Wunibald Müller
Wunibald Müller

Wunibald Müller ist Theologe, Psychologe und Leiter des Recollectio-Hauses, einer Einrichtung der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach. Es wird finanziell von mehreren Diözesen mitgetragen. Seine Angebote richten sich an Priester, Ordensleute und kirchliche Mitarbeiter in persönlichen und beruflichen Krisen.

09.01.2014

Wunibald Müller über Homosexualität, Kirche und den Fall Hitzlsperger "Etwas Selbstverständliches"

Der katholische Psychotherapeut Wunibald Müller sieht keinen Widerspruch zwischen Homosexualität und einer Priesterberufung - solange der Priester zölibatär lebe. Müller blickt im Interview auf das Coming-out von Ex-Fußballer Hitzlsperger.
 

domradio.de: Ein Mensch bekennt sich offen zu seinem Intimsten. Hätten Sie erwartet, dass das Coming-Out eines ehemaligen Fußballers für so viel Furore sorgt?

Wunibald Müller: Eigentlich nicht. Ich dachte, nachdem Bürgermeister und Minister sich geoutet haben, dass das nicht mehr eine so große Sensation sei.

domradio.de: Was bedeutet der Medienwirbel denn jetzt: Ist eine Homophobie in der Gesellschaft zu spüren?

Müller: Offensichtlich doch, zumindest subtil. Denn man denkt zum Beispiel, nachdem sich ein Außenminister oder ein regierender Bürgermeister geoutet haben, dass das dann doch etwas ist, wo die Bevölkerung eher gelassen reagiert. Aber es gibt offensichtlich doch noch subtil Homophobie. Homophobie heißt ja zum Beispiel, dass Menschen eine irrationale Angst davor haben, mit ihren eigenen homosexuellen Impulsen in Berührung zu kommen. Oder dass sie die Familie gefährdet sehen. Oder im theologischen Kontext: Die Überzeugung, dass Homosexualität nicht in Einklang zu bringen sei mit der Schöpfungsordnung.

Also subtil gibt es noch diese Vorbehalte. Wenn sie zum Beispiel an den Karneval denken, wenn Witze gemacht werden über homosexuelle Außenminister, das ist oft auch grenzwertig. An der Stelle spürt man doch schon, dass viele noch sehr plump und dumm und sehr primitiv über Homosexualität denken.

domradio.de: Könnte es nicht auch daran liegen, dass es gerade ein Fußballer war, der das Echo ausgelöst hat?

Müller: Natürlich, weil gerade ein bekannter Fußballspieler sehr idealisiert wird und man sich schwer tut, Homosexualität mit so einer idealisierten Person in Zusammenhang zu bringen. Zumal auch bei dem Sportler noch dazu kommt: da ist all das, was man der Männlichkeit zuspricht, was man ja oft nicht mit der Homosexualität in Einklang zu bringen vermag.

domradio.de: Nach dem Weltjugendtag in Brasilien im vergangenen Sommer hatte Papst Franziskus gesagt: "Wenn eine Person homosexuell ist und den Herrn sucht und guten Willens ist - wer bin ich, dass ich über sie urteile?" Was heißt das für Theologie und Lehre der Kirche?

Müller: Das heißt, dass man immer wieder, auch beim homosexuellen Menschen, zu allererst den Menschen sehen soll, und dass man den homosexuellen Menschen nicht auf seine Homosexualität reduzieren soll. Wohlwissend, dass natürlich die Homosexualität einen wichtigen Teil seines Lebens ausmacht. Das heißt zum Beispiel, dass sich die Kirche ganz stark dafür ausspricht, homosexuellen Menschen mit Respekt und Freundschaft zu begegnen. Und dass einem homosexuellen Menschen Respekt und Freundschaft genau so zugesprochen werden sollte wie einem heterosexuellen Menschen.

Das heißt es grundsätzlich. Was das dann natürlich an Konsequenzen mit sich bringen möchte, da weiß ich natürlich nicht, ob die Kirche so weit ist.

domradio.de: Die Aussage von Papst Franziskus damals bei der Pressekonferenz im Flugzeug hat auch schon für einen großen Medienrummel gesorgt. Ist es denn möglich für einen Priester, der zölibatär lebt, zu seiner Homosexualität zu stehen?

Müller: Eigentlich müsste es möglich sein, dass ein Priester der zölibatär lebt, sagen kann, dass seine sexuelle Ausrichtung homosexuell ist. Denn die Kirche unterscheidet ja selbst zwischen homosexueller Orientierung und homosexuellem Verhalten und sagt, die homosexuelle Orientierung an sich ist zwar objektiv ungeordnet, aber das ist etwas, was man im Grunde genommen nicht verstecken muss.

Ich fände es gut, wenn Priester weit offener als das im Moment der Fall ist, mit einer Selbstverständlichkeit auch dazu stehen können, dass sie eine homosexuelle Orientierung haben und zölibatär leben. Was ja auch für jemanden, der heterosexuell und Priester ist, möglich ist.

domradio.de: Aber warum tun das Priester Ihrer Meinung nach nicht?

Müller: Weil sie natürlich nach wie vor Angst haben. Das Thema Homophobie ist natürlich in der Kirche auch ausgeprägt. Sie haben Angst davor, dass Leute sie möglicherweise wie Personen zweiter Klasse behandeln, sie haben die Angst, geächtet zu werden. Und die Angst davor, dass ein wichtiger Teil von mir dazu führen könnte, dass andere Menschen mir mit Zurückhaltung begegnen.

domradio.de: Sie selbst haben sich mit diesem Thema schon lange beschäftigt. Sogar zu Studienzeiten war Homosexualität in der Kirche schon eines ihrer Themen. Wie erleben Sie diese Debatte in den letzten Jahren? Hat sich da etwas verändert? Immerhin gibt der Papst eine Pressekonferenz und spricht über das Thema.

Müller: Eindeutig, er hat ja das Wort "gay" gebraucht, was schon heißt, dass er an der Stelle offener ist für das Thema Homosexualität. Ich glaube, es geht damit einher, dass insgesamt in der Kirche offener diskutiert werden kann. Dann können auch homosexuelle Menschen mehr aus sich heraus gehen. Es mag auch dazu führen, dass mehr und mehr homosexuelle Priester auch den Mut haben, zu ihrer Homosexualität zu stehen, nicht mehr die Angst haben, die vorher da war und die sie davon abgehalten hat, zu einer wichtigen Seite ihres Lebens zu stehen.

domradio.de: Glauben Sie also diese Debatte wird noch weiter gehen, und der Medienrummel ist nicht in zwei Wochen vorbei?

Müller: Der Medienrummel wird vorbei sein, aber die Debatte wird weitergehen. Es wird hoffentlich dazu führen, dass Homosexualität mehr und mehr als etwas Selbstverständliches gesehen wird, über das man vielleicht gar nicht mehr so aufgeregt sein muss. Je mehr man selbstverständlich über Homosexualität spricht, umso besser ist das für die Homosexuellen selbst und umso weniger muss man das zum großen Thema machen.

Das Interview führte Matthias Friebe.

(DR)

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