Malteser zum Hausnotruf: Im Notfall nicht zögern, anzurufen
Symbolbild Telefonseelsorge
Annelie Bracke (Leiterin der Katholischen Telefonseelsorge Köln)
Annelie Bracke (Leiterin der Katholischen Telefonseelsorge Köln)

24.03.2020

Telefonseelsorge in Zeiten der Corona-Pandemie "Noch einmal mehr Anrufende"

Abstand halten ist in der Corona-Krise das Gebot der Stunde. Seelsorge funktioniert derzeit also vor allem über das Telefon. Was das für die Telefonseelsorge bedeutet, erklärt Annelie Bracke, Leiterin der katholischen Telefonseelsorge Köln.

DOMRADIO.DE: Wie sehr merken Sie die Corona-Krise? Rufen tatsächlich deutlich mehr Menschen an?

Annelie Bracke (Leiterin der katholischen Telefonseelsorge Köln): Es rufen mehr Menschen an – das sind so zehn, zwölf Prozent, haben wir gesehen. Wobei man sagen muss: Wir waren ja immer schon relativ gut belegt. Es gibt jetzt aber doch noch einmal mehr Anrufende. Das Thema Corona spielt tatsächlich eine Rolle, ist aber nicht das einzige Thema.

Bei etwa 30-40 Prozent der Gespräche steht die Corona-Krise komplett im Mittelpunkt. Das äußert sich natürlich nicht so, wie bei den jetzt alltäglichen Gesprächen über Corona, wenn man fragt: Was ist los und was bedeuten die Ausgangsbeschränkungen?

Es geht dabei also nicht nur um den Austausch von Informationen, sondern es wird über die ganz persönliche Lebenssituation gesprochen, wenn sie sich durch Corona noch einmal sehr verschlechtert. In anderen Gesprächen spielt es nur am Rande eine Rolle. Aber erwähnt wird es in fast allen Gesprächen im Moment.

DOMRADIO.DE: Sind es tatsächlich eher ältere Menschen, die anrufen?

Bracke: Es sind sehr viele, die einsam und allein sind. Das sind Ältere, das können aber auch Menschen sein, die aus verschiedensten Gründen schon länger nicht mehr am Berufsleben teilnehmen können. Das sind auch Menschen, die aus anderen Gründen allein sind oder psychisch belastet sind, früh verrentet sind – und so weiter. Das ist eine Anrufergruppe, die sich aufgrund ihrer Lebensumstände sowieso schon belastet und allein fühlt. Das verstärkt sich jetzt teilweise noch.

Andere rufen auch an, die vielleicht vor Corona gar nicht angerufen hätten, bei denen sich jetzt diese alltägliche normale Situation zuspitzt. Das kann zum Beispiel eine Mutter sein, die jetzt mit Kind und Mann tagelang unter einem Dach lebt. Es wird eng und die Spannung und Konflikte steigen.

Oder es ruft auch mal eine Abiturientin an, die jetzt zu Hause lernen muss und sagt, sie habe alle digitalen Angebote, Videokonferenzen, aber sie könne sich nicht so konzentrieren auf die Abi-Vorbereitung, wie sie das im vertrauten Rhythmus und Umfeld konnte. Und sie gerät so unter Druck. Solche Einzelanrufe haben wir dann auch.

Aber es gibt viele, die einfach auch anrufen, weil sie einsam sind und ihre Leiden sich verstärken.

DOMRADIO.DE: Wir haben ja in Köln auch fast 50 Prozent Single-Haushalte. Merken Sie denn, dass Menschen sich einsam fühlen, die sich vor der Krise vielleicht gar nicht als einsam empfunden hätten?

Bracke: Mein Eindruck ist, dass die Singles, die vorher mobil waren, im Berufsleben eingespannt waren, einen Freundeskreis hatten et cetera, ihre sozialen Kontakte auch gut über das Telefon und digitale Möglichkeiten pflegen können. Das erlebe ich auch zum Teil sogar hier bei Mitarbeitenden.

Ich glaube, Einsamkeit entsteht nicht dadurch, dass man sich nicht mehr persönlich, körperlich, physisch treffen kann, sondern dadurch, dass man sich abgeschnitten fühlt von Zuwendung und Beziehung überhaupt. Und Menschen, die gut gewohnt waren, allein zu leben, und ihre sozialen Netze hatten, pflegen die jetzt einfach anders weiter. Die telefonieren jetzt mehr – manchmal sogar viel mehr als vorher, um sich zu vergewissern, dass man immer noch aneinander denkt und sich austauscht.

DOMRADIO.DE: Was raten Sie jemandem, der anruft, weil er oder sie sich jetzt allein fühlt? Gibt es da Dinge, die man machen könnte? Für den Notfall?

Bracke: Zunächst einmal ist es wichtig, dass jemand anruft und einfach mal ausspricht, wie es gerade ist. Dann ist es auch gut, dass da jemand am anderen Ende ist, der zuhört, der vielleicht nicht sofort Tipps gibt, sondern sagt: Erzählen Sie! Und der fragt: Wie ist jetzt Ihr Leben? Wie war es denn vorher? Wie könnte es nachher wieder sein? Da geht es einfach darum, verständnisvoll und interessiert zuzuhören. Ich glaube, die Tipps sind nicht das Erste, was man geben sollte.

Dann kann man natürlich im Laufe des Gesprächs den Blick weiten. Wenn eine Krise zu einer Panik führt und einer Einengung, kann man auch Mut machen, dass es ja wieder andere Zeiten geben wird und dass man den Blick dafür nicht verliert. Man kann auch noch im spezifischen Umfeld des Anrufenden schauen, wen er oder sie denn vielleicht sonst noch anrufen könnte. Zum Beispiel, wer aus dem Umfeld vielleicht wegen des Telefonats überrascht wäre, sich aber freuen würde.

Doch manchmal, wenn Menschen sowieso schon sehr isoliert gelebt haben, muss man es mit denen auch aushalten und kann nur sagen, dass sie wieder anrufen können.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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