Karl Haucke, Sprecher des Betroffenenbeirats des Erzbistums Köln (Dritter von links)
Karl Haucke, Sprecher des Betroffenenbeirats des Erzbistums Köln (Dritter von links)

19.11.2019

Warum Missbrauchsopfer unterschiedlich auf einen Gebetstag reagieren Vom Ringen mit der Spiritualität

Zum europäischen Tag zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung haben die deutschen Bischöfe auf Anregung des Papstes zu einem Gebet für die Opfer aufgerufen. Das Echo ist verhalten. Der Betroffene Karl Haucke erklärt, warum.

DOMRADIO.DE: Warum haben viele Betroffene ein Problem mit dem Gebetstag, der rund um den 18. November begangen wird? Was gefällt ihnen daran nicht? 

Karl Haucke (Sprecher des Betroffenenbeirates beim Erzbistum Köln): Bei den etwa 3.667 Opfern, die die Studie der Bischöfe ausweist, wird es wahrscheinlich auch 3.667 verschiedene Meinungen geben. Bei mir persönlich ist es so, dass ich nicht mehr so viel Zugang zur Kirche habe. Ich habe Zeiten erlebt, in denen ich darum gerungen habe, meine spirituelle Heimat, die von der Familie her bei der Kirche lag, wiederzufinden. Aber zurzeit ist meine Nähe zur Kirche nicht so groß.

Ich bin gerne bereit, auf der sozialen Ebene die Anliegen der Kirche zu unterstützen. Aber spirituell gesehen bin ich da etwas weit von entfernt. Und dass derzeit viele Menschen - auch aus der Kirche - gegen die Betroffenen und die Entschädigungsforderungen wettern, irritiert mich doch sehr. Deshalb kann ich mit dem Gebetstag nicht so viel anfangen. 

DOMRADIO.DE: Sie haben die Entschädigungszahlungen gerade erwähnt. Wie ist denn da der Stand? 

Haucke: Der Stand ist, dass eine Gruppe von Experten, zu der auch Betroffene wie ich gehörten, den Bischöfen bei der Bischofskonferenz in Fulda ein Empfehlungspapier vorgelegt und vorgetragen haben. Da standen verschiedene Modelle von Entschädigungen aufgelistet. Es wurden auch Summen genannt.

Und die Bischöfe haben sich abschließend dahingehend geäußert: "Ja, wir müssen was tun, das sehen wir ein." Es geht uns auch weniger um das Leid, das damals geschehen ist, sondern um die Folgen dieser Traumata, die damals gesetzt wurden. Darum geht es um lebenslange Entschädigungen. Das waren die Äußerungen der Bischöfe. Aber man hat sich nicht auf Summen oder bestimmte Verfahrensweisen geeinigt. 

DOMRADIO.DE: Kommen wir nochmal auf diesen Gebetstag zurück. Sie haben schon gesagt. Es gibt über 3.000 Betroffene, wahrscheinlich auch 3.000 verschiedene Meinungen zu diesem Gebet. Es gibt also auch Opfer, die ihn begrüßen. Was wissen Sie denn darüber? 

Haucke: Nicht alle, mit denen ich sprechen kann - und das sind eine Menge Betroffene - sehen das so wie ich. Das ist auch ganz klar. Viele haben die Suche nach ihrer spirituellen Heimat, haben das Ringen um ein Wieder-in-Kontakt-Kommen mit der Kirche nicht aufgegeben. Ich kenne einige, die ein selbst entworfenes und selbst entwickeltes Gebet nach Trier geschickt haben. Dort wurden solche Gebete gesammelt.

Ich selbst habe auch einige Betroffene an die "Täter-Organisation" verwiesen. Da gibt es etwa ein Kloster, das sich sehr für das Thema Prävention und natürlich auch Gebetstag einsetzt. Das ist das Jugendkloster im Kirchhellen. Die haben auch signalisiert: "Wir arbeiten mit diesen Gebeten, die ihr uns geschickt habt." 

DOMRADIO.DE: Es gibt auch Menschen, die sich komplett von der Kirche abgewandt haben. Die erreicht so ein Gebetstag vielleicht eher nicht. Was könnten Sie sich für eine Form vorstellen, wie das möglicherweise anders gehen könnte? 

Haucke: Ich vermute, dass es generell schwierig ist, alle Betroffenen mit ihren Wünschen, was ein solches Gedenken angeht, zu vereinen. Ich kann mir auch vorstellen, dass es für jede Täterinstitution, also die Schulen, Heime, Gemeinden, wo Missbrauch vorgekommen ist, einen Ort des Gedenkens geben kann. Das kann eine Tür sein, durch die man hindurchgeht und sich darüber im Klaren ist, dass ist die Tür, durch die damals die Opfer gegangen sind. Ich habe das in größerem Umfang mal in Österreich gesehen. Da gibt es eine Bibliothek, in der kleinere Forschungsprojekte für Studierende eingerichtet werden - mit Mitteln im Sinne des Gedenkens. 

DOMRADIO.DE: Wie weit sind Sie persönlich mit der Aufarbeitung Ihres Missbrauchs von damals? 

Haucke: 2010 ist es durch die Presse gegangen. Da hat das Canisius-Kolleg einen offenen Brief geschrieben und den Missbrauch in kirchlichen Schulen bekannt gemacht. Ich bin da sofort wach geworden. Meine Erinnerung ist auch wiedergekommen, die ich vorher 50 Jahre lang nicht hatte. Dann hat es ein paar Jahre gedauert. Die körperlichen Trauma-Folgeerscheinungen wurden immer deutlicher. Ich bin auch innerhalb weniger Jahre fünf Mal für drei Monate in stationärer und ambulanter psychiatrischer Behandlung gewesen.

Seit 2017 entstand der Wunsch, nicht bis zum Lebensende Opfer zu sein, sondern konstruktiv an der Beseitigung der damit zusammenhängenden Probleme zu arbeiten. Deshalb bin ich in verschiedenen Opfer-Initiativen, unter anderem auch in dem Betroffenenbeirat des Erzbistums Köln.

Das Interview führte Uta Vorbrodt. 

(DR)

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