Frank Wessel und Gitta Samko, Deutsche Seemannsmission
Frank Wessel und Gitta Samko, Deutsche Seemannsmission
Pfarrer Frank Wesel am Telefon
Pfarrer Frank Wesel am Telefon
Diakonin Gitta Samko auf dem auf dem Kirchenboot "Joh. Hinr. Wichern"
Diakonin Gitta Samko auf dem auf dem Kirchenboot "Joh. Hinr. Wichern"

28.08.2019

Was machen Schiffer-Seelsorger im Duisburger Hafen? "Mit Kirche an Land können wir nichts anfangen. Ihr seid anders"

Auf den Schiffen wird malocht, gelebt und manchmal gestritten und geweint. Da ist Beistand nötig - auch dann, wenn an Bord Kinder getauft und Ehen geschlossen werden. Unterwegs mit zwei Seelsorgern im Duisburger Hafen.

In der Binnenschifffahrt gilt der Duisburger Hafen als größter weltweit. Frank Wessel und Gitta Samko kennen das Gebiet mit all seinen Kanälen, Becken und Schleusen, seiner Industrie und den Frachtschiffen wie ihre Westentasche: Der evangelische Pfarrer und die Diakonin sind als Seelsorger für Schiffer unterwegs. Mehrmals in der Woche, mit ihrem eigenen Boot. Sie fahren zu den großen Schiffen, klettern an Bord, erkundigen sich nach dem Befinden, bringen Zeitungen und ein offenes Ohr mit, erfahren gute Neuigkeiten oder die Sorgen der Besatzung - und suchen nach Lösungen.

"Ich möchte nichts anderes mehr machen"

An diesem Tag müssen sie allerdings erst einmal eine Lösung für ihr Kirchenboot, die "Joh. Hinr. Wichern", finden: Maschinenschaden. Samko und Wessel können heute nicht aufs Wasser, sondern klemmen sich ans Telefon. Besucher werden deshalb an Land in den Räumen des Evangelischen Binnenschifferdienst/Deutsche Seemannsmission Duisburg empfangen. Trotz der Misere mit dem Boot und den zu erwartenden Kosten bleiben die beiden Seelsorger nach außen die Ruhe in Person.

Es gibt Kaffee und Tee in der Küche. Und als das Telefon klingelt, sagt Wessel ein herzliches "Hallihallo, schön, dass du zurückrufst" in den Hörer. Er und seine Kollegin sind für deutsche Binnenschiffer zuständig, die auf Wasserstraßen hierzulande fahren. Samko zusätzlich für Seeleute aus aller Herren Länder. "Wir werden mit den Seeleuten alt", sagt die 48-Jährige.

"Ich möchte nichts anderes mehr machen", erklärt Wessel, 56 Jahre alt. Ebenso wie seine Kollegin trägt er Jeans und bequeme Schuhe. "Ich möchte an der Peripherie von Kirche arbeiten." Das macht er nun seit 1994, als er hauptamtlicher Schifferseelsorger im Stadtteil Ruhrort wurde. Samko ist seit 15 Jahren dabei.

Theologen und manchmal Retter in letzter Sekunde

Zwei zupackende, pragmatisch denkende und gleichermaßen ernsthafte und heitere Theologen. Sie kennen sich mit Arbeit und Fachsprache der Schiffer aus, sind auch mal Mechaniker und ohnehin Ansprechpartner für alles Mögliche: Ärger eines Matrosen mit dem Chef; Folgen harter körperlicher Arbeit an Bord; mal lange Trennungen von der Familie, mal Eheprobleme bei Binnenschiffern, die als Mann und Frau tagtäglich zusammen auf dem Boot sind.

Hin und wieder sind Wessel und Samko auch Retter in letzter Sekunde. Etwa, wenn ein Besatzungsmitglied eine schwere Verletzung hat, nur notdürftig versorgt wurde und der Arbeitgeber überzeugt werden muss, den Mann an Land behandeln zu lassen. Auch, wenn dann eine Arbeitskraft ausfällt und das Geld kostet.

Oder dieser Fall, von dem Wessel erzählt: Eine Schifferfamilie lag mit einem Maschinenschaden lange im Hafen. Irgendwann war der Tank leer, das Geld für Wasser und Nahrungsmittel aufgebraucht. Die Seelsorger halfen - auch einen Arzt zu besorgen, der die kranke Ehefrau für eine Behandlung in die Psychiatrie brachte. Die Familie baute sich schließlich an Land eine neue Existenz auf. "Die Tochter schreibt uns immer noch zu Weihnachten", so Wessel.

Verantwortlich für 700 Kilometer Flüsse und Kanäle

Das Zentrum der Seelsorger ist zwar der Duisburger Hafen. Sie sind aber für insgesamt 700 Kilometer Flüsse und Kanäle im Bereich der Evangelischen Landeskirche im Rheinland zuständig - also vom Niederrhein bis zum Saarland. Einst habe das Team aus 16 Leuten bestanden, erzählt Wessel. Heute seien es fünf. Ob die Seelsorge weitergeht, wenn er in Pension ist? Unklar, meint er. Das sei auch eine Frage des Geldes.

Träger des Dienstes sind seinen Angaben zufolge der Kirchenkreis Duisburg und die Evangelische Kirche im Rheinland. Etwa 160.000 Euro kämen von ihnen und aus einer Kollekte zusammen. "Für den Rest sind wir dringend auf Spenden und Sponsorengelder angewiesen", so Wessel.

Auf katholischer Seite war in Duisburg lange Priester Werner Paquet Schifferseelsorger. Vor seinem Tod 2016 fuhr er mit dem Kirchenboot "Sankt Nikolaus" durch den Hafen. Einen Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für die Binnenschifffahrt gibt es nicht mehr. "Das hängt unter anderem mit der starken Pluralisierung in der Pastoral und in den verschiedenen Seelsorgefeldern zusammen", erklärt Sprecher Matthias Kopp.

Religion und Konfession spielen keine Rolle

"Die herkömmliche Stände- und Zielgruppenseelsorge verändert sich, und neue Lebenssituationen wie Lebensformen fragen nach seelsorglicher Begleitung. Diese kann immer nur dort geschehen, wo die Menschen leben beziehungsweise sich bewegen."

Die evangelischen Seelsorger betonen, dass für sie Religion und Konfession der Seeleute keine Rolle spielten. Auch wenn es keinen speziellen katholischen Binnenschifferseelsorger gebe, sei Ökumene möglich: "Bei Bedarf holen wir Pfarrer Christian Becker dazu", sagt Wessel, der auch Religionslehrer am Schiffer-Berufskolleg ist. Becker gehört zum Team der Pfarrei Sankt Michael in Hafennähe.

Das evangelische Kirchenboot ist nach dem Theologen Johann Hinrich Wichern benannt, der 1870 den ersten Schiffer-Seelsorger entsandte. Heute fallen laut Wessel 600 bis 800 Besuche pro Jahr an.

Ein Job mit unvorhersehbaren Ereignissen

Nach einer Runde zu Fuß fährt Samko an diesem Tag zum Liegeplatz des defekten Kirchenbootes. 15 Meter lang und 4,20 Meter breit ist es, ausgestattet mit einem Führerhaus, Andachtsraum für 15 Personen, einer Küche, 10 Schlafplätzen und einem Bad.

Ihr Platz ist neben dem Schiffsführer, von dort hat sie einen guten Ausblick und entscheidet, wo sie anhalten. Angesichts der Arbeiter auf den Schiffen sagt sie: "Das ist ein Malocherjob. Jeden Tag." Sie seien meist nicht in der Kirche. Dennoch sagten sie: "Wir glauben an Gott."

Was bei ihren Touren auf sie zukommt, sei unvorhersehbar, betonen die Seelsorger. Sie seien meist gern gesehen. "Bis jetzt haben wir noch nirgendwo Bordverbot bekommen", berichtet Wessel schmunzelnd. Und viele Schiffer sagten ihnen: "Mit Kirche an Land können wir nichts anfangen. Ihr seid anders."

Von Leticia Witte

(KNA)

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