Barbara Haslbeck
Barbara Haslbeck

11.11.2021

Expertin erläutert den Begriff "geistlicher Missbrauch" "Eine Art Gehirnwäsche"

In der Kirche erleben Betroffene nicht nur Gewalt sexueller Art, sondern auch spirituellen Missbrauch. Der lässt sich allerdings schwerer definieren. Die Theologin Barbara Haslbeck sieht Ähnlichkeiten zum Vorgehen von Sekten.

DOMRADIO.DE: Wie definiert man geistlichen Missbrauch?

Dr. Barbara Haslbeck (Theologin, Universität Regensburg, Beraterin der Anlaufstelle der Bischofskonferenz gegen Gewalt an Frauen): Es gibt drei Anzeichen für spirituellen Missbrauch: Das erste ist ein Handeln gegen die spirituelle Selbstbestimmung. Es gehört ganz essenziell zum Christentum dazu, nicht Marionette zu sein, nicht einfach nur etwas tun zu müssen, was Gott vorgegeben hat, sondern die Freiheit als Christenmensch zu leben. Und Menschen, die spirituellen Missbrauch erfahren, erleben, dass ihnen diese Selbstbestimmung, diese Autonomie nicht eingeräumt wird. Das fängt damit an, dass jemand keine Möglichkeit hat, unterschiedliche Formen der Spiritualität zu wählen. Wir haben im Christentum eine ganz reiche Tradition an unterschiedlichen Formen, den Glauben zu leben. Bei Menschen, die diese Möglichkeit nicht haben, fängt es schon an kritisch zu werden.

Zweitens ist spiritueller Missbrauch immer mit Zwang verbunden. Menschen werden unter Druck gesetzt und mit spirituellen Sätzen und Gottesbildern manipuliert. Etwa wenn sie erleben, dass sie nur gut sind, wenn sie sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, dass sie nur dann als berufen gesehen werden. Dieser Druck macht die Betroffenen ganz eng und versetzt sie in einen Zustand der Angst.

Viele Betroffene berichten von spirituellem Missbrauch in der Beichte, in der geistlichen Begleitung und in Exerzitien. Das sind alles Situationen, wo sie einem ganz hohen Druck ausgesetzt sind, weil auch keine andere Person reinschauen darf. Das sind ja ganz enge Zweierkonstellationen, die nicht kontrolliert werden und wo kein Blick von außen mehr möglich ist.

Und drittens beobachte ich, dass spiritueller Missbrauch immer in einem Abhängigkeitsverhältnis stattfindet, dass er einen Unterschied an Möglichkeiten und Macht zwischen der Person bedeutet, die begleitet wird, die in einer Gemeinschaft lebt, die da vielleicht am Anfang eines Weges steht und einer Person, die ihr gegenüber als geistlicher Begleiter, als Beichtvater, als Oberin Möglichkeiten hat, die Dinge zu bestimmen.

Das sind die drei Kennzeichen, die zu spirituellen Missbrauch gehören: Gegen die spirituelle Selbstbestimmung, Druck und Zwang und die Ausnutzung eines Machtverhältnisses.

DOMRADIO.DE: Das klingt eigentlich nach Manipulation wie in Sekten. Kann man das gleichstellen? Oder ist das eben durch die spirituelle Dimension noch mal etwas anderes?

Haslbeck: Für Betroffene fühlt es sich tatsächlich sehr ähnlich an. Je länger sie der Manipulation ausgesetzt sind, umso mehr kann sich das wie eine Art Gehirnwäsche auswirken. Die eigenen Gedanken werden umgeformt. Es fängt ganz langsam an. Eine Person tritt in eine Gemeinschaft ein. Sie hat sehr hohe Erwartungen und ist bereit, sich dem Leben mit Gott ganz zu verschreiben. Selbstaufgabe und die Bereitschaft, gehorsam zu sein, kommen als Ideale dazu. Dann soll die Kandidatin zum Beispiel als Zeichen des Gehorsams auf Schlaf verzichten oder über ihre Kräfte hinaus arbeiten. So wird die Person mürbe gemacht. Sie erfährt immer mehr, dass das, was sie selbst fühlt, was sie selbst wahrnimmt, unwichtig ist. Sie wird zur Marionette und die Oberen ziehen an den Fäden. Sie ist gut, wenn sie immer das tut, was die anderen von ihr erwarten.

Wenn ich Menschen zuhöre, die massiven spirituellen Missbrauch erlebt haben, fühlt sich das tatsächlich wie Psychoterror an. Sie haben keine Freiheit mehr. Sie sind dem vollständig mit ganzer Existenz ausgesetzt. Das verstärkt sich noch dadurch, dass Menschen, die in einer Gemeinschaft sind, ja oftmals auch finanziell abhängig sein können, dass sie überhaupt nicht wissen, wie sie ihr Leben allein gestalten können.

DOMRADIO.DE: Wie unterscheidet sich denn spiritueller Missbrauch von sexuellem Missbrauch?

Haslbeck: Das ist sich tatsächlich in den Auswirkungen sehr ähnlich. Ich beobachte, dass sexueller und spiritueller Missbrauch ganz eng miteinander verbunden sind, dass Menschen, die im Raum der Kirche sexuellen Missbrauch erlebt haben, nahezu immer vorauslaufend spirituellen Missbrauch erleben. Da wird ihnen beispielsweise in der strategischen Anbahnung vom Täter suggeriert: "Wie ich mit dir umgehe, damit zeige ich dir die besondere Liebe Gottes. Dein Körper ist wertvolle Schöpfung." Da wird dann also die eigene Wahrnehmung außer Kraft gesetzt, sodass die Betroffene sich denkt: "Was ich erlebe, ist der Wille Gottes.“ Und deswegen gibt es tatsächlich einen engen Zusammenhang von spirituellem und sexuellem Missbrauch.

Für die Betroffenen wirkt es sich auch von den Folgen her sehr ähnlich aus, nämlich dass sie lernen: "Es geht hier nicht um mich. Meine Gefühle spielen keine Rolle." Und das wirkt sich auf die Betroffenen zerstörerisch aus. Es ist dann ein ganz schwerer Weg, aus diesem Zustand herauszukommen. Es beeindruckt mich, wie Betroffene trotz der schwierigen Erfahrungen Wege finden, wieder selbstbestimmt zu leben.

DOMRADIO.DE: Vermutlich ist beim Thema spiritueller Missbrauch auch die Strafverfolgung komplizierter? Es gibt ja oftmals keine klaren, körperlichen Anzeichen.

Haslbeck: Das macht es komplizierter. Gleichzeitig erlebe ich tatsächlich, dass seit etwa zwei Jahren das Sprechen über spirituellen Missbrauch in den christlichen Gemeinschaften und Gemeinden zu ganz hoher Unruhe geführt hat. Hier tut sich etwas und keine Gemeinschaft kann mehr daran vorbeischauen. Viele Verantwortliche sind sehr aufmerksam und engagieren sich, dass Menschen verantwortungsbewusst begleitet werden.

DOMRADIO.DE: Welche Gemeinschaften sind denn besonders anfällig für spirituellen Missbrauch?

Haslbeck: Mein Eindruck ist, dass Gemeinschaften besonders gefährdet sind, wenn sie sehr exklusiv sind, wenn sie ein hohes Sendungsbewusstsein haben, wenn sie sich sehr von der Welt abschotten. Beispielsweise dürfen Mitglieder dann keinen Kontakt mit anderen Menschen außerhalb der Gemeinschaft haben. Briefe werden zensiert, Kontakte werden unmöglich gemacht. Diese Art der Gemeinschaften, die sich ganz autoritär in den Strukturen zeigen, sind besonders gefährdet.  

Zudem beobachte ich christliche Gemeinschaften, die eher im charismatischen Bereich zu verorten sind. Sie ziehen Menschen mit einer sehr emotionalen Spiritualität an. Nach außen sieht das Leben sehr frei und locker aus, doch es entsteht eine Art Leistungsdruck, wenn Menschen dann ihr ganzes Leben Jesus schenken sollen und das Spirituelle alle Dinge des Lebens lenkt. Das nimmt Menschen nicht ernst. Menschen in Krisen kann das kurzfristig helfen, aber es ist keine seriöse Lösung.

Alles wird spiritualisiert und wer da nicht mitkommt, gerät in die Versagerrolle. Betroffene müssen dann erkennen, dass ihre Bereitschaft zu einem Leben mit Jesus ausgenutzt wurde. Oft fühlen sie sich von der Gemeinschaft, von der sie sich distanzieren, fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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