Rainer Maria Kardinal Woelki
Rainer Maria Kardinal Woelki

10.12.2020

Kardinal Woelki nimmt Stellung zu Vertuschungsvorwürfen "Untersuchung lässt niemanden aus"

Nach neuen Vorwürfen der Missbrauchsvertuschung verweist der Kölner Kardinal Woelki auf ein Gutachten, das im März veröffentlicht werden soll. Derweil prüfe der Münsteraner Bischof Felix Genn nach Medienangaben ein kirchenrechtliches Verfahren.

Am 30. Oktober 2020 hatte das Erzbistum Köln verkündet, eine Neufassung des von Kardinal Rainer Maria Woelki in Auftrag gegebenen Gutachtens zum Umgang mit sexuellem Missbrauch zu veranlassen. Hintergrund waren gravierende methodische Mängel, die nach Auffassung des Bistums eine Veröffentlichung unmöglich machten. Seither wird das Vorgehen des Erzbistums Köln und damit die Nichtveröffentlichung des Gutachtens der Kanzlei "Westpfahl Spilker Wastl" medial stark diskutiert. Der Fokus richtet sich derzeit insbesondere auf konkrete Fälle und Einzelschicksale. Zuletzt wurden in der Presseberichterstattung auch kirchenrechtliche Vorwürfe gegen Kardinal Rainer Maria Woelki selbst in einem Fall erhoben. Dazu nimmt Kardinal Woelki wie folgt Stellung:

"Der Auftrag der unabhängigen Untersuchung ist klar: ohne Ansehen von Person und Amt werden alle Vorgänge im Umgang mit sexualisierter Gewalt der vergangenen Jahrzehnte aufgeklärt. Die Untersuchung lässt deshalb niemanden aus, auch mich nicht. Ich gehe davon aus, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe und der damit verbundene Fall Teil der aktuellen Unabhängigen Untersuchung sind. Nur auf Basis einer vollständigen Aufarbeitung können wir aus systematischen Verfehlungen lernen und personelle und organisatorische Konsequenzen ableiten. Ebenso werde ich als Erzbischof auch für entstandenes Leid durch Verantwortungsträger im Erzbistum moralische Verantwortung übernehmen, dies jedoch auf unvollständiger Grundlage zu tun, würde der Sache nicht gerecht. Sollte ich im konkreten Fall Fehler gemacht haben, werden diese klar benannt und ich werde danach handeln.“

Der Hintergrund

Die Erzdiözese Köln bestätigte am Mittwoch auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur Zeitungsberichte, wonach sich gegen einen heute 73-jährigen Ruhestandsgeistlichen und religionspädagogischen Sachbuchautor Vorwürfe sexualisierter Gewalt richten. Nähere Details wurden nicht mitgeteilt. Der Fall sei Gegenstand der unabhängigen Untersuchung über die Vertuschung von Missbrauchsfällen, die der Kölner Strafrechtler Björn Gercke bis März 2021 vorlegen solle.

Laut "Bild"-Zeitung hat der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki dem Priester F., der 1986 erstmals auffällig geworden sein soll, vor zwei Jahren die öffentliche Ausübung seines priesterlichen Dienstes verboten. Erst nach neuerlichen Vorwürfen im März 2019 habe der Erzbischof eine kirchenrechtliche Voruntersuchung eingeleitet und den Fall der Glaubenskongregation in Rom übergeben.

Nach Darstellung der Zeitung beklagten sich Messdiener bereits 1986 über Berührungen des Kölner Priesters. 1990 sei er mit Jungen, sexuelle Handlungen ausführend, in einem Gebüsch aufgefunden und ein Jahr später wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern unter 14 Jahren angeklagt worden. Das strafrechtliche Verfahren sei gegen Geldzahlungen eingestellt worden.

Schweigegeld über 30.000 Mark

Einige Jahre später habe der Priester eine Mutter mit mehreren Söhnen aufgenommen und dann auch diese Minderjährigen missbraucht, was 1997 offenbar wurde. In einem "sittenwidrigen Knebelvertrag", so der Bericht, habe er sich das Stillschweigen der Mutter für 30.000 Mark erkauft. Im Jahr 2000 sei F. in den einstweiligen und 2004 in den endgültigen Ruhestand versetzt worden. In seiner Zeit als Ruhestandspriester sei es 2010 wieder zu Beschwerden gekommen.

Der damalige Kölner Kardinal Joachim Meisner und sein Generalvikar, der heutige Weihbischof Dominikus Schwaderlapp, sollen laut "Kölner Stadt-Anzeiger" den Geistlichen damals entgegen kirchenrechtlichen Vorgaben nicht mit weiteren Sanktionen belegt haben. Meisner habe sogar ein von F. beantragtes Kinderbuchprojekt ausdrücklich gestattet.

Der Fall sei auch Bestandteil des Missbrauchsgutachtens von Westpfahl-Spilker-Wastl. Die Untersuchung der Münchner Kanzlei hat Woelki bislang nicht veröffentlicht und zur Begründung auf methodische Mängel verwiesen.

Weiterer Fall: Pfarrer O.

Ein anderer Fall, in dem es auch um das persönliche Verhältnis der Kölner Kardinals Woelki zum mutmaßlichen Täter geht, wird in der Donnerstagsausgabe des Kölner Stadtanzeigers geschildert. Wie die Zeitung berichtet, soll Woelki als Erzbischof im Jahr 2015 einen Fall schweren sexuellen Missbrauchs durch einen Düsseldorfer Priester pflichtwidrig nicht an den Vatikan gemeldet haben. Betroffen von den Vorwürfen sei auch hier wieder Woelkis Vorgänger, Joachim Kardinal Meisner.

Bistum: "Opfer wollte sich nicht an Aufklärung beteiligen"

Das Erzbistum erklärte auf Anfrage des "Stadt-Anzeigers", Woelki habe versucht, den konkreten Tatvorwurf recherchieren zu lassen. Der "sehr verschlechterte Gesundheitszustand" von Pfarrer O. sowie die Entscheidung des Opfers, nicht an der Aufklärung mitwirken und sich keiner Konfrontation mit dem Beschuldigten aussetzen zu wollen, hätten die Einleitung einer kanonischen Voruntersuchung unmöglich gemacht. Woelki kannte nach Darstellung der Zeitung den 2017 in Düsseldorf gestorbenen Theologen seit seiner Ausbildungszeit zum Priester. In den Jahren 1983/84 soll er als Praktikant und Diakon in dessen Pfarrgemeinde tätig gewesen sein. Danach sei er dem Priester über Jahrzehnte eng verbunden geblieben, heißt es weiter.

Von den Vorwürfen habe Kardinal Woelki nach Bistumsangaben in "allgemeiner" Form bereits 2011 als für Düsseldorf zuständiger Weihbischof erfahren. Kardinal Meisner unterließ laut des Zeitungsberichts schon damals Schritte, die das Kirchenrecht und die bischöflichen Leitlinien zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs vorschreiben. Das Bistum habe dazu erklärt, der Gesundheitszustand des Priesters sowie der Wunsch des Opfers hätten eine Konfrontation des Beschuldigten mit den Vorwürfen verhindert.

Opfer war Kindergartenkind

Die Tat selbst datiert laut "Kölner Stadt-Anzeiger" in die späten 70er Jahre. Das Opfer sei ein Junge im Kindergartenalter gewesen. Der Mann habe den Missbrauch 2010 beim Erzbistum Köln angezeigt. Nach einer Prüfung habe das Erzbistum ihm eine Summe von 15.000 Euro gezahlt.

Die Führung des Erzbistums Köln steht derzeit in der Kritik, weil die Diözese ein erstes Gutachten zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch durch Kleriker nicht veröffentlichen will. Nach Angaben des Erzbischofs erfüllt das Gutachten der Münchener Anwaltkanzlei nicht die Anforderungen an eine unabhängige Untersuchung. Dabei beruft sich der Erzbischof auf eine wissenschaftliche Einschätzung von zwei Juristen. Ein neues Gutachten wurde in Auftrag gegeben. Ende November hatte Woelki angekündigt, dass ausgewählte Personen doch Einblick in das erste, umstrittene Gutachten erhalten sollen.

Bischof Genn prüft kirchenrechtliches Verfahren

Münsters Bischof Felix Genn prüft derzeit offenbar, ob er gegen den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki kirchenrechtliche Untersuchungen aufnehmen wird. Als dienstältester Bischof in der Kölner Kirchenprovinz wolle er alle kirchenrechtlich gebotenen Schritte unternehmen, sagte er dem Internetportal "Kirche-und-Leben.de". Laut dem Kirchenrecht müsste er aber zuvor eine Anzeige erhalten, wonach Woelki zivile oder kirchenrechtliche Untersuchungen gegen einen Kleriker unterlassen habe, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird.

Genn ist auch Mitglied der Bischofskongregation im Vatikan. Sie ist für disziplinarische Maßnahmen gegen Bischöfe in aller Welt zuständig.

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