Kardinal Theodore Edgar McCarrick
Kardinal Theodore Edgar McCarrick

07.07.2020

Washingtoner Ex-Kardinal Theodore McCarrick wird 90 Der tiefe Fall eines erfolgsverwöhnten US-Kirchenmanns

​Um den Schock zu begreifen, den das Bekanntwerden der sexuellen Verfehlungen von Ex-Kardinal McCarrick in den USA auslöste, muss man sich vor Augen halten, welche Autorität er über Jahrzehnte verkörperte. An diesem Dienstag wird er 90 Jahre alt.

Er gehörte zu den erfolgreichsten Figuren der katholischen Kirche in den USA. Als Erzbischof von Washington (2001-2006) erhielt er den Kardinalshut; Spitzenpolitiker suchten seinen Rat und seinen Einfluss. Doch der Missbrauchsskandal in der US-Kirche ließ ihn im Alter fast ins Bodenlose fallen. Am Dienstag (7. Juli) wird Theodore McCarrick 90 Jahre alt.

Als 2009 Senator Edward Kennedy auf dem nationalen Heldenfriedhof in Arlington zu Grabe getragen wurde, war es McCarrick, der am Grab einen Brief vorlas, den Kennedy an Papst Benedikt XVI. geschrieben hatte und in dem er ihm die Nachricht von seiner tödlichen Krebserkrankung mitteilte.

Beste Kontakte zu allen Seiten

Und als 2014 die Geheimverhandlungen zwischen der US-Regierung von Barack Obama und Diktator Raul Castro in Kuba um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen stockten, spielte McCarrick eine Schlüsselrolle, als es darum ging, Papst Franziskus als Vermittler ins Spiel zu bringen. Er hatte Erfolg, denn McCarrick hatte beste Kontakte zu allen Seiten.

Seine herausragende Stellung auch auf internationaler Bühne belegen Fotos mit Päpsten, Präsidenten und anderen Prominenten. Umso tiefer war sein Sturz, als bekannt wurde, dass er offenbar vor 50 Jahren als Priester in New York einen Minderjährigen missbraucht hat. Gleichzeitig wurden Fakten öffentlich, die manche Journalisten und Insider schon lange als "Geraune" gekannt hatten.

Arbeiterkind aus einfachen Verhältnissen

Dass McCarrick über Jahrzehnte Priester und Seminaristen in sein Bett brachte, gehört nun ebenso zu seiner Vorgeschichte wie seine Biografie eines irischstämmigen Arbeiterkindes aus einfachsten Verhältnissen. Der Vater stirbt früh an Tuberkulose, die Mutter arbeitet in einer Fabrik für Autoteile.

Die von Irischstämmigen dominierte Pfarrei beschrieb er später als seine eigentliche Familie, mit vielen echten und Nenn-Tanten, -Onkeln und -Cousins. Mit 20 beschließt er, Priester zu werden. Es folgt eine steile Kirchenkarriere, die er vor allem seinem Witz, Sprachentalent und einnehmenden Charme zu verdanken hat.

Tatort: Strandort in New Jersey

Als McCarrick 1986 Erzbischof von Newark wird, wendet er das in seiner Pfarrei erlernte Onkel-Schema wieder an. In seinen Beziehungen zu jungen Seminaristen und Priestern ist er "Uncle Ted". Die meisten Übergriffe finden in einem Strandhaus in New Jersey statt. Noch in einer Homestory 2004 erzählt er freimütig, dass er dort seit 20 Jahren stets eine Woche Urlaub "mit einer Gruppe von Priestern und Seminaristen verbringt". Was er nicht sagt: Er lud immer einen Gast mehr ein, als das Haus Betten hat. Dieser Überzählige war dann ausersehen, das Lager des Erzbischofs zu teilen.

McCarrick schaffte es über Jahrzehnte, diesen Teil seines Lebens buchstäblich unter der Decke zu halten. Daneben war er auch ein begnadeter "Fundraiser". Die von ihm 1988 mitgegründete "Papal Foundation" hat mehr als 200 Millionen US-Dollar Kapital angesammelt. Sie hat die Päpste finanziell unterstützt, in allen Erdteilen Stipendien vergeben, Bauprojekte und Bildungsprogramme gefördert. Seine Rolle im Stiftungskuratorium (bis 2017) öffnete ihm Türen im Vatikan und überall auf der Welt.

Berichte über persönliches Spendenkonto

Zudem soll der Erzbischof laut der "Washington Post" seit 2001 über ein Sonderkonto seiner Diözese für an ihn persönlich gerichtete Spenden verfügt haben. Insgesamt seien dort rund sechs Millionen US-Dollar eingegangen. Ein Großteil sei an katholische Wohlfahrtsorganisationen in den USA und in Rom gegangen.

Im kirchenpolitischen Lagerkampf in den USA hat sich McCarrick stets gegen die konservativen "Kulturkämpfer" im US-Episkopat positioniert. Damit lag er auf einer Wellenlänge mit Papst Franziskus. Wie viel welcher Papst über die sexuellen Praktiken des Erzbischofs wusste, ist weiter offen. Ebenfalls unbekannt ist, ob sein Name im Untersuchungsbericht über mutmaßliche Schwulenlobbys im Vatikan enthalten ist, den Benedikt XVI. seinem Nachfolger Franziskus zum Amtsantritt überreichte.

Tiefe Demütigungen

Erst spät, 2018, holte McCarrick, als Erzbischof von Washington Vorkämpfer einer Null-Toleranz-Politik gegen Missbrauch, seine sexuelle Vergangenheit ein. Als die Kirchenleitung mehrere Übergriffe auf minderjährige Jugendliche als "glaubwürdig und substanziell" einstufte, wurde der damals 88-Jährige erst aus dem Kardinalskollegium und dann aus dem Klerikerstand entlassen; zwei tiefe Demütigungen.

Seit 2018 lebte der einst so Erfolgsverwöhnte zunächst unter strengen Auflagen in einer Kapuziner-Gemeinschaft im Bundesstaat Kansas. Weil seine weitere Anwesenheit dort eine Belastung für die Gemeinschaft gewesen wäre, zog McCarrick zum Jahresende 2019 "aus eigenem Antrieb", wie er sagte, in eine Wohngemeinschaft von Priestern, die sich des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen schuldig gemacht haben. Sein neuer Aufenthaltsort sei unbekannt, liege aber "ziemlich abgelegen", hieß es damals.

Was seine Einsicht angeht, so sagte McCarrick im August 2019 in einem Interview, er glaube nicht, dass er jene Dinge getan habe, die man ihm vorwirft. Ungenannten "Feinden" hielt er vor, sie hätten andere ermutigt, Missbrauchsgeschichten über ihn zu erfinden.

Ludwig Ring-Eifel und Alexander Brüggemann
(KNA)

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