Ein Schüler mit Kippa schaut in ein jüdisches Gebetsbuch.
Ein Schüler mit Kippa schaut in ein jüdisches Gebetsbuch.

06.08.2018

25 Jahre erstes jüdisches Gymnasium Ort für gemeinsames Leben

Der Altbau steht etwas zurückgesetzt in einer schmalen Straße in Berlin-Mitte. Auffällig der hohe Zaun um das Grundstück und die Sicherheitsmaßnahmen. Vor 25 Jahren eröffnete das bundesweit erste jüdische Gymnasium seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

„Das funktionierte erst in dem Augenblick“, sagt Leiter Aaron Eckstaedt und meint damit den Zuzug von jüdischen Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion in den 1990er Jahren. Die staatlich anerkannte Privatschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin mit etwa 450 Schülern aus 20 Nationen versteht sich als „Zeichen für gelebtes Judentum“.

Dort sollen nicht nur Geografie, Philosophie, Hebräisch oder Mathe gelernt werden – die Schule will auch „ein Ort für gemeinsames Leben in der Spannweite von Toleranz, Akzeptanz und Integration“ sein. 60 Prozent der Schüler seien jüdisch, 40 Prozent gehörten anderen, meist christlichen Glaubensgemeinschaften an oder hätten keine Konfession.

Können nicht alles kontrollieren

Sie alle lernen am Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn nach dem allgemeinbildenden Fächerkanon der Berliner Rahmenlehrpläne. Alle Schüler müssen aber Hebräisch und Jüdische Religionslehre belegen.

„Wir wollen allen jüdischen Strömungen eine Heimat geben, das fordert Kompromisse“, so Eckstaedt: Es gibt koscheres Mittagessen, an hohen jüdischen Feiertagen ist schulfrei. Aber: „Wir können auch nicht jedes Wurstbrot auf dem Schulhof kontrollieren.“

Eckstaedt betont: „Jeder soll an dieser Schule leben können.“ Damit meint er auch die nichtjüdischen Schüler – von denen manch einer die Schule mit einer stärker ausgeprägten „jüdischen Identität“ verlasse als jüdische Abiturienten.

Eltern egal welcher jüdischen Strömung wollten ihre Kinder mit einer Verbindung zur Tradition erziehen, sagt Eckstaedt. Denn die Frage nach den Wurzeln werde in einer globalisierten Welt wichtig. 

Gymnasium an historischem Ort

1860 wurde das Gebäude errichtet. 1942 schlossen die Nationalsozialisten jüdische Schulen, auch diese - bis 1945 war das Gebäude ausgerechnet Deportationslager für die Berliner Juden. Bei der Eröffnung knapp 50 Jahre später hatte die Schule 27 Schüler.

Neue Gründungen von jüdischen Schulen erfolgten erst allmählich mit der "Konsolidierung" jüdischen Lebens hierzulande nach der Wende von 1989/1990, wie der Zeithistoriker Wolfgang Benz einmal der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sagte. Laut Zentralrat der Juden in Deutschland gibt es heute bundesweit zwölf Grund- und weiterführende jüdische Schulen.

Muss selbstverständlich werden

Es sei zu begrüßen, dass es in Deutschland wieder jüdische Schulen gebe, „damit das Odium des Holocaust blasser wird“, sagt Benz. Die Schullandschaft werde sich wie die jüdische Bevölkerung entwickeln.

„Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es steil anwächst.“ Mit Blick auf antisemitische Vorfälle sagt Benz, er wünsche sich staatliche Schulen, an denen Juden „ganz selbstverständlich“ geachtet würden. Denn eine Gründung „jüdischer Rückzugsschulen“ sei „völlig verfehlt“. Gegen Mobbing seien Lehrer und Eltern gefragt.

Antisemitismus an Schulen

Pro Jahr kämen sechs bis acht Schüler an das jüdische Gymnasium, weil sie „unangenehme Erfahrungen“ meist mit Schülern aus dem arabischen Raum gemacht hätten, sagt Eckstaedt. Und die in der S-Bahn Kippa oder Davidstern lieber versteckten. „Da ist eine irrationale Angst, die sich Bahn bricht. Es ist zum Teil die Angst der Eltern, mit der die Kinder umgehen.“ Gleichwohl nehme Antisemitismus an Schulen zu, und er habe wegen der Schärfe eine neue Dimension erreicht.

Angesichts des Schutzes vieler jüdischer Einrichtungen betont das Gymnasium, dass die Sicherheitsvorkehrungen nicht als Abschottung verstanden werden sollten. Die Adresse Große Hamburger Straße sei zur Jahrhundertwende „Toleranzstraße“ genannt worden: „Auf dieser nur 300 Meter langen Straße lebten immer schon Menschen verschiedener Kulturen und Religionen friedlich miteinander“, heißt es auf der Internetseite.

(KNA)

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