Sörensen: "Es ist wichtig, darüber zu reden."
Symbolbild Missbrauch, Schatten eines Kreuzes
Dr. Thomas Arnold, Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen
Dr. Thomas Arnold, Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen

11.11.2020

Akademiedirektor fordert Bischöfe zur Diskussion über geistlichen Missbrauch auf "Wir brauchen dazu Mut und Ehrlichkeit"

Geistlicher Missbrauch ist sehr viel subtiler, kann sogar eine Vorstufe von sexuellem Missbrauch sein. In der Kirche ist das Thema noch relativ neu. Das will Thomas Arnold, Direktor der katholischen Akademie im Bistum Dresden-Meißen, ändern und macht die Bedeutung klar.

DOMRADIO.DE: Was unterscheidet geistlichen von sexuellem Missbrauch?

Dr. Thomas Arnold (Direktor der katholischen Akademie im Bistum Dresden-Meißen): Ich denke, wir müssen in zwei Richtungen schauen: Das eine ist, dass beim geistlichen Missbrauch ganz stark mit Angst, Abhängigkeit, Bedrängnis gearbeitet wird, unter Preisgabe eigener Autonomie und das alles noch mit dem Horizont Transzendenz, Gott, unter den Mantel des Christlichen gepackt wird.

Das ist oftmals ein Vorfeld zum sexuellen Missbrauch. Wir müssen uns das noch mal ganz eigen anschauen, gerade als Religionsgemeinschaft, gerade als Kirche. Das haben wir ja im letzten Jahrzehnt gemerkt: Wir haben beim sexuellen Missbrauch eine enorme moralische Fallhöhe. Alles, was da passiert ist, vertuscht wurde, ist schlimm. Aber wir haben auch gesehen, das kann auch in anderen Institutionen grundsätzlich passieren. Beim geistlichen Missbrauch müssen wir ganz klar sagen: Das ist eine Eigenart von Religionsgemeinschaften, von Religionen, weil da das Transzendente, Gott, hergezogen wird, um eigene Macht zu legitimieren. Und deswegen braucht es hier nochmal eine ganz besondere Sensibilität von uns als Kirche.

DOMRADIO.DE: Es gibt überhaupt gar keine richtige Definition, auf die man sich zum Beispiel juristisch oder kirchenrechtlich berufen könnte. Ich kann also niemanden für geistlichen Missbrauch verklagen. Bräuchte es so eine Definition?

Arnold: Da merken Sie genau die Schwierigkeit, weswegen wir auch diese Tagung machen. Wir haben im Moment viele Aufbrüche. Ich erinnere nur an das Buch von Doris Wagner. Klaus Mertes hat es schon thematisiert, auch Inge Tempelmann. Alle haben sich mit dem Thema schon beschäftigt. Aber wir haben noch nicht auf nationaler Ebene oder als Kirche eine klare Definition, klare Kriterien, mit denen wir auch sagen können, anschließend: An diesen Punkten arbeiten wir auf, mit diesen Punkten betreiben wir Prävention. Und mit diesen Punkten bestrafen wir eventuell auch die, die schuldig geworden sind. Deswegen ist es ein Ansatz der Tagung mit drei verschiedenen Perspektiven, einmal psychisch, psychologisch, medizinisch, dann theologisch, spirituell und zum dritten juristisch und staatsrechtlich als auch kirchenrechtlich zu schauen: Wie kommen wir voran eine Definition und Kriterien innerhalb der Kirche zu entwickeln. Und deswegen müssen wir verstehen: Es ist ein Standpunkt. Es ist ein Beginn. Ich bin fest davon überzeugt, die Befassung der Kirche mit dem spirituellen Missbrauch ist ein Marathon und wir machen gerade den Startschuss. Ich hoffe, dass die Deutsche Bischofskonferenz im Februar 2021 bei ihrer Vollversammlung in Dresden sich weiter mit diesem Thema beschäftigt. Ich hoffe auch, ehrlich gesagt, dass wir mit dem Synodalen Weg auch diese Thematik weiter aufgreifen. Sodass wir auf diesem Marathon selbst als Kirche aktiv werden und sagen: "Es ist unser Thema. Wir nehmen es uns an. Wir brauchen dazu Mut und Ehrlichkeit, die Thematik anzupacken".

DOMRADIO.DE: Sie haben es gerade schon angesprochen. Sie sind Mitglied der Vollversammung des Synodalen Weges, dem Reformdialog der Katholischen Kirche in Deutschland. Die Formulierung geistlicher Missbrauch taucht ja in der zu Grunde liegenden MHG-Studie, die tausende Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche offengelegt hat, nicht auf. Ist das kein Thema für den Synodalen Weg?

Arnold: Die MHG-Studie war ein Anlass, der den Synodalen Weg erst einmal ins Leben gerufen hat. Aber wenn ich genau hinschaue, auf die Foren, die sich mit den vier Themen beschäftigen, gerade Frauen in Ämtern, aber auch Machtmissbrauch als zweiter Punkt, auch priesterliche Existenz heute. Das kratzt doch extrem an der Frage des geistlichen und geistigen Missbrauchs oder besser gesagt, des richtigen Umgangs in der Seelsorge. Und deswegen hoffe ich zutiefst, dass in den Papieren, die am Ende verabschiedet werden, die Frage eines guten Umgangs in der Seelsorge, die möglichst in Strukturen verhindert, dass wir geistlichen Missbrauch ermöglichen innerhalb unserer Institution, dass das Thema ist. Dass das nicht nur reflektiert wird, sondern am Ende in den Papieren auch einen Niederschlag findet. Der Synodale Weg muss sich als Laien und Kleriker mit der Frage des geistlichen Missbrauchs beschäftigen.

DOMRADIO.DE: Schauen wir noch ins Ausland. Es gibt zum Beispiel eine Studie von missio, die offenlegt, wie sehr Ordensfrauen zum Beispiel in vielen Ländern unter geistlichem Missbrauch leiden. Sind auch unsere Hilfswerke gefordert, da mal etwas zu unternehmen?

Arnold: Ich habe ein paar Jahre im Hilfswerk gearbeitet. Ich habe hohen Respekt vor der Arbeit, die missio, Misereor, Sternsinger, Adveniat und die anderen Hilfswerke leisten und damit Hilfe im Ausland ermöglichen. Wir haben in den letzten Jahren ja eine sehr starke Entwicklung hin zum Partnerschaftsbegriff gehabt. Ich glaube, wir müssen aufpassen, dass wir als Kirche in Deutschland nicht wahrgenommen werden, als die, an denen das ganze Wesen genesen soll, wie das alte Zitat heißt aus dem 19. Jahrhundert. Aber dass wir partnerschaftlich sensibilisieren für die Thematik, auch in anderen Ländern, in Frankreich, Österreich, die sind in ähnlichen Prozessen wie wir hier in Deutschland. Aber, dass wir eben auch in Afrika, Asien, Südamerika dafür sensibilisieren, dass es Machtstrukturen gibt innerhalb der Kirche, die ungesund sind, weil sie die Freiheit des Einzelnen einschränken. Und da kann natürlich die Förderung das eine sein. Aber vor allem das miteinander gehen, das gegenseitig sensibilisieren. Eine Studie ist ein erster Beginn. Ich hoffe und wünsche mir von den Hilfswerken, dass sie in die Welt diese Thematik tragen, diskutieren und partnerschaftlich auch Wege suchen, wie in den verschiedenen Kontinenten, in den verschiedenen Lebenssituationen, auch in den verschiedenen Erfahrungen mit Kirche damit umgegangen werden kann. 

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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