Sterbeamme Claudia Cardinal
Sterbeamme Claudia Cardinal

02.11.2017

Claudia Cardinal begleitet als Sterbeamme Menschen im Abschied Vom Umgang mit Monstern

Hebammen begleiten Menschen ins Leben. Sterbeammen wie Claudia Cardinal helfen ihnen, dem eigenen Tod ins Auge zu blicken und in der letzten Lebensphase die Gedanken zu ordnen.

"Ein Mensch, der krank ist, ist ein ganz normaler Mensch. Der kann lachen, der kann sauer sein, der hat die gleichen Macken wie vorher - mit einer besonderen Situation", sagt Claudia Cardinal. Sie ist Sterbeamme und begleitet Menschen, die sich auf den Tod vorbereiten. "Ich spreche lieber von Menschen im Abschied als von Sterbenden", betont die Heilpraktikerin. Denn Sterbende seien wir schließlich alle. "Und wenn wir mit dem Busfahrer so umgehen würden, wie wir mit jemandem umgehen würden, der tatsächlich austherapiert im Hospiz ist, dann würde die Welt anders aussehen!"

Die 62-Jährige mag klare Worte und starke Bilder. Zum Klönen habe sie keine Zeit, meint die Hamburgerin. Wozu übers Wetter reden, wenn es um den Sinn des Lebens geht. Den Tod. Und um das Danach. Mit diesen Fragen wurde Cardinal bereits als junge Frau konfrontiert. Ihre älteste Tochter starb im Alter von sechs Jahren an Leukämie. "Ich war 31, als meine Katastrophe passierte. Manchmal denke ich, Gott sei Dank, dass das so früh gekommen ist. Ich habe eigentlich keine Zeit verschwendet."

Geburt und Tod lassen demütig werden

Cardinal schreibt Bücher und verbringt viel Zeit in der Bahn. Zwischen Flensburg und Freiburg, von Duisburg bis Berlin bildet sie Sterbeammen und Sterbegefährten nach ihrem eigenen Konzept aus. Sterbeamme - der Begriff lässt viele Menschen erst einmal zusammenzucken. Das schade aber niemandem, meint Cardinal. "Wenn ich sagen würde, ich bilde Lebens-Ammen aus, dann würden alle denken, man könnte das am Wochenende lernen wie Massage. Aber es geht hier um was Richtiges!"

Die Parallele zur Hebamme liegt nahe. "Geburt und Tod sind die letzten beiden Kaventsmänner des Lebens", sagt die 62-Jährige, die gerade wieder Oma geworden ist. "Das sind die beiden Momente, die uns demütig werden lassen. Wir können sie nicht kontrollieren, aber wir können sie begleiten."

"Gelernt, nicht zu fragen"

Sterben und Trauern gehören zu den wenigen Tabuthemen, die es noch gibt, meint Cardinal. "Wir haben nicht gelernt zu fragen", sagt sie und fügt hinzu: "Schlimmer noch: Wir haben gelernt, nicht zu fragen." Sie sei erschüttert über die immer noch anhaltende Sprachlosigkeit der Gesellschaft beim Thema Sterben. "Krebskranke und Trauernde wissen etwas, was der Rest der Gesellschaft nicht weiß. Und anstatt sie zu Wort kommen zu lassen, tun wir so, als wenn nichts sei oder erteilen Ratschläge." Wir müssten wieder lernen zu fragen. Danach, was ein Kranker wünscht, wie man konkret helfen kann. "Und sei es, die Frage zu stellen: Darf ich dich fragen?"

Aus der Terrassentür ihres Wohnhauses im Hamburger Osten sind es nur ein paar Meter durch den verwilderten Garten bis in ihre Praxis. An diesem Nachmittag erwartet Cardinal ihre Klientin Sabine Dinkel. Die 50-Jährige ist an Eierstockkrebs erkrankt. Ein Rezidiv, ein Rückfall hat sie eingeholt. "Nach der Diagnose konnte ich nur noch denken: Du musst sterben, du musst sterben, du musst sterben", erzählt Dinkel. "Das sind die Monster", ergänzt die Sterbeamme. "Die Monster sind Sorge, Furcht, Angst, Panik. Und mit denen gilt es umzugehen." Wer in Panik ist, kann keinen klaren Gedanken mehr fassen und nicht handeln. Ihre Aufgabe als Sterbeamme sei es, den Kranken soweit zu begleiten, dass er wieder weiterdenken und schließlich wieder handeln könne.

Cardinal weckt Lebensgeister

Und wenn die Monster gebannt sind, dann kommen die Fragen. "Ich habe eine ganze Kiste voller Fragen", sagt Cardinal. Und so fragt die Sterbeamme zum Beispiel nach dem Sinn, nach der Bilanz des eigenen Lebens. Und sie fragt nach der Vorstellung von dem, was nach dem Tod kommt. "Zerfällst du da ausschließlich in deine Moleküle - oder auch?", formuliert Cardinal ihre Frage nach der Seele. "Die Antwort darauf ist eine immense Voraussetzung dafür, wie die Zukunft als Sterbender oder auch als Trauernder aussieht", so Cardinal, die in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen ist, aber als Jugendliche aus der Kirche ausgetreten ist. Ohne eine Seele könne man das Ende nur herbeisehnen. "Und wenn man an die Seele glaubt, dann ist der Tod nicht das Ende, dann darf ich den Verstorbenen doch weiter lieben."

Die Gespräche über ein mögliches Jenseits sind für Sabine Dinkel sehr wichtig geworden. "Ich bin nicht religiös, ich habe gar keine Vorstellung davon, was ist, wenn hier alles vorbei ist. Da muss ich mir etwas erarbeiten, auf das ich mich vorbereiten kann." Doch die beiden Hamburgerinnen reden in ihren Sitzungen nicht nur über den Tod. Mindestens genauso viel Raum nehmen die Fragen nach dem Leben ein. Immer wieder lachen sie miteinander, und Cardinal weckt die Lebensgeister ihrer Patientin, wo sie nur kann.

"Voller Leben stecken"

Auch so versteht sie ihre Arbeit als Sterbeamme - sie muss eine Lebensamme sein, damit Trauernde und Krebspatienten wieder ans Leben andocken können. "Wenn ich jemanden mit Leben anstecken möchte, dann muss ich voller Leben stecken, und dann kann das funktionieren."

Kirsten Westhuis
(KNA)

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