21.08.2018

"Utopie-Konferenz" – Raum für verrückte Ideen "Seien Sie weltfremd, mutig, utopisch"

Ob ein serviceorientiertes Gesundheitssystem, eine grenzenlose Welt oder die Legalisierung von Hanf – es gibt viele Ideen für eine bessere Welt. Viel Redebedarf auf der "Utopie-Konferenz" in Lüneburg.

"Stellen Sie sich vor, es sei der 20. August 2025. Sie wachen auf. Sie sehen in den Spiegel. Was sehen Sie? Ist ihr Körper vielleicht durch Nanotechnologie optimiert? Wer begrüßt sie? Sind es Menschen oder Roboter?"

Diese Fragen, vorgetragen von einer Studentin, stehen am Beginn der "Utopie-Konferenz", die bis Mittwoch an der Leuphana Universität in Lüneburg stattfindet. Vorgelesen im abgedunkelten Hörsaal sollen sie die rund 600 Teilnehmer dazu anregen, sich Gedanken über die Gesellschaft von morgen zu machen.

Verrückte Ideen willkommen

"Hier gibt es ganz viele Menschen, die ernst zu nehmende Utopien ausgebrütet haben", sagt der Vordenker und Mitinitiator des Treffens, Philosoph und Bestseller-Autor Richard David Precht ("Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?"). Die Konferenz solle ihnen die Chance geben, ihre ganz persönliche Utopie vor anderen zu präsentieren und "sich aus eingefahrenen Bahnen des Denkens zu befreien", so der 53-Jährige, der auch Honorarprofessor an der Leuphana Universität ist. Auch verrückte Ideen seien willkommen.

Die Teilnehmer der Konferenz sind aus ganz Deutschland angereist, die eine Hälfte Studenten von insgesamt 54 Universitäten, die andere Hälfte "engagierte Bürger", die sich für die Teilnahme bewerben konnten. Auf dem Programm stehen neben philosophischen Impulsen auch über 20 Workshops, in denen etwa die Zukunft der Arbeit oder der Bildung sowie die mögliche Entwicklung von Mobilität oder Ernährung beleuchtet werden. Zu den Gästen gehören die Europa-Vordenkerin Ulrike Guerot, der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele und der frühere WikiLeaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg.

Zu Beginn schreiben die Teilnehmer ihre Ideen mit Filzstiften auf bunte Plakate: "eine menschlichere Welt", "autofreie Innenstädte", "überparteiliche Bundeskanzlerinnenteams" und auch "Hanf als Nutzpflanze". Im Foyer der Universität, wo eine Pianistin auf einem Flügel sanfte Begleitmusik klimpert, haben sich bereits viele Gäste zu kleinen Grüppchen zusammengefunden und auf Sitzsäcken Platz genommen, um zu diskutieren.

Individuelle Utopiegedanken

Eine von ihnen ist Main Houng Nguyen. Die 27-jährige Berlinerin, die als Psychologin arbeitet, ärgert sich immer wieder über das schwerfällige deutsche Gesundheitssystem: "Manche Patienten sind eine ganze Woche damit beschäftigt, zu fünf oder sechs Ärzten zu laufen, und keiner redet mit dem anderen."

Ihre Utopie: Eine kranke Frau geht im Jahr 2025 in ein Gesundheitszentrum, in dem Ärzte aller Disziplinen ansässig sind. Sie tauschen sich über die Probleme ihrer Patientin aus und suchen gemeinsam nach dem besten Behandlungsweg.

Florian Grützmacher setzt seine Hoffnungen für eine bessere Zukunft vor allem auf "Blockchain". Die Verschlüsselungstechnologie, die unter anderem hinter der Kryptowährung "Bitcoin" steckt, ist dazu geeignet, digital gültige Verträge abzuschließen.

Mit ihrer Hilfe will der 26-jährige Student aus Köln das politische System revolutionieren. Er träumt von einer basisdemokratischen, grenzenlosen Welt. "Mit der Blockchain-Technologie könnte die Menschheit einen Grundkonsens finden und sich Regeln geben, denen alle zustimmen."

Ergebnisoffene Diskussionen

Ob Richard David Precht diese Utopie gefallen wird? Er kritisiert, dass derzeit allein die Digitalisierung die gesellschaftliche Entwicklung vorgibt und Utopien vor allem im Silicon Valley ausgebrütet werden. "Ich weiß nicht, ob man die Zukunft der Menschheit allein den Technikern, Ingenieuren und Geschäftemachern überlassen sollte", so Precht.

Seinen Entwurf für die Zukunft hat der Philosoph in seinem jüngst erschienenen Buch "Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft" dargelegt. Statt einer Verengung des Menschenbilds auf das Messbare fordert er die Rückkehr zu einer humaneren Gesellschaft, in der "echte Geschichten" ihren Platz haben.

Dem radikalen Wandel in der Arbeitswelt will er mit einem bedingungslosen Grundeinkommen begegnen. Bei der Utopie-Konferenz wird ergebnissoffen diskutiert. "Interaktionen und Entwicklungsschritte ergeben sich", ist sich Universitätspräsident Sascha Spoun sicher. Sein Aufruf im Eröffnungsvortrag: "Seien Sie weltfremd, mutig, utopisch!"

Michael Althaus
(KNA)

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