15.11.2017

Experte bietet professionelle Trauerbegleitung nur für Männer Den Abschied verarbeiten

Der Tod eines geliebten Menschen ist für jeden ein schwerer Schlag. Manche brauchen Hilfe von außen. Warum dazu besonders Männer zählen, erläuterte Trauerbegleiter Thomas Achenbach.

KNA: Herr Achenbach, Sie haben gerade eine Männer-Trauergruppe eröffnet. Wie ist der Zulauf?

Thomas Achenbach (Redakteur, Blogger und Trauerbegleiter): Wir treffen uns in diesen Tagen gerade erst zum zweiten Mal. Noch ist der Zulauf nicht sehr groß. Aber in einer Region wie dem Osnabrücker Land braucht es etwas Zeit, bis sich ein solches Angebot rumgesprochen hat. Hier aber sind wir - meine Partnerin im Projekt, die Wallenhorster Pastoralreferentin Regina Holzinger-Püschel und ich - meines Erachtens die einzigen, die eine Trauerbegleitung speziell für Männer anbieten.

KNA: Was sind das für Männer, die zu Ihnen kommen?

Achenbach: Gedacht ist die Gruppe in erster Linie für Männer, die ihre Partnerin verloren haben. Aber wir haben aktuell auch einen Vater, der um ein "Sternenkind" (Sternenkinder: Kinder, die mit einem Gewicht von weniger als 500 Gramm vor, während oder nach der Geburt sterben; Anm. d. Red.) trauert. Wir treffen uns immer am zweiten Mittwoch des Monats und reden viel, wenn auch nicht nur.

KNA: Sind das alles frische Trauerfälle?

Achenbach: Das ist ganz unterschiedlich und eigentlich auch egal. Natürlich kommen Männer zu uns, die gerade einen lieben Menschen verloren haben. Die Erfahrung aber zeigt, dass das Bedürfnis nach Trauerbegleitung nach einem gewissen zeitlichen Abstand zunimmt. Kurz nach dem Sterbefall erhält der Trauernde noch viel Mitgefühl aus seinem Umfeld. Er wird drauf angesprochen und vielleicht sogar eingeladen. Nach etwa einem dreiviertel Jahr aber lässt das nach.

Dann stellt sich im Umfeld eher das Gefühl ein, dass der Betroffene aus seiner Trauer jetzt aber mal rauskommen sollte. Das ist für Trauernde eine schwierige Phase, die Druck erzeugt und vielleicht auch einsam macht. Dann kommt die professionelle Trauerbegleitung ins Spiel.

KNA: Warum kümmern Sie sich insbesondere um Männer? Trauern die anders als Frauen?

Achenbach: Da gibt es ein wunderbares Zitat von dem Superintendenten Helmut Kirschstein aus Norden, der in einem Vortrag sagte: Männer trauern nach innen, Frauen nach außen. Ich glaube, da ist viel Wahres dran. Während Frauen in der Situation viel reden, sich mitteilen, schweigen Männer. Das klingt nach Klischee, ist nach unserer Beobachtung aber in der Realität so. Leider gibt es bislang dazu so gut wie keine wissenschaftliche Begleitforschung. Männer versuchen, den Verlust mit sich selbst auszumachen. Das kann klappen - und so ist es ja auch in den wohl meisten Fällen. Aber was man mit sich selbst ausmacht, kann auch bei einem bleiben. Die Trauer bleibt dann unverarbeitet. Oft haben gerade Männer auch falsche Vorstellungen von Trauergruppen - manche befürchten, da gehe es auch um meditatives Tanzen oder sowas. Dem ist aber nicht so.

KNA: Ist das anerzogen, genetisch bedingt oder wie kann man das begründen?

Achenbach: Manche Experten meinen das evolutionstheoretisch begründen zu können. Dass nämlich die Männer früher als Jäger und Sammler einzeln unterwegs waren und die Frauen zu Hause das Lagerfeuer gemeinsam hüteten. Aber dieses Beispiel wird nach meinem Gefühl schon für viel zu viele Aspekte gebraucht. Ich halte das Verhalten von Männern im Trauerfall für anerzogen. Man kennt die Rollenverteilung:

Männer weinen nicht; Indianerherz kennt keinen Schmerz. Das Annehmen eines Ohnmachtsgefühls ist für einen Mann ein No-Go. Zuzugeben, dass er aus der Bahn geraten ist, dass er machtlos ist, kommt für einen Mann kaum infrage. Dieses Verhalten entspricht auch der gesellschaftlichen Erwartung.

KNA: Wie helfen Sie konkret diesen Männern in der Trauerbewältigung?

Achenbach: Auch wir reden. Dadurch, dass nur Männer in der Gruppe sind, sinkt für sie die Hemmschwelle, sich zu äußern. Wir als Trauerbegleiter wollen eigentlich eher moderieren, die Diskussion lenken und Impulse geben. Gleichzeitig machen wir deutlich, dass es im Trauerfall kein mehr oder weniger an Trauerbedürfnis gibt. Es macht für die Betroffenen keinen Unterschied, ob der eine nach 50 Jahren Ehe seine Partnerin verloren hat oder der andere sein gerade geborenes Kind. Dann wird geredet. Das können manchmal auch ganz banale Dinge sein, wie: Wie komme ich allein jetzt mit dem Bügeln klar? Aber natürlich kommen die meisten Fragen aus tieferer Seele.

KNA: Was tun Sie, wenn das Reden nicht gelingen will?

Achenbach: Wir setzen bei jedem Treffen immer auch andere Methoden ein. Zu jeder Sitzung gehört auch das Vorlesen eines Impulstextes.

Von Rainer Maria Rilke etwa gibt es gerade für Trauernde Mut machende Passagen und Stellen voller Verständnis und Mitgefühl. Oder ich berichte aus der Forschung darüber, an welcher Stelle des Trauerprozesses die Teilnehmer gerade stehen und was sie voraussichtlich noch erwartet.

KNA: Und wann ist Schluss? Woran merken Sie und der Betroffene, dass die Trauer verarbeitet ist?

Achenbach: Das Ende der Besuche bestimmen die Teilnehmer natürlich selbst. Wir schmeißen keinen raus. Aber das merkt man dann schon, wenn die Fragen zu alltäglich werden. Und im Extremfall gibt es natürlich auch Grenzen, die uns gesetzt sind. Wenn sich bei einem Teilnehmer die Gedanken rund um einen eigenen Suizid, die in moderaten Maßen zu einem Trauerprozess oft dazugehören können, zu sehr verfestigen, dann müssen wir einfach abgeben und eine andere Betreuung einleiten. Da ist unsere Profession am Ende.

Das Interview führte Johannes Schönwälder.

(KNA)

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