Qualität soll sich in Kitas verbessern
Eingewöhnung im Kindergarten braucht Zeit

28.08.2017

Gezielte Eingewöhnung soll Kita-Einstieg erleichtern Stundenweise weg von Mama und Papa

Sanfter Übergang: Für einen gelungenen Start in der Kita, der Krippe oder dem Kindergarten ist eine gute Phase der Eingewöhnung wichtig. Dafür müssen sich alle Zeit lassen, denn gerade den ersten Kita-Tagen kommt eine große Bedeutung zu.

Wenn im Spätsommer das neue Kitajahr losgeht, beginnt für viele Kinder und Eltern eine aufregende, manchmal auch schwierige Zeit. "Eine geschlagene dreiviertel Stunde hat sie geweint", berichtet eine Mutter in einem Internetforum für Eltern über den Kita-Start ihrer Tochter. Andere erzählen dagegen von Kindern, die schon am ersten Tag "ungerührt in den Gruppenraum laufen" und gar nicht mehr gehen wollen.

Große Bedeutung der ersten Tage

Den ersten Kita-Tagen kommt eine große Bedeutung zu, sagen Wissenschaftler. "Für das Kind ist alles - also die Umgebung, die Erzieherin, das Spielzeug und die anderen Kinder - noch fremd, auch wenn die Eltern die Kita mit ihrem Kind schon öfter besucht haben oder das Kind schon einen Schnuppertag hatte", erklärt Tina Eckstein-Madry, die an der Universität Wien zur Frühentwicklung von Kindern forscht.

Sie hat auch an der "Wiener Krippenstudie" zur Eingewöhnungsphase von Kleinkindern in Kinderkrippen mitgearbeitet. Die Essenz der Untersuchung: Eingewöhnung ist wichtig - es dauert im Schnitt 14 Tage, bis eine Bindung zu den Betreuungspersonen aufgebaut ist.

Auch leichte Trennung nicht unterschätzen

Scheinbar "kurz und schmerzlos" das Kind abzugeben, sei keine gute Idee, sagt auch Silvia Wiedebusch-Quante, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Hochschule Osnabrück und Mitherausgeberin des "Praxishandbuchs Kindergarten". "Man darf die Eingewöhnungszeit gerade für Kinder, die sich scheinbar leicht von ihren Bezugspersonen trennen können, nicht unterschätzen."

Aus Sicht von Eckstein-Madry ist die Eingewöhnungszeit für alle Beteiligten wichtig: "Begleiten die Eltern ihr Kind bei der Eingewöhnung, kann das Kind die Erzieherin kennenlernen und Vertrauen zur ihr aufbauen - im Wissen, dass die Eltern als Sicherheit noch da sind." Die Eltern lernten zugleich die Arbeit der Erzieherin kennen und könnten direkt beobachten, wie das Kind mit der neuen Situation umgehe. Und die Erzieherin könne mit den Eltern Rituale besprechen, zum Beispiel für das Verabschieden.

Berliner oder Münchner Modell

In den meisten Fällen bieten die Kitas ein Eingewöhnungskonzept an, das sich am sogenannten Berliner oder Münchner Modell anlehnt.

Die bindungsorientierten Modelle wurden zwischen den 80er und 90er Jahren entwickelt, nachdem ein Forschungsprojekt der Freien Universität Berlin gezeigt hatte, dass Kinder ohne Eingewöhnung bis zu vier Mal so häufig erkranken wie eingewöhnte Kinder. Bei den unter Zweijährigen kam es manchmal auch zu Rückständen in der Entwicklung.

Das Berliner Modell sieht vor, dass das Kind zunächst nur gemeinsam mit Mutter oder Vater die Kita besucht. Frühestens am vierten Besuchstag steht die erste Trennung an - meist nur für wenige Minuten. In den darauffolgenden Wochen wird die Dauer der Trennungen kontinuierlich gesteigert, die Eltern sollten in der Zeit in der Nähe bleiben. Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn sich das Kind gut von der Erzieherin trösten lässt - sich also eine Bindung eingestellt hat.

Langes Weinenlassen, wie es eine Mutter im Internetforum beschreibt, sei dabei "keinesfalls in Ordnung", sagt Silvia Wiedebusch-Quante. "Bei einer Eingewöhnung nach den bewährten Modellen wird die Trennungsphase abgebrochen, wenn sich das Kind nicht beruhigt."

Das Münchner Modell ist eine Weiterentwicklung des Berliner Modells. Hierbei wird darauf vertraut, dass nicht nur die Erzieherin, sondern auch die Gruppe - also die anderen Kinder - mit zur Eingewöhnung beitragen. Zudem ist es zeitlich weniger starr.

Eine gute Eingewöhnung erkenne man jedoch nicht daran, dass sie zwingend nach einem der beiden Modelle organisiert werde, sagt Eckstein-Madry. Wichtig sei, "dass die Einrichtung grundsätzlich eine Idee davon hat, wie sie die Eingewöhnung gestalten möchte und klar formulieren kann, was sie von den Eltern erwartet."

Qualitätsmanagement für die Eingewöhnung

Bei vielen Trägern ist das schon Standard, wie etwa bei den evangelischen Kitas im Zuständigkeitsbereich des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe mit Sitz in Düsseldorf. Sie wenden ein eigenes Qualitätsmanagement für die Eingewöhnung an. "Viele Einrichtungen lehnen sich dabei an das Berliner Modell an", sagt Sabine Prott, die im Diakonischen Werk für die Kitas zuständig ist.

Für Wissenschaftlerin Eckstein-Madry helfen zudem folgende Regeln beim Kita-Start: Vater oder Mutter sollte grundsätzlich bei der Eingewöhnung mit in den Gruppenraum kommen, die Begleitperson während der Eingewöhnungsphase nicht wechseln. "Eine kurze, aber klare Verabschiedung macht dem Kind deutlich, dass man jetzt geht." Ebenso könnten Rituale wie ein Abschiedskuss oder das Mitnehmen des Lieblingskuscheltiers die Eingewöhnung erleichtern.

Wichtig sei, dass jedes Kind die Zeit bekomme, die es auch brauche. "Das heißt auch für die Eltern, dass sie sich diese Zeit nehmen sollten - nicht nur für die Eingewöhnung, sondern auch für den restlichen Tag", sagt Eckstein-Madry. Denn die Phase der Eingewöhnung sei anstrengend für das Kind.

Auch Sabine Prott vom Diakonischen Werk appelliert an das Verständnis der Eltern. "Manchmal ist das schwer zu vermitteln - vor allem, wenn der Jobstart wieder ansteht oder schon ab einem gewissen Datum Beiträge für die Kita gezahlt werden, ohne dass das Kind voll da ist."

Stephanie Höppner
(epd)

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