und an Arbeitsmöglichkeiten. Zwar erhalten sie bei der Lebensmittelverteilungen Reis, Linsen und Bohnen. Aber sie können nicht ständig nur davon leben. Es fehlt also an Mitteln, um auch anderes Essen zu kaufen.

Das ist mittlerweile im Lager möglich, weil es dort inzwischen sehr viele Märkte und Geschäfte gibt. Aber die Menschen müssen natürlich Arbeit haben, um das entsprechende Geld erwirtschaften zu können. Das können sie in ganz beschränktem Maße: Auch wir von der Caritas ermöglichen den Menschen bei den Baumaßnahmen mitzuwirken und dafür als Tagelöhner Geld zu kriegen. Aber es wäre schön, wenn die Menschen auch noch außerhalb der Lager vielleicht eine Arbeitsmöglichkeit bekämen. Das lässt die Regierung derzeit aber nicht zu. 

DOMRADIO.DE: Sie meinen, dass eine Zukunftsperspektive fehlt?

Teplan: Exakt. Zur Zukunft gehört natürlich auch Bildung. Und auch die lässt die Regierung derzeit nicht zu. Es gibt keine Schulen dort. In ganz beschränktem Maße funktioniert so etwas wie Bildung: Es gibt für Kinder zwischen vier und 12 Jahren Betreuungszentren. "Child-Friendly-Spaces" nennen sie das, in denen Erzieher die Kinder betreuen und ihnen ein Minimum an Bildung vermitteln. Das ist aber nicht gleichzusetzen mit einer Schulbildung.

DOMRADIO.DE: Die Frage ist ja auch: Wie sind die Zentren ausgestattet und womit beschäftigen sich die Kinder dort?

Teplan: Es gibt keine Spielsachen im klassischen Sinn. Sondern es wird sehr viel improvisiert mit Alltagsgegenständen, also beispielsweise mit Plastikflaschen und Verschlüssen von Plastikflaschen. Die benutzen die Kinder, um dann sehr kreativ, das muss man sagen, sich daraus selbst Spielzeug zu basteln. Aber es gibt kein anderes Spielzeug.

DOMRADIO.DE: Was ist der Ansatz jetzt von Caritas International, um den Menschen eine Zukunftsperspektive zu geben?

Teplan: Man kann das nur einfordern. Es ist letztlich Regierungsache. Die Regierung muss das zulassen. Wenn die Regierung das täte, wäre auch die Caritas dazu bereit, selbst Bildungsmöglichkeiten und Kindergärten - wie wir das in anderen Projekten hier auch haben - zu ermöglichen. Aber was die Caritas tun kann, ist nur das einzufordern. Das tun wir bei der Regierung, damit diese Menschen wirklich eine dauerhafte Perspektive haben. 

DOMRADIO.DE: Wenn viele Menschen mit Frust zusammenkommen und eng aufeinander sind, dann gibt es auch manchmal Probleme, etwa was die Sicherheitslage angeht. Wie sieht es denn da mit Übergriffen aus?

Teplan: Die gibt es leider Gottes tatsächlich. Das Lager ist ab 17 Uhr geschlossen und kann erst wird morgens gegen fünf oder sechs Uhr betreten werden; das gilt auch für die Hilfsorganisationen. Nachts, das habe ich von Sicherheitsbeamten erfahren, die dort tätig sind, gibt es sehr große Probleme. Es kommt zu Übergriffen und auch zu Vergewaltigungen. Offenbar sind auch Menschenhändler unterwegs, die junge Frauen zur Prostitution zwingen, die dann aus dem Lager gebracht und auf verschlungenen Wegen wieder hineinkommen. Es sind einige Fälle aufgedeckt worden. Das ist ein Problem, das die Regierung von Bangladesch mit verstärkter Polizeipräsenz in den Griff kriegen muss.

DOMRADIO.DE: Wie schätzen Sie die Entwicklung in den nächsten Jahren ein?

Teplan: Das ist vor allem eine politische Frage, denn es gibt ein Abkommen zwischen Bangladesch und Myanmar, die Rohingya zurückzuführen. Das steht aber unter der Prämisse, dass Myanmar ihnen die Staatsbürger- und Menschenrechte zugesteht. An dieser Frage ist es bislang gescheitert und es sieht nicht so aus, als würde sich da etwas in Zukunft ändern.

Wohin sollten diese Rohingya in Myanmar auch gehen? Alle ihre Dörfer wurden niedergebrannt und die Gelände wurden in den meisten Fällen wieder planiert. Es gibt einen Plan der Regierung von Bangladesch, der im nächsten Jahr umgesetzt werden soll: Um das Lager ein bisschen zu entlasten, sollen 130.000 Rohingya auf eine Insel umsiedeln, die derzeit infrastrukturell vorbereitet wird. Diese Umsiedlung wird aber auf freiwilliger Basis geschehen.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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