Nationalsozialismus: Wer den Wehrdienst verweigerte, wurde mit dem Tod bestraft
Nationalsozialismus: Wer den Wehrdienst verweigerte, wurde mit dem Tod bestraft

02.01.2018

Vor 100 Jahren wurde das Weiße-Rose-Mitglied Willi Graf geboren "Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben"

Er übernahm die gefährliche Aufgabe in der "Weißen Rose", Unterstützer für den Widerstand gegen Hitler zu werben: Vor 100 Jahren wurde Willi Graf geboren. Die Kirche will eine Seligsprechung des gläubigen Katholiken prüfen.

"Zur Beachtung!", heißt es in bürokratischem Deutsch auf dem Briefpapier, das die Häftlinge des Strafgefängnisses München-Stadelheim benutzen dürfen. Es folgen eine Reihe von Vorschriften, etwa: "Briefe deutlich und mit Tinte schreiben!" Die Zeilen, die Willi Graf am 12. Oktober 1943 verfasst, sind in einer klaren, leserlichen Handschrift verfasst - erstaunlich gefasst und aufgeräumt für einen Menschen, der seiner Familie schreibt: "An diesem Tag werde ich aus dem Leben scheiden und in die Ewigkeit gehen."

25 Jahre zuvor, am 2. Januar 1918, wird Wilhelm, genannt Willi Graf in Kuchenheim bei Euskirchen geboren. Seine Eltern, der Kaufmann Gerhard Graf und seine Frau Anna, geborene Gölden, haben noch zwei Töchter, Mathilde und Anneliese. Die Familie ist tief gläubig, auch Willi wird stark vom katholischen Milieu geprägt. Als der Junge vier Jahre alt ist, zieht die Familie nach Saarbrücken, wo Willi 1937 sein Abitur macht. Seine katholische Jugendorganisation wird von den Nazis verboten. Viele Freunde gehen zur Hitlerjugend - Willi nicht.

Der katholischen Organisation angeschlossen

Nach Schule und geleistetem Reichsarbeitsdienst schreibt sich Graf für ein Medizinstudium in Bonn ein. Wegen "bündischer Umtriebe" - der Student hatte sich einer weiteren katholischen Organisation angeschlossen - verhaftet ihn die Geheime Staatspolizei (Gestapo), er sitzt einige Wochen in Untersuchungshaft. 1939 wechselt er an die Münchner Universität, wird aber mit Kriegseinbruch zum Sanitätssoldaten ausgebildet. Graf erlebt die Schrecken des Krieges; auch die Verfolgung der Juden nimmt er wahr. "Sehr viel Elend muss man hier anschauen", schreibt er in einem Brief über das Warschauer Ghetto. Graf hadert mit dem NS-Regime, sucht Halt in seinem Glauben.

Als er schließlich in eine Münchner Studentenkompanie versetzt wird, lernt er im Juni 1942 den Ulmer Kommilitonen Hans Scholl kennen; schnell werden die beiden Freunde. Hans weiht Will in die geheimen Aktivitäten von ihm, seiner Schwester Sophie und einer Handvoll weiterer Verbündeter ein, die regimekritische Flugblätter verteilen. Graf wird Mitglied der Widerstandsgruppe "Weiße Rose".

Der Helfer an Weihnachten

Der Historiker Wolfganz Benz schreibt: "Graf übernimmt den gefährlichsten Teil der konspirativen Arbeit, reist mit gefälschten Militärfahrkarten nach Bonn, Freiburg, Ulm, Saarbrücken, um Verschwörer zu werben." Auch bei seinem letzten Weihnachtsfest 1942 in Saarbrücken wirbt er Kameraden als Helfer an. Wenig später, am Vormittag des 18. Februar 1943, fliegt die Weiße Rose auf.

Nach einer Flugblattaktion an der Münchner Universität werden die Widerständler verhaftet. Es folgen tagelange Verhöre. Nur vier Tage nach der Verhaftung werden Hans und Sophie sowie der Student Christoph Probst verurteilt und hingerichtet. Graf leugnet zunächst jedwede Mitwisserschaft, und versucht dann zu retten, was zu retten ist. Er schiebt die Verantwortung auf den schon toten Hans Scholl. Dennoch werden Graf und weitere Mitglieder der Weißen Rose am 19. April zum Tode verurteilt.

Die letzte Botschaft an seine Freunde

In der letzten Nachricht tröstet er seine Angehörigen: "Seid stark und gefaßt und vertraut auf Gottes Hand, der Alles zum Besten lenkt, wenn es auch im Augenblick bitteren Schmerz bereitet." Seiner Schwester Anneliese kann er über den Gefängnisgeistlichen noch eine letzte Botschaft an seine Freunde mitgeben: "Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben." Am 12. Oktober um 17 Uhr stirbt Willi Graf, nur 25 Jahre alt, unter dem Fallbeil.

Er wird in München beigesetzt und nach dem Krieg zum Saarbrücker Friedhof Sankt Johann überführt. In der dortigen gleichnamigen Basilika, wo Graf Ministrant gewesen ist, wird der Trierer Bischof Stephan Ackermann am 2. Januar, Grafs 100. Geburtstag, einen Gedenkgottesdienst feiern. Schon vorab würdigte er den Widerstandskämpfer: "Er ist für seine Überzeugung in den Tod gegangen. Wir können sein Andenken ehren, indem wir unsere Stimme erheben gegen Menschenrechtsverletzungen, Unrecht oder Hass."

Das Erzbistum München und Freising hat angekündigt, eine besondere Ehrung anzustreben. Es soll geprüft werden, ob für Graf die Möglichkeit einer Seligsprechung besteht. Dazu soll eine Voruntersuchung eröffnet werden, in der sich Theologen und Historiker mit dem Leben und den Schriften Grafs befassen.

Michael Merten
(KNA)

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