Pater Anselm Grün
Pater Anselm Grün
Jan Frerichs
Jan Frerichs

14.01.2020

Autor Jan Frerichs über die Faszination für Pater Anselm Grün "Er spricht ganz geradeaus über das Leben"

Pater Anselm Grün wird an diesem Dienstag 75 und ist alles andere als im Ruhestand. "Er trifft ins Herz", sagt der Journalist und Theologe Jan Frerichs, der den Geistlichen für eine ZDF-Dokumentation mehrere Monate begleitet hat. 

DOMRADIO.DE: Anselm Grün hält Vorträge, kümmert sich um die Finanzen des Klosters, ist Seelsorger und schreibt Bücher am laufenden Band, mit denen er auch wahnsinnig erfolgreich ist. Wie macht er das alles?

Jan Frerichs (Theologe, Journalist und Autor der ZDF-Dokumentation "Das Phänomen Anselm Grün"): Ich würde sagen, er ist einfach durchweg diszipliniert. Sein Buchhalter, mit dem wir gesprochen haben, sagt: "Pater Anselm hat immer nur einen Termin, und das ist der nächste Termin." Das heißt, er ist immer im Augenblick, und dann kommt einfach eins nach dem anderen.

Andererseits sagt er auch selbst, das Pensum ist mit 75 schon hoch. Wenn man drei Vorträge in der Woche hat, ist das viel. Er fährt zu allen Terminen selbst. Und unter 400 Kilometern übernachtet er auch nicht, da fährt er dann am gleichen Tag zurück.

Ich habe zu ihm gesagt: "Meine Frau würde das nicht mitmachen, die würde mich mit dem Nudelholz erwarten." Darauf hat er geantwortet: "Ein bisschen so ist das auch im Kloster." Anfangs haben die Brüder auch skeptisch geguckt. Aber dann haben sie verstanden, dass das auch eine Arbeit ist. Er leistet ja damit auch einen Beitrag zum Lebensunterhalt. Und dann ist das in Ordnung.

DOMRADIO.DE: Wenn er irgendwo auftaucht, sind die Säle voll. Seine Bücher können in 38 Ländern gekauft werden. Wie lässt sich dieser Erfolg erklären?

Frerichs: Viele Leute haben gesagt - mit einem Glänzen in den Augen: "Er spricht mich einfach direkt an." Ich glaube, das ist ein bisschen das Geheimnis von Anselm Grün. Der lässt alles, was irgendwie äußerlich ist, beiseite und spricht ganz geradeaus über das Leben. Die Kirche und das Evangelium sind bei ihm kein Selbstzweck. Es geht nicht um ihn oder um die Kirche oder um das Kloster oder um irgendwas, sondern es geht um das Leben, und das spüren alle.

DOMRADIO.DE: Bei allem, was er tut, wirkt er immer so ausgeglichen, ja in sich selbst ruhend. Haben Sie ihn anders erlebt, wenn die Kameras aus waren?

Frerichs: Überhaupt nicht. Es gibt keinen Unterschied vor den Kulissen oder hinter den Kulissen. Ich habe ihn immer gleich erlebt. Wie er auf der Bühne war, so war er auch, wenn man mit ihm gesprochen hat.

DOMRADIO.DE: Jetzt ist es ja so, dass sich von der katholischen Kirche immer mehr Menschen abwenden. Anselm Grün ist aber erfolgreich wie nie. Wie geht das zusammen?

Frerichs: Ich glaube, dass er ins Herz trifft. Und er hat eine Spiritualität, die sehr, sehr weit ist. Wir haben ihn ja nicht nur in Deutschland begleitet, sondern auch im Ausland. Als wir zum Beispiel nach Tschechien gereist sind, war es interessant zu sehen, wie viele Leute ihn kennen, weil seine Bücher dort verkauft werden - obwohl es in Tschechien nur zehn Prozent Christen in der Gesellschaft gibt.

Er selbst sagt: "Gerade in Ländern, wo die Christen in der Minderheit sind, besteht die Gefahr, dass der Glaube eng wird." Man rückt dann zusammen und wird fast fundamentalistisch, weil man sich einfach schützen will. Seine Botschaft ist hingegen total weit. Er sagt: "Du brauchst vor nichts Angst zu haben. Egal, was das Leben in den Rucksack packt - nimm das an, beschäftige dich damit, damit du weiter kommst, damit du wachsen kannst."

DOMRADIO.DE: Pater Anselm ist aber auch nicht unumstritten. Mit seiner Marke lässt sich viel Geld verdienen. Kritiker nennen das, was er macht, "pseudo-psychologische Kuschel-Theologie". Was antworten Sie darauf?

Frerichs: In der katholischen Kirche hat man ein bisschen den Eindruck, als wenn zwei Lager miteinander streiten. Die einen wollen die Kirche erneuern und in die Welt hinaus bringen. Die anderen wollen Kirche eher bewahren, auch als Institution. Und die haben ein Problem mit Anselm Grün. Wenn er anfängt, die Dogmen so auszulegen, dass wir sie verstehen, dann bewahrt er sie nicht einfach nur.

Und natürlich ist sein Grundansatz schon sehr psychologisch. Mit der Tradition als solches hat das wenig zu tun. Aber er verbindet beides, er holt die Schätze aus der Tradition. Ich finde das super. Aber es gibt eben auch Leute, die sagen: "Um Gottes Willen, das ist der Untergang der Kirche. Wenn das so weitergeht, wird es Kirche gar nicht mehr geben. Sie wird sich auflösen."

DOMRADIO.DE: Was können wir in den nächsten Jahren noch von Anselm Grün erwarten?

Frerichs: Ich glaube, er wird noch ein paar interessante Bücher schreiben. Er erzählte jetzt, er schreibt an einem Buch über Macht. Das berührt ja dann schon auch innerkirchliche Fragen - ein Themengebiet, von dem er sich eigentlich immer ferngehalten hat. Sein Thema ist immer sehr spirituell, aber er hat nie über Kirche als Institution geschrieben. Aber mit dem Thema Macht berührt er ja schon auch strukturelle Fragen. Die Fragen, die jetzt beim Synodalen Weg auch Thema werden. Vielleicht wird er im Alter noch gelassener und mutiger, noch mehr Stellung zu beziehen. Er hat eigentlich auch nichts mehr zu verlieren.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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