Matthias Kopp, DBK-Sprecher
Matthias Kopp

12.03.2019

Studie: Deutlich höheres Ausmaß sexuellen Missbrauchs in Kirchen möglich Bischofskonferenz hält sich zurück

Das Ausmaß sexuellen Missbrauchs in den großen Kirchen in Deutschland könnte einer neuen Studie zufolge deutlich höher sein als bislang angenommen. Die Bischofskonferenz hält sich bedeckt, spricht aber von einer "schwierigen Datenbasis".

Eine Studie des Ulmer Kinderpsychiaters Jörg Fegert geht von einer großen Zahl bislang nicht bekannter Missbrauchsfälle im kirchlichen Raum aus. Das Dunkelfeld liege sowohl für die katholische als auch für die evangelische Kirche in Deutschland bei geschätzten 114.000 Missbrauchsopfern, wie die Universität am Dienstag auf Anfrage mitteilte.

Zuerst hatte die Tageszeitung "Die Welt" über die Untersuchung berichtet, die demnächst in der Fachzeitschrift "Journal of Child Sexual Abuse" erscheinen soll.

Eine von den katholischen Bischöfen in Auftrag gegebene Untersuchung hatte aufgrund von Aktenstudien eine Zahl von 3.677 Betroffenen ermittelt. Zugleich war die Rede von einer vermutlich hohen Dunkelziffer.

DBK sieht "schwierige Datenbasis"

Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, sagte, die Konferenz kenne die Ergebnisse der Studie nicht im Detail. Sie weise aber darauf hin, dass es eine "schwierige Datenbasis" sei, wenn aufgrund sehr geringer Fallzahlen Hochrechnungen angestellt würden.

In einer ersten Reaktion bewertete ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Aussagekraft der Untersuchung zurückhaltend. Der EKD-Sprecher kündigte an, dass die evangelische Kirche die Studie auswerten werde. Die in den Medienberichten genannten Umfrageergebnisse, die die Grundlage für die Hochrechnung geliefert hätten, seien allerdings eine "sehr kleine Zahlenbasis".

"Die Erstellung einer unabhängigen und aussagekräftigen Dunkelfeld-Studie ist Teil des von der Synode der EKD verabschiedeten Elf-Punkte-Handlungsplans", fügte der Sprecher hinzu. Für Juni werde die EKD zu einem Experten-Fachtag einladen, um das wissenschaftliche Vorgehen abzustecken.

Für die Untersuchung hatten die Ulmer Wissenschaftler im Juni und Juli rund 2.500 Personen zu Missbrauchserfahrungen befragt. Demnach gaben je vier an, in einer katholischen oder einer evangelischen Einrichtungen missbraucht worden zu sein. 36 Personen sagten, im schulischen Bereich sexuell missbraucht worden zu sein. Von Missbrauch im Sportbereich durch einen Trainer sprachen 7 Personen.

Hochrechnungen

Die Wissenschaftler rechneten den Anteil der Opfer aus ihrer nach eigenen Angaben repräsentativen Befragung auf die Gesamtbevölkerung hoch. Für die 4 Betroffenen in katholischen Einrichtungen bei 2.516 Befragten bedeutet dies demnach einen Anteil von 0,16 Prozent.

Diese Quote auf 71,5 Millionen Einwohner der Bundesrepublik ab 15 Jahren führt dann zu der angenommenen Opferzahl von 114.000. Für den schulischen Kontext ergeben sich so geschätzte Opferzahlen von einer Million, für den Sportbereich etwa 200.000.

Die Autoren weisen selbst auf das Problem der relativ kleinen Stichprobe hin. Nach statistischen Verfahren könnte die Spannweite der Missbrauchsopfer durch katholische Geistliche mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen 28.000 und 280.000 Betroffenen liegen, so die Universität.

Um präzisere Schätzungen zu erhalten, seien weitere Befragungen und Untersuchungen nötig. Auch ob aktuell ein Rückgang von sexuellem Missbrauch im kirchlichen Raum zu verzeichnen ist, lasse sich mit der Datenbasis nicht beantworten.

(KNA, epd)

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