Geerlings: Christliche Zuwanderer können Kirche in Deutschland verjüngen
Geerlings: Christliche Zuwanderer können Kirche in Deutschland verjüngen
Weihbischof Geerlings
Weihbischof Geerlings

30.01.2015

Bischofskonferenz: Christliche Zuwanderung ist Chance für Kirche Im ursprünglichen Sinne katholisch

Die Integration christlicher Zuwanderer in den deutschen Gemeinden ist schwierig, aber möglich. Der Migrationsexperte der Bischofskonferenz, Weihbischof Geerlings, erklärt, wie Einwanderer ein geistiges Zuhause finden können.

domradio.de: Überrascht es Sie, dass die meisten Zuwanderer aus christlichen Ländern kommen?

Weihbischof Dieter Geerlings (stellvertretender Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz, Weihbischof in Münster): Im ersten Moment hat es mich überrascht. Im zweiten Moment eigentlich überhaupt nicht. Es sind ja vor allem Menschen aus den EU-Ländern und das sind zu einem großen Teil christliche Länder. Das hängt natürlich mit der wirtschaftlichen und sozialen Lage in diesen Ländern zusammen.

domradio.de: Aus welchen Ländern kommen denn die Zuwanderer und welchen Glauben, welche christliche Religiosität bringen sie mit?

Weihbischof Geerlings: Der größte Teil derer, die hierhin kommen, sind Katholiken aus Polen. Das sind, wenn ich richtig informiert bin, etwa 16 Prozent. Zu den Katholiken können wir dann noch Italiener und Spanier zählen. Zu anderen christlichen Konfessionen zählen Rumänen, die nach den Polen die zweitgrößte Gruppe bilden, sie sind zu einem überwiegenden Teil orthodoxe Christen. Wir haben auch aus dem krisengeschüttelten Griechenland eine ganze Reihe an Zuwanderung.

Wenn man das so zusammenzählt, kann man fast sagen, dass die Zuwanderung aus diesen Ländern zu einem großen Teil katholisch und auch orthodox ist. Man muss natürlich ein bisschen differenzierter sehen, dass natürlich eine ganze Reihe säkularisierte Christen sind. Das gilt vor allen Dingen für Spanier und vielleicht Italiener. Rumänien und Polen sind tiefreligiöse Länder, da sieht es ganz anders aus. Das heißt, dass Deutschland zumindest nominell durch diese Zuwanderung christlicher wird.

domradio.de: Was heißt das für die katholische Kirche? Lassen sich die katholischen Einwanderer da einfach integrieren, finden sie ein neues geistiges und geistliches Zuhause?

Weihbischof Geerlings: Das ist natürlich schwierig. Die Integrationsfähigkeit der hiesigen Gemeinden ist sehr unterschiedlich. Das hängt manchmal auch von Personen ab. Zunächst gilt rein kirchenrechtlich, dass die hierhin kommenden katholischen Christen zu der Kirchengemeinde gehören, auf deren Territorium sie wohnen und zwar haben sie alle Rechte und alle Pflichten.

Das scheitert natürlich sehr häufig schon am Sprachproblem, dass sie nicht erreicht werden können - jedenfalls nicht sofort. Wir haben deshalb in den einzelnen Diözesen die sogenannten muttersprachlichen Gemeinden. Schon vor Jahrzehnten gegründet als viele Gastarbeiter hierher kamen. Wo sie zunächst einmal eine eigene Heimat haben, eine kirchliche Heimat, wo sie ihre Religiosität, ihr Gemeinschaftsleben, ihre Art Gottesdienst zu feiern, in ihrer Sprache auch leben können.

Wir haben die Erfahrung gemacht, wo ein gewisses Eigenleben in ihrer Kultur, ihrer Sprache, ihrer Religiosität möglich ist, da klappt auch auf Dauer das, was wir hier Integration nennen - in der Kirche vor Ort, aber auch in der Gesellschaft. Wichtig ist, das zeigen auch Untersuchungen, dass sie hier erst in ihrer Sprachgruppe, in ihrem Volk und das gilt dann auch für die christliche Gemeinde, dass sie hier eine Heimat finden. Dann kann von da aus, das Zusammenleben mit der Deutschen Gemeinde vor Ort viel besser geschehen.

domradio.de: Bringen die katholischen Zuwanderer auch eine eigene Tradition mit, die sich von dem Katholizismus in Deutschland unterscheidet?

Weihbischof Geerlings: Ja, zum Beispiel die Art Gottesdienst zu feiern - für viele sind unsere Gottesdienste hier etwas zu nüchtern. Es sind bestimmte Arten der Wallfahrten, es sind Prozessionen, es ist die Art und Weise, wie sie zum Beispiel katechetischen Unterricht geben. Das unterscheidet sich häufig von der Art, wie wir das hier gewohnt sind. Ein Beispiel für den katechetischen Unterricht ist, dass der Seelsorger da noch eine sehr große Rolle spielt. Bei uns sind es oft Eltern oder zum Beispiel Laien. Das ist aber sehr unterschiedlich zu den vorhin angesprochenen einzelnen Herkunftsländern.

domradio.de: Sie haben eben von Rechten und Pflichten gesprochen. Zu den Pflichten gehört, Kirchensteuer zu zahlen, das ist für viele Zuwanderer sehr ungewohnt. Führt das durchaus auch zu Austritten, weil Familien da sagen, ne, das können wir uns nicht leisten, wir müssen unser Geld zusammenhalten?

Weihbischof Geerlings: Das führt sicherlich auch zu Austritten. Austritten vielleicht auch dann, wenn Ihnen das nahe gelegt wird, dass sie so sparen können. Häufig auch, weil sie das gar nicht richtig verstehen, wie das hier ist. Sie wissen zum Beispiel nicht, wenn man hier aus diesem Steuersystem austritt, dass man eigentlich aus der kirchlichen Gemeinschaft austritt. Da ist noch sehr viel zu tun, um das deutlich zu machen. Da ist auch noch Diskussionsbedarf in unserer Kirche insgesamt vor diesem Hintergrund.

domradio.de: Unterm Strich, sehen Sie die Zuwanderung auch als eine Chance, die die katholische Kirche in Deutschland beleben kann?

Weihbischof Geerlings: Ich sehe das als eine große Chance. Wenn man sieht, dass die meisten Zuwanderer unter 45 Jahre alt sind, das verjüngt dann natürlich die Kirche und dass sie natürlich von ihren Traditionen her, von dem, wie sie Christentum leben, auch unsere Kirche beleben können. Unsere Kirche hier wird internationaler, sie wird eigentlich katholischer im ursprünglichen Sinne und sie kann weltoffener werden.

Von 1815-1925 hat die Zuwanderung aus dem Osten das Ruhrgebiet christlich gemacht, in dem Fall muss man sogar sagen, katholisch gemacht. Das wird so nicht genau ablaufen, aber ich will damit nur andeuten: Ich glaube, dass es für unsere Kirche in Deutschland ein Gewinn ist.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(dr)

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