Erik Neumann (2.v.r.) erklärt Teilnehmern am Strand auf Fehmarn die Vorbereitung der Kites
Erik Neumann (2.v.r.) erklärt Teilnehmern am Strand auf Fehmarn die Vorbereitung der Kites

14.09.2019

Erik Neumann verbindet Glaube und Trendsport Surfen und Beten mit dem Kite-Pastor

Zwar kann er nicht wie Jesus übers Wasser gehen, aber dafür auf den Wellen reiten: Als hauptamtlicher Kite-Pastor bringt Erik Neumann Ex-Junkies das Kitesurfen bei und organisiert sportlich-spirituelle Männercamps.

Ein Spätsommertag auf der Ostseeinsel Fehmarn, die Sonne scheint, es weht ein leichter Wind. Auf einer Wiese stehen ein Dutzend Männer vor einem großen Lenkdrachen. Einer von ihnen nimmt die Leinen in die Hand. Die Kraft des Windes reißt den Schirm in die Höhe und den Mann gleich mit. Schnell eilt ein zweiter zu Hilfe und hält ihn fest. "Arme lang! Dann lässt der Druck nach", ruft Erik Neumann. Er leitet diese Trockenübung für angehende Kitesurfer. Reihum versucht jeder Teilnehmer einmal, den Schirm in die Luft zu bringen.

Neumann ist nicht nur Kitesurf-Lehrer. Als Pastor der evangelischen Landeskirche Hannovers arbeitet er bei "Ewigkite" mit. In dem ökumenischen Projekt versucht der 52-Jährige, den christlichen Glauben mit dem Kitesurfen zu verbinden. Dabei lassen sich die Sportler von einem Drachen übers Wasser ziehen. Die Männer sind Patienten einer Suchtklinik auf Fehmarn. In den nächsten drei Tagen will der Seelsorger ihnen seinen Sport beibringen und ihren Alltag ein wenig auflockern. "Kiten stärkt das Selbstbewusstsein", sagt Neumann.

Mit einem VW-Transporter angereist

Der Kite-Pastor ist, wie in der Szene üblich, mit einem großen VW-Transporter angereist, ausgestattet als Wohnmobil. "Ewigkite - Unterwegs im Namen des Herrn" steht auf den Hecktüren. Am Strand der als Surfer-Paradies bekannten Insel Fehmarn wird er sofort von einigen anderen Kitern erkannt und herzlich begrüßt. "Ich bin eigentlich nicht so überzeugt von Gottes Bodenpersonal. Aber Erik hat mich eines Besseren belehrt", sagt ein Mann im Neoprenanzug, der den Geistlichen bei einem seiner Einsätze am Strand kennengelernt hat.

Neumann, ein drahtiger Typ mit stoischer Gelassenheit und trockenem Humor, ist sonst normaler Gemeindepastor - in Dissen am Teutoburger Wald, knapp 30 Kilometer südöstlich von Osnabrück. Seine Leidenschaft für das Kitesurfen entdeckte er 2002 in einem Holland-Urlaub. Damals sah er "zwei Typen" auf Brettern, die sich von einem Drachen übers Wasser ziehen ließen. "Ich war sofort begeistert. Das sah einfach nur genial aus."

Ich bin nicht so der Beachboy", sagt Neumann

Zwei Jahre später machte er selbst seinen ersten Kitesurf-Kurs und ließ sich später zum Lehrer für die Trendsportart ausbilden. Von der relativ jungen und vermeintlich "coolen" Kitesurf-Szene hielt er sich zunächst fern. "Ich bin nicht so der Beachboy", sagt Neumann. Bei einem Aufenthalt am Greifswalder Bodden kam er in Kontakt mit einer Kiteschule, zu der er eine Freundschaft entwickelte. 2015 begann er, in Zusammenarbeit mit dieser Schule christliche Kite-Camps für Männer anzubieten.

Als 2017 Neumanns Frau plötzlich an einer Lungenembolie verstarb, fragte ihn die Bischöfin im Kondolenzgespräch, was er in seiner Arbeit als Pastor besonders gerne mache. Er erzählte ihr von den Kite-Camps. "So etwas braucht die Kirche", antwortete sie. Im November vergangenen Jahres wurde Neumann daraufhin offiziell zum Kite-Pastor ernannt - mit einem Stellenanteil von 25 Prozent.

Projekt "Ewigkite"

Seither arbeitet er mit dem vom Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) begonnenen und nunmehr ökumenischen Projekt "Ewigkite" zusammen. Die vom Hamburger Baptistenpastor Carsten Hokema 2008 gegründete Initiative ist mit gut zwanzig ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Szene der Lenkdrachen und Kitesurfer aktiv. In Zukunft wird sich Hokema um den Drachenbereich und Neumann um die Surfer kümmern. Dazu gehört auch das Projekt mit den Ex-Junkies.

Daneben bietet der Pastor weiter seine Kite-Camps an. Sechs Stück stehen 2020 auf dem Programm, vier davon nur für Männer. "Wir sprechen als Kirche nicht immer die Sprache der Männer", erklärt Neumann seine Motivation. Die Camps böten hervorragende Gelegenheit, Grenzen zu überwinden. "Beim Kiten kommt man unheimlich schnell ins Gespräch über tiefgründige Dinge - auch über Gott", so der Pastor.

Bibeltext und ein kurzer Impuls

Die Weite des Meeres und die Natur leisteten ihren Beitrag dazu. Oft kämen auch Beziehungs- und Lebensfragen auf den Tisch. "Immer wieder sagen Leute, dass sie Gespräche wie auf den Kitecamps sonst nicht so erleben." Die Tage der meist einwöchigen Camps beginnen meist mit einem Bibeltext und einem kurzen Impuls. Danach geht es raus aufs Wasser. Anfänger und Fortgeschrittene sind gleichermaßen willkommen.

Als Kite-Pastor ist Neumann auch mit einem eigenen Stand und einer Kirchenhüpfburg auf wichtigen Events der Szene vertreten, etwa bei den «Kitesurf Masters» in Sankt Peter-Ording. Viele blieben interessiert stehen und suchten auch das Gespräch über den eigenen Glauben. Auf Ablehnung stoße er praktisch nicht. Inzwischen wird das Projekt sogar von einigen Sportartikelherstellern unterstützt. So sollen die "God-Boards", eine Sonderanfertigung der Firma "Goodboards", für besonders festen Stand auf dem Wasser sorgen.

Tag zwei des Camps mit den Patienten der Suchtklinik beginnt mit einer kurzen Andacht. Die 19- bis 40-jährigen Männer sitzen mit versteinerten Mienen in einem Stuhlkreis. Manche tragen Muskelshirts, die den Blick auf kräftige Oberarme freigeben. Carsten Hokema erzählt die biblische Geschichte, wie Jesus mit Zöllnern und Sündern aß. Seine kurzen szenischen Darbietungen zaubern ein Lächeln auf viele Gesichter.

Aller Anfang ist schwer

Danach geht's an den Strand. Neumann und seine Mitarbeiter erklären den Anfängern, wie sie die Kites richtig ausbreiten und die Leinen zurechtlegen. "Jetzt müsst ihr in die Neoprenanzüge reinsteigen. Das ist der eigentliche Sport", sagt der Kite-Pastor und lacht. Da hilft nur Luft anhalten und kräftig ziehen. Nach erfolgreicher Kraftanstrengung dürfen die ersten aufs, oder besser gesagt ins Wasser. Anfangs sinken viele Schüler mit dem Board unter den Füßen noch in den Wellen ein. Doch es dauert nicht lange, bis es der erste schafft, einige Meter übers Wasser zu gleiten.

Christian ist schon nach dem ersten Versuch begeistert. "Das könnte mein Hobby werden", meint der 35-Jährige. "Es gibt mir den Adrenalin-Kick, den ich früher durch die Drogen bekommen habe", sagt Jan, ein sportlicher junger Mann, der eigentlich anders heißt und nicht erkannt werden möchte. Schon im vergangenen Jahr war der 25-jährige frühere Dealer Patient in der Suchtklinik und Teilnehmer des "ewigkite"-Projekts. Das Wellenreiten ist sein Hobby geworden, das ihm hilft, ein geregeltes Leben zu führen. Auch die Verbindung von Kiten und Beten gefällt ihm: "Solche Projekte zeigen, dass Kirche überhaupt nicht langweilig ist, und bringen auch junge Leute zum Glauben."

Für Neumann ist die Arbeit mit den Kitesurfern sein Weg, um als Kirche bei den Menschen zu sein. "Ich verbinde das, was ich bin, mit dem christlichen Glauben." So gebe es ja auch Seelsorger im Tourismus oder in der Arbeitswelt. Wenn Jesus 2.000 Jahre später geboren wäre, würde er sicher auch kiten, findet der Pastor. "Jesus liebte es, bei den Menschen zu sein, und hat oft am Ufer des Sees Genezareth gesessen. Früher waren dort die Fischer, heute würde er dort die Kitesurfer treffen."

Michael Althaus
(KNA)

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