Forscher: Den "typischen" Radikalen gibt es nicht
Forscher: Den "typischen" Radikalen gibt es nicht

07.07.2016

"Turbo-Radikalisierung" stellt Polizei und Forscher vor Probleme Aus der gesellschaftlichen Mitte

Politik, Forscher und Ermittler befassen sich zunehmend mit Radikalisierung. Sowohl von Rechtsradikalen als auch religiösen Fanatikern hat sich die Öffentlichkeit längst ein Bild gemacht. Doch es beginnt zu bröckeln.

Der "typische" Rechtsextreme oder der "typische" Terrorist: Wohl jeder, der die Nachrichten verfolgt, hat bei diesen Stichworten sofort ein Bild vor Augen. Forscher warnen jedoch vor Klischees.

So sprach der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) kürzlich von einem "neuen Tätertyp" bei Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte. Rund zwei Drittel der Tatverdächtigen seien zuvor nicht als rechte Gewalttäter aufgefallen. Sie gehörten nicht der organisierten rechtsextremistischen Szene an, sondern radikalisierten sich in der Anonymität und übersprängen "die Schwelle von der Ideologie zum Anschlag ohne Zwischenschritte", so der Minister.

Politik wie Ermittler sehen sich vor einer Herausforderung: Es sei besonders schwierig, eine derartige "Turbo-Radikalisierung»" rechtzeitig zu erkennen, erklärte Jäger.

Viele Fragen offen

Eine Studie der Londoner Queen Mary University hat dies bezüglich religiöser Radikalisierung schon vor zwei Jahren beschrieben. Sie sei ein Prozess, der sich über eine Veränderung des Selbstbildes und Indoktrinierung von außen entwickle, heißt es darin.

"Im Moment fehlen notwendige Einsichten darüber, wer gefährdet ist", erklärte damals der Hauptautor der Studie, Kamaldeep Bhui. Kaum erforscht seien die frühen Stadien der Radikalisierung und die Frage, welche Faktoren mögliche Interessenten letztlich überzeugten, sich tatsächlich einer Terrorgruppe anzuschließen.

"Keinerlei Erkennungszeichen"

Der Berliner Extremismus-Experte Thomas Mücke kennt das Problem - das seiner Ansicht nach Methode hat: "Manchmal gibt es keinerlei Erkennungszeichen, weil die Szene junge Menschen darauf einstellt, sich nicht zu erkennen zu geben." Der 57-Jährige leitet unter anderem die Berliner Beratungsstelle "Kompass" und ist Geschäftsführer des "Violence Prevention Network". Neu sei es indes nicht, dass latente Feindseligkeit zum Vorschein kommen könne, wenn Themen in der Öffentlichkeit hochkochten, so Mücke unter Verweis auf Rostock-Lichtenhagen.

Auch wenn es äußere Anzeichen gebe, seien sie nicht immer eindeutig, fügt der Experte hinzu. Ein Warnsignal könne es sein, wenn jemand soziale Kontakte abbreche, plötzlich großen Wert auf Rituale lege oder einschlägige Internetseiten besuche. "Ich würde mir zudem wünschen, dass Gleichaltrige etwas sagen, wenn sie sich um ihre früheren Freunde sorgen. Manchmal bemerken sie eine Veränderung schneller als die Eltern", so Mücke.

Überraschende Risikofaktoren

Die britischen Wissenschaftler kommen zu einem weiteren Schluss, der zunächst überrascht: Als Risikofaktoren für eine Radikalisierung nennt ihre Studie "Jugend, Wohlstand und Vollzeit-Ausbildung". Die Anzahl derjenigen, die mit Terrorismus sympathisierten, war unter jenen Teilnehmern besonders hoch, die unter 20 Jahren alt waren, studierten oder in Ausbildung waren, in Großbritannien geboren und finanziell gut da standen. Das passt nicht zum oftmals überlieferten Bild des sozial abgehängten Attentäters.

Mücke bestätigt, dass Radikalisierung "die gesamte gesellschaftliche Mitte" betreffe. Nicht nur Menschen aus prekären Lebenssituationen seien gefährdet. "Es kann auch die Tochter eines Polizeibeamten, der Sohn einer Lehrerin sein."

Internet spielt zentrale Rolle

In beiden Fällen, sowohl bei rechtsextremer als auch religiöser Radikalisierung, spielt nach Einschätzung von Experten das Internet eine zentrale Rolle. Jeder könne heutzutage eine breite Öffentlichkeit erreichen, heißt es im NRW-Verfassungsschutzbericht. In vielen Foren und Kommentarspalten seien eine "Verrohung der Sprache" und ein "Klima der Angst" hinsichtlich der Flüchtlingsdebatte zu beobachten.

Forscher pochen daher auch auf mehr Medienkompetenz. "Was wir derzeit in diesem Bereich machen, ist veraltet und damit obsolet", meint die französische Soziologin Divina Frau-Meigs. Medienkompetenz beziehe sich noch sehr stark auf Zeitungen und Rundfunk; Internet und soziale Medien spielten eine zu kleine Rolle. Grundsätzlich werde es jedoch weiterhin Tätertypen geben, deren Taten nicht vorhersehbar seien, meint Mücke. "Mit diesem Restrisiko muss die Gesellschaft leben."

​Paula Konersmann
(KNA)

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