Unwetter in Nordrhein-Westfalen
Unwetter in Nordrhein-Westfalen
Der Jesuit und Priester Jörg Alt
Der Nürnberger Jesuit und Priester Jörg Alt

17.07.2021

Jesuit Alt ruft zur Bekämpfung des Klimawandels auf "Das Schlimmste noch verhindern"

Angesichts der aktuellen Unwetterkatastrophe blickt Jesuitenpater Jörg Alt erschüttert auf den Zusammenhang zum Klimawandel. Warum er trotz allem glaubt, dass es für einen Systemwechsel noch nicht zu spät ist, erklärt er im Interview.

DOMRADIO.DE: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die aktuellen Bilder der braunen Wassermassen sehen, die ganze Häuser mit sich reißen und eine Spur der Verwüstung hinterlassen?

Jörg Alt SJ (Jesuitenpater): Nun ja, dass dieser Sommer wegen des El Niño Phänomens in Europa eher nicht heiß und trocken, sondern feucht wird, wurde ja vorhergesagt. Aber wenn es dann doch so dicke kommt, ist das natürlich erschütternd.

DOMRADIO.DE: Diese Katastrophe ist ja eigentlich eine Katastrophe mit Ansage. Schließlich warnen Klimaforscher schon seit Langem vor solchen Extremwetterlagen. Verstehen Menschen so etwas wirklich nur, wenn sie es dann am eigenen Leib erfahren?

Alt: Das ist Teil unseres evolutionären Erbes. In unserem Stammhirn gibt es etwas, das scherzhaft Echsenhirn genannt wird. Das soll besagen, dass von früh an Tiere auf die jeweils unmittelbar vor ihnen stehende Bedrohung instinktiv mit Flucht oder Kampf reagierten. Das war Jahrmillionen sehr nützlich gewesen, aber es reicht halt heute nicht mehr. Die Menschheit muss ihren Verstand besser verwenden lernen oder sie wird untergehen.

DOMRADIO.DE: Sie stellen sich hinter die Forderungen der Klimaaktivistinnen und Aktivisten, die sagen: "System Change" statt "Climate Change", also Systemwechsel statt Klimawandel. Welches System müssen wir denn da überwinden? Was für eines brauchen wir in Zukunft?

Alt: Das weiß jeder, der "Laudato si" und "Fratelli tutti" gelesen hat. Das war eben nicht einfach nur eine nette Enzyklika, sondern der Papst hat das durchaus ernst gemeint. Also es geht um das aktuell immer noch dominierende neoliberale technokratische System mit seinen Parametern von Wettbewerb, Profit, Wachstum und so weiter. Und deswegen, weil es noch so hartnäckig im Sattel sitzt, muss man aufpassen. Denn vieles, was heute als Lösung verkauft wird, auch im Wahlkampf, das ist eine Mogelpackung.

Wenn Politiker und Ökonomen sagen: Wir müssen vom konventionellen Wachstum auf grünes Wachstum umsteigen, ist stets Vorsicht geboten, weil letzten Endes steckt dahinter immer noch die Vorstellung von unendlichem Wachstum in einer endlichen Welt. Da müssen wir radikal umdenken.

DOMRADIO.DE: Mit Blick auf das Ausmaß der Zerstörungen oder auch die Hitzewelle in Kanada in den letzten Wochen könnten wir denken: Es ist eigentlich schon zu spät. Wir können das Ruder gar nicht mehr umreißen. Sie dagegen sagen aber: Nein, es ist noch nicht zu spät. Warum? Woher kommt dieser Optimismus?

Alt: Letzten Endes geht ja das Ganze auf Luthers Ausspruch zurück: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.

Leider sind wir genau in diesem Moment jetzt angekommen. Die Kipppunkte kommen schneller als vorhergesagt, aber dennoch müssen wir das Vertrauen haben, dass das, was wir tun, in Gemeinschaft mit anderen und Gottes Hilfe das Schlimmste noch verhindern kann.

Als jemand, der diverse erfolgreiche Kampagnen zu hoffnungslosen Themen organisierte, die jeder als unmöglich bezeichnete, habe ich hier eine gewisse Hoffnung.

DOMRADIO.DE: Also eine bessere Welt ist möglich – das ist ihr Credo. Womit kann denn jeder oder jede Einzelne für sich anfangen?

Alt: Zunächst einmal geht es darum, dass jeder Mensch für sich noch einmal klar bekommt, was für ihn Lebensglück und Zufriedenheit ausmacht. Dabei kommt man hoffentlich dann darauf, dass man nicht auf die Malediven fliegen muss, sondern sich auch ganz gut zu Hause im Garten erholen kann. Vielleicht muss man auf vieles verzichten, was jahrzehntelang selbstverständlich war, aber deswegen muss man nicht unbedingt selbst auf Lebensqualität verzichten.

Aber das reicht alleine noch nicht. Selbst wenn jemand heute vegan wird, kein Flugzeug und kein Auto mehr benutzt. Es sind nur 25 Prozent, was jeder als Einzelner an seinem ökologischen Fußabdruck reduzieren kann, weil ja letzten Endes Straßen, Infrastruktur, Krankenhäuser und andere Dinge trotzdemwegen uns vorgehalten werden. Deswegen muss sich auch jeder Mensch gesellschaftspolitisch engagieren, dass an den großen Rädern von Ökonomie und Gesellschaft gedreht wird.

Dabei sollte man keine Angst haben, dass man überfordert wird. Natürlich kümmern sich schon Experten um die Wirtschaft, wie zum Beispiel die Gemeinwohlökonomie oder der Papst mit seinem Prozess "Economy of Francesco". Aber was jeder wirklich tun kann, ist, mit seinem Nachbarn zu reden. Wenn dieser ein Klimaskeptiker ist, kann man ihn davon überzeugen, dass der Klimawandel real ist und dass es gravierende Folgen haben wird, wenn wir nichts tun.

(DR)

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