DOK-Missbrauchsumfrage: Unsägliches Leid
DOK-Missbrauchsumfrage: Unsägliches Leid
Karl Haucke (l.), Sprecher des Betroffenenbeirats des Erzbistums Köln
Karl Haucke (l.), Sprecher des Betroffenenbeirats des Erzbistums Köln
DOK-Vorsitzende Katharina Kluitmann
DOK-Vorsitzende Katharina Kluitmann

28.08.2020

Deutliche Kritik von Betroffenen nach Missbrauchs-Befragung der Orden "Der Bericht trieft vor Selbstmitleid"

Jeder dritte katholische Orden muss sich laut einer aktuellen Befragung Missbrauchsvorwürfen stellen. Der Betroffenenbeirat des Erzbistums Köln übt massiv Kritik: Die Aufarbeitung laufe schleppend und die Opfer stünden nicht im Mittelpunkt.

DOMRADIO.DE: Wie sehen Sie diese aktuellen Ergebnisse der Befragung in den gut 390 Ordensgemeinschaften in Deutschland?

Karl Haucke (Sprecher des Betroffenenbeirats zur Aufklärung sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln): Zunächst einmal: Wenn ich heutzutage gefragt werde, ob es etwas gibt, was mir wehtut oder - wie die Fachleute sagen - was mich retraumatisiert, muss ich sagen: Es sind nicht die Missbrauchserfahrungen anderer Betroffener oder deren lebenslange gesundheitliche Folgen. Es sind genau solche Verlautbarungen aus dem kirchlichen Bereich, wie jetzt die Veröffentlichung der Befragungsergebnisse der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK).

DOMRADIO.DE: Was ist das, was Sie daran so betrifft?

Haucke: Der Bericht trieft ja nur so von Selbstmitleid. Es wird keine Gelegenheit ausgelassen, daran zu erinnern, wie alt, schwach und arm die Ordensgemeinschaften doch sind. Wenn von den Betroffenen sexueller Gewalt gesprochen wird, dann werden die als Betroffene benannt, ohne daran zu erinnern, dass wir mal kleine, schwache Kinder waren, als wir vergewaltigt und geschändet wurden.

DOMRADIO.DE: Das heißt, Sie sehen mehr, dass die Täter in den Mittelpunkt gerückt werden und nicht die Opfer?

Haucke: In der Zusammenfassung der Ergebnisse geht es den Autoren dieser Befragungsergebnisse ganz sicher mehr um sich selbst als um uns.

DOMRADIO.DE: Es gibt ja auch Kritiker, die den Orden vorwerfen, dass eine nachvollziehbare Aufarbeitung verzögert wird.

Haucke: Das sehe ich auch so. Die meisten Maßnahmen, die in diesem Bericht vorgeschlagen werden, hätte man schon vor Jahren angehen können. Aber man hatte ja damit zu tun, die Wahrheit abzuwehren und sich trickreiche Varianten dazu auszudenken.

DOMRADIO.DE: Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, sagt, dass ein größerer einheitlicher Umgang in der Missbrauchsaufarbeitung zu unterstützen sei. Denn jeder Orden, jedes Bistum, jede katholische Institution macht irgendwie noch seine eigene Sache. Würden Sie Bischof Ackermann da beipflichten?

Haucke: Ja, auf jeden Fall. Es ist absolut erforderlich. Es darf nicht sein, dass jedes Bistum anders mit den Anforderungen der Aufarbeitung und auch mit den Anforderungen der Entschädigungen umgeht. Und es darf nicht sein, dass die Orden sich weiterhin auskoppeln, wie schon bei der MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz.

Diese Einigkeit im Vorgehen setzt natürlich voraus, dass die Angehörigen der Orden erst einmal einsehen, dass dieses ganze Thema sie angeht. Die Befragung hat ergeben: Drei Viertel der 260 Ordensgemeinschaften, die zu den entsprechenden Fragen geantwortet haben, haben keine institutionellen Schutzkonzepte. Dazu gehören 41 Ordensgemeinschaften, die regelmäßig Kontakt mit Schutzbefohlenen haben, also Minderjährigen oder auch Erwachsenen. Solche Zahlen, wie klein die Orden auch immer sein mögen, sprechen nicht für eine große Einsicht.

DOMRADIO.DE: Das heißt, da geht es nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Gegenwart.

Haucke: So ist es.

DOMRADIO.DE: Wenn jetzt die Ordensbefragung durch ist, erwarten Sie, dass da noch was kommt? Oder ist das die letzte noch abgespaltene Aufarbeitung?

Haucke: Da kann ich im Grunde nichts zu sagen. Von Seiten der Orden habe ich da auch keine neuen Informationen. Aber wir haben ja noch die Aufarbeitung in den 27 Bistümern zu erwarten. Da werden ja derzeit die Kommissionen gebildet, soweit man Betroffene dafür findet. Natürlich gibt es irgendwann 27 Berichte. Leider, muss ich sagen, in einer solch zersplitterten Form.

DOMRADIO.DE: Kardinal Woelki hat für das Erzbistum Köln schonungslose Aufklärung durch eine unabhängige Kanzlei versprochen. Die angekündigte Pressekonferenz dazu ist verschoben worden. Dieser Prozess scheint derzeit zu stocken. Wie sehen Sie das?

Haucke: Natürlich, er stockt, das ist für jeden wahrnehmbar. Wir als Betroffenenbeirat des Erzbistums haben in den letzten Monaten Kardinal Woelki angeschrieben und gefragt: Wie ist der Stand? Er ist dann auch in eine Sitzung des Betroffenenbeirates gekommen und hat die Sachverhalte erklärt. Und er konnte und wollte auch zu Recht keine zeitlichen Angaben machen, wann denn nun mit den Ergebnissen dieser Studie zu rechnen ist. Denn er sagte: Dann gebe ich Ihnen jetzt ein Datum, und dann hakt es wieder irgendwo, und sie sind wieder enttäuscht. Das wollte er vermeiden.

DOMRADIO.DE: Ging es da auch noch einmal darum, warum sich das so lange verschiebt?

Haucke: Es gibt äußerungsrechtliche Bedenken. Also, irgendjemand ist dagegen, dass irgendetwas Bestimmtes gesagt wird. Und ob man die Bedenken überhaupt ausräumen kann - ich kann es nicht voraussehen. Ich bin auch kein Jurist.

DOMRADIO.DE: Wenn man nochmal versucht, eine ganz kurze Bilanz zu ziehen: Vor gut zehn Jahren sind die ersten Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche ans Licht gekommen. Und man ist jetzt mit der Aufarbeitung, die vielerorts versprochen wurde, immer noch nicht fertig. Warum dauert das so lange, in Ihren Augen?

Haucke: Das kann man sich tatsächlich mal auf der Zunge zergehen lassen: Es sind fast elf Jahre, dass dieses Missbrauchsgeschehen in Deutschland und weltweit bekannt wurde. Der Bericht der DOK hat elf Seiten. Letztlich heißt das ja, die Orden haben sich für jede Seite ihres Aufklärungsberichtes ein Jahr gegönnt. Das ist natürlich nur rein rechnerisch richtig. Aber es ist ein Abbild der Verzögerungen, ein Abbild des Unwillens geradezu, mit dem die Ordensgemeinschaften dieses Thema angegangen sind. Es ist mühsam, natürlich, es tut auch innerhalb der Orden weh. Und es tut auch gegenüber der Öffentlichkeit weh, zu sagen: Wir haben versagt - als Geistliche, als Helfer, als Betreuer von Kindern.

DOMRADIO.DE: Die Aussagen des Bedauerns oder der Entschuldigungen und die Versagensbekundungen sind das eine. Aber wie ist denn der Stand der Dinge zu den Zahlungen zur Anerkennung des Leids?

Haucke: In den 50er und 60er Jahren gab es in der Adventszeit in Kirchen immer eine kleine Figur. Es ist heute politisch nicht korrekt, das so zu sagen, aber die historische Wahrheit in der damaligen Zeit: Das war eine kleine Missionsspardose, früher "Nickneger" genannt, die immer mit dem Köpflein nickte, wenn man da eine Münze rein warf.

Ich habe das Bedürfnis, immer wieder den Verantwortlichen zu sagen: Wir sind keine kleinen, kopfnickenden "Negerlein", die brav nicken, wenn sie denn gefragt werden oder wenn man ihnen ein Opferlein darreicht. Wir sind Opfer von Verbrechen, die von geweihten Christen begangen wurden und danach auch noch von geweihten Christen geschützt wurden und geschont wurden. Diese Verantwortlichkeit muss endlich anerkannt werden.

DOMRADIO.DE: Sie als Opfer sind aber jetzt nicht nur in der Rolle, dass Sie sagen: Uns geschah Unrecht und wir ziehen uns jetzt zurück. Sondern Sie sind Sprecher des Betroffenenbeirats zur Aufklärung sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln. Wo stehen Sie als Beirat?

Hauke: Wir hatten natürlich als Betroffenenbeirat des Erzbistums noch keine Gelegenheit, uns auszutauschen: Was bedeutet diese neue Studie der Orden für uns? Das müssen wir ja auch erst mal überlegen. Aber vom Grundsatz her ist es häufig nach solchen Ereignissen so - wie auch nach jeder Bischofskonferenz - dass sich Betroffene bei uns melden. Die rufen uns an, die fragen nach, bis hin zu der Frage: Wann kann ich mein Geld abholen? Das wird sicherlich eine der ersten Konsequenzen sein, die jetzt folgt.

DOMRADIO.DE: Lassen Sie uns noch kurz auf die Frage kommen, was Sie von der Politik eigentlich erwarten.

Hauke: Die Orden durften ja so ziemlich machen, was sie wollten. Sie unterhalten Schulen, Heime, Internate, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Das alles sind Körperschaften öffentlichen Rechts mit allen Vorzügen, die man in einer solchen Körperschaft genießt. Und es ist endlich Zeit, dass der Staat sich da in gewisser Weise einmischt.

Ganz konkret: Ich habe die Forderung, dass der Bundestag eine Kommission bildet - früher haben wir sie Wahrheitskommission genannt -, die sich spezifisch mit der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen durch katholische Ordensangehörige befasst.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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