Syrische Flüchtlingskinder in einem türkischen Auffanglager
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Syrischer Junge in Deutschland
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Außenminister Steinmeier und der libanesische Ministerpräsident Salam
Außenminister Steinmeier und der libanesische Ministerpräsident Salam

28.10.2014

World Vision zur Syrien-Flüchtlingskonferenz in Berlin "Deutschland muss viel mehr Flüchtlinge aufnehmen"

In Berlin haben sich Vertreter aus 40 Staaten getroffen, um ein "Signal der Solidarität" an die Aufnahmeländer syrischer Flüchtlinge in der Region zu senden. Marc-André Hensel vom christlichen Hilfswerk World Vision im domradio.de-Interview.

domradio.de: Sie arbeiten eigentlich im Libanon, sind aber anlässlich der Syrien-Konferenz gerade in Deutschland. Können Sie uns schildern, was bedeuten 1,3 Millionen Flüchtlinge für ein Land wie den Libanon?

Hensel: Für den Libanon ist das eine ganz besonders hohe Zahl, weil insgesamt nur ungefähr 4,5 Millionen Menschen im Libanon leben. Wenn dann davon, zusammen mit den palästinensischen Flüchtlingen, fast ein Drittel der Bevölkerung aus Flüchtlingen besteht, ist das ein riesiges demographisches Problem. Eine große Belastung für die Gemeinden, um die ganzen Services wie Wasserversorgung, Abwasserversorgung, Elektrizität, Wohnraum etc. zu stemmen. Das ist eine immense Herausforderung, die dort gemeistert werden muss.

domradio.de: Wie sieht denn das Miteinander zwischen den Flüchtlingen und den Menschen im Libanon aus?

Hensel: Der Libanon war eigentlich sehr ausgezeichnet dafür, wie gut und großmütig die Menschen die Flüchtlinge aufgenommen haben. Anders als in Jordanien leben die Menschen ja zum größten Teil in Haus-Communities, in Gemeinschaften also, in Städten und Dörfern und nicht in Camps. Ungefähr 20 Prozent der syrischen Flüchtlinge leben in kleinen Zeltstädten, die mehr oder weniger illegal sind. Dementsprechend hat man mehr eine versteckte syrische Flüchtlingsgemeinschaft, die nicht ganz so offensichtlich ist wie in anderen Ländern. Allerdings steigen die Spannungen zwischen den Libanesen und den syrischen Flüchtlingen täglich zu einem sehr besorgniserregenden Maße, weil natürlich auch die syrischen Flüchtlinge versuchen, Tagelöhnerjobs zu bekommen, in den Arbeitsmarkt drängen, der an sich schon extrem angespannt ist im Libanon. Die libanesische Bevölkerung steht jetzt in Konkurrenz zu den syrischen Flüchtlingen im Zugang zu Wasserversorgung, Abwasserversorgung, Wohnraum, zu Arbeitsplatzmöglichkeiten etc. Das ist sehr schwierig. Zudem ist der Libanon ja auch ein sehr fragmentierter Staat in Bezug auf religiöse Gruppen. Es gibt ungefähr 18 registrierte religiöse Gruppen, die dort präsent sind und sich auch geographisch abgegrenzt haben im ganzen Land. Jetzt gibt es dort diesen Ansturm von hauptsächlich sunnitischen, aber auch schiitischen Flüchtlingen. Der trägt natürlich dazu bei, dass es auch immer mehr Spannungen zwischen diesen verschiedenen Regionen gibt.

domradio.de: Eine weitere Verschärfung der Lage steht jetzt mit dem nahenden Winter bevor. Was muss denn jetzt dringend passieren?

Hensel: Ungefähr 80 Prozent der Flüchtlinge im Libanon leben in Häusern, in Garagen, in Kellern, in verschiedenen Formen von mehr oder weniger festen Unterkünften, die in der Regel eher weniger gut isoliert sind. 20 Prozent leben in Zelten. Wichtig ist, dass sie einen Ofen haben, dass sie Decken haben, dass sie trocken bleiben können, um nicht krank zu werden und einfach würdevoll den Winter zu überstehen. Wir gehen jetzt in den vierten Winter in dieser Krise. Es ist immer noch keine Lösung in Sicht, wie man damit umgehen soll. Es gibt einige, denen es besser geht, die eine feste Unterkunft haben. Für die, die in Zelten leben, gerade in der Bekaa-Ebene im Libanon, wo es Schnee gibt und einen richtigen Winter, wird es richtig hart.

domradio.de: Nun trifft man sich ja heute in Berlin zur Syrien-Konferenz, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen und über finanzielle Hilfen zu beraten. Reichen denn ein Signal und Geld aus?

Hensel: Man kann so viel mit Geld kaufen, aber bestimmt nicht alles. Was evident ist, dass in den umliegenden Ländern Jordanien, Irak, vor allem auch im Libanon und in der Türkei das Aufnahmepensum für Flüchtlinge erreicht ist. Es ist ganz wichtig, dass die internationale Staatengemeinschaft deutlich mehr syrische Flüchtlinge aufnimmt in die westlichen Länder, um diesen Druck auf die umliegenden Länder zu mindern. Wir können natürlich sehr viel tun in der Verbesserung von Infrastruktur, von Wohnräumen, von Zugang zu sozialen Netzwerken oder Auffangstationen, um Menschen zu versorgen, aber das dauert noch sehr viel länger. Hilfe wird schneller gebraucht. Und ich glaube auch nicht, dass das die langfristige Lösung ist. Der Flüchtlingsdruck auf die umliegenden Länder muss gemindert werden. Deutschland hat schon 70.000 aufgenommen und ist damit eines der Länder, die am meisten aufgenommen haben, aber diese Zahl muss sich noch deutlich vergrößern.

domradio.de: Woran liegt es denn, dass die Länder der EU sich so zurückhalten bei der Aufnahme von Flüchtlingen?

Hensel: Die Aufnahme von Flüchtlingen ist generell immer ein Problem, ein sehr bürokratischer Weg. Die verschiedenen Länder der Europäischen Union haben unterschiedliche Gesetze. Deutschland hat noch entspanntere Gesetze als andere EU-Staaten. Ich kann es nicht genau sagen. Diese Krise in Syrien ist einfach nach wie vor unterschätzt worden. Wir kämpfen jetzt immer mehr mit diesen ungelösten Problemen, die immer komplexer werden. Dazu zählt auch die Flüchtlingssituation, dazu zählt der Islamische Staat und andere Phänomene, die jetzt auftauchen. Je länger wir warten mit einer wirklich engagierten Maßnahme, um dort einzugreifen und Lösungen zu finden, je schwieriger werden die Probleme für die Weltgemeinschaft.

Das Gespräch führte Susanna Gutknecht.

(DR)

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