08.07.2018

Erfurter Theologen erforschen Gedenkfeiern nach Katastrophen Immer öfter "multikulti" im Trauern vereint

​Nach Katastrophen sind die Gotteshäuser voll. Doch der Wunsch nach Trost und Zuspruch stellt neue Anforderungen an kirchliche Trauerfeiern. Erfurter Theologen erforschen Chancen und Risiken.

Not lehrt Beten, sagt der Volksmund. Vor allem nach Terroranschlägen und Verkehrsunfällen mit vielen Toten sind die Kirchen auch heute gefragt. In einem Forschungsprojekt hat die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt Chancen und Risiken von "Trauer und Gedenken nach Großkatastrophen" ausgelotet. Experten zogen am Freitag in Thüringens Landeshauptstadt Bilanz.

Millionenpublikum auch vor den Bildschirmen

Trauergottesdienste nach "Großschadensereignissen" gab es schon immer, wie Projektleiter Benedikt Kranemann einräumt. Doch die gesellschaftlichen Erwartungen an solche Veranstaltungen haben sich vervielfacht, so der Erfurter Liturgiewissenschaftler. Und ein Millionen-Publikum kann vor dem Bildschirm dabei sein, "wenn Deutschland trauert".

Es geht nicht mehr nur darum, Trost oder sogar eine Erklärung aus dem christlichen Glauben zu finden. Die Kirchen sollen auch auf die wachsende Zahl der Menschen eingehen, die sonst kaum oder keinen Kontakt zu ihnen haben. Nicht nur bei einem Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund sollten auch Muslime - und Vertreter anderer Religionen - mitwirken, wie der Erfurter Politologe Alexander Thumfart rät, um der multikulturellen Gesellschaft gerecht zu werden.

Glaubensvielfalt wird umgesetzt

Ein prägnantes und zugleich umstrittenes Beispiel dafür war eine Muslimin in der Münchner Frauenkirche. Bei der Gedenkfeier für den Amoklauf von 2016 mit zehn Toten rief sie in einem Fürbittgebet mehrfach "Allah" an und legte damit ein klares Bekenntnis ihres Glaubens ab. Ähnlich wirkte ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde mit.

Nach Auffassung des Münchner Liturgiewissenschaftlers Winfried Haunerland kam damit eine "Unwucht" in die sonst christlich geprägte Andacht. Zugleich räumt er ein, dass in der Öffentlichkeit vor allem die Beteiligung der Muslimin positiv ankam und Kardinal Reinhard Marx seine Bischofskirche ausdrücklich für alle trauernden Münchner geöffnet hatte.

Gottesdienst im Kölner Dom zum Germanwings-Flugzeugabsturz

Nicht selbstverständlich ist für Theologen auch die Mitwirkung einer anderen Muslimin am Gottesdienst im Kölner Dom für die 150 Toten des Germanwings-Flugzeugabsturzes von 2015. Die Fürbitte der Frau, die Angehörigen beigestanden hatte, war in eine Reihe anderer integriert.

Es ist ein besonders prägnantes Beispiel für die Schwierigkeit, den christlichen Charakter einer solchen Feier deutlich zu machen, ohne andere Religionen zu vereinnahmen.

Viele Fragen des Protokolls zu klären

Der Osnabrücker Liturgiewissenschaftler Stephan Winter sieht in der "existenziellen Erschütterung" des jeweiligen Falls einen Maßstab, neue multireligiöse Modelle zu wagen. In Köln war jedoch kein Experiment geplant. Die anderen Unfall-Helfer hatten die Beteiligung ihrer muslimischen Kollegin an der Andacht zur Bedingung gemacht, wie Alexander Saberschinsky, Liturgiereferent des Erzbistums Köln, betont.

Wünsche und Auflagen kommen auch vom Staat. Zwar eröffnet er den Religionsgemeinschaften in Deutschland weitestgehende Freiräume, wie der Kirchenjurist Ansgar Hense klar stellt. Doch wenn kirchliches und staatliches Opfergedenken aufeinander treffen wie Anfang 2005 im Berliner Dom nach dem Tsunami in Südostasien, sind viele Fragen des Protokolls zu klären, so Karsten Hettling, der im Bundesinnenministerium dafür verantwortlich ist. So achtet er auf getrennte Lesepulte für Ansprachen, um die Trennung von Staat und Kirche zu symbolisieren.

Kerzen als vereinendes Symbol

Trotz vielfältiger Einflussnahmen hat sich ein "Grundmodell" solcher Gedenkandachten "herauskristallisiert", wie Projektleiter Kranemann bilanziert. Außer biblischen Texten und Segenshandlungen spielen dabei Kerzen eine zentrale Rolle. Sie sind religiös, aber auch nur als "Licht in der Dunkelheit" interpretierbar.

Erfahrungen mit solchen Ritualen machen nicht nur die Kirchen. So haben das Erfurter Gutenberg-Gymnasium seit dem Amoklauf von 2002 und die Lufthansa seit dem Germanwings-Absturz individuelle Formen des Gedenkens mit Betroffenen entwickelt. "Sie müssen an erster Stelle stehen", betonen Schulleiterin Christiane Alt und Markus Hoffmann, der Beauftragte der Fluggesellschaft.

Gregor Krumpholz
(KNA)

Sommer-Gewinnspiel

Ab dem 15. Juli wochentäglich: unser multimediales Sommer-Gewinnspiel. Kirchengeräusch anhören, erraten und gewinnen!

Im Video: Täglicher Gottesdienst

Sehen Sie hier den täglichen Gottesdienst aus dem Kölner Dom. An Werktagen ab 9 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ab 12 Uhr in der Mediathek.

Der gute Draht nach oben!

Tageskalender

Radioprogramm

  • Tageskalender
  • 20.08.
06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO Der Morgen

  • Krieg und Frieden - Frieden und Religion? "Religions for Peace" beginnt
  • Pfarrer Meuer ruft zur Stammzellspende für krebskrankes Baby auf
  • Ein Kiosk voller Geschichten. Und es werden mehr!
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Die veerherenden Brände auf Gran Canaria
  • Roadtrip mit Gott - die Pastorin mit dem Surfbrett
  • Welttreffen "Religions for Peace"
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Die veerherenden Brände auf Gran Canaria
  • Roadtrip mit Gott - die Pastorin mit dem Surfbrett
  • Welttreffen "Religions for Peace"
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • "fair reisen" - Reisetrends in Zeiten von Fridays for Future
  • Die gamescom ist in Köln gestartet
  • Das geheime Kirchengeräusch
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • "fair reisen" - Reisetrends in Zeiten von Fridays for Future
  • Die gamescom ist in Köln gestartet
  • Das geheime Kirchengeräusch
19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

DOMRADIO.DE auch auf Alexa

Gottesdienste, Nachrichten und das Evangelium – jetzt täglich auch auf Ihrem Echo und Echo Show!

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Jeden Sonntag neu.

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Der tägliche Impuls von Weihbischof Puff

Morgenimpuls mit Schwester Katharina

Schwester Katharina Hartleib aus Olpe begleitet Sie mit spirituellen Impulsen in den Tag. (Achtung: Sommerpause ab 1. Juli)