Regenwald am Amazonas
Regenwald am Amazonas
Waldbrände in Südamerika
Waldbrände im Amazonasgebiet

06.09.2019

Vier Wochen vor der Amazonas-Synode Grüne Lunge, Reformhoffnungen und Warnung vor Spaltung

Es war so nicht zu erwarten: Aber wenn Papst und Dutzende Bischöfe aus aller Welt im Oktober im Vatikan über den Amazonas-Regenwald und die dortigen Indigenen sprechen, gerät dies in vielerlei Hinsicht zu einem Politikum.

Zuletzt war die weltpolitische wie innerkirchliche Kulisse der Sondersynode für Amazonien noch bedeutender geworden.

Brennende Regenwälder, ein mögliches Platzen des weltweit größten Handelsabkommens zwischen Mercosur und EU, diplomatische Verwicklungen zwischen Brasilien und Frankreich bis hin zur Frage, ob es in der römisch-katholischen Kirchen bald verheiratete Priester oder heidnische Einflüsse in der Liturgie gibt. All dies sorgt in den Monaten vor der Sondersynode immer wieder für Streit - und deshalb Aufmerksamkeit.

Dass diese so breit gestreut ist, liegt auch am dreiteiligen Themenspektrum der Synode: Ökologie Amazoniens, Kultur und Rechte der Indigenen sowie kirchliche Seelsorge. "Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie" lautet der Titel des Treffens, unter dem sich viele Vorschläge und Ideen versammeln lassen.

Gelten sollen diese vor allem für das rund 7,5 Millionen Quadratkilometer große Amazonas-Gebiet, das in neun Staaten reicht.

Dort lebt eine indigene Bevölkerung von rund drei Millionen Menschen, zusammengesetzt aus etwa 390 verschiedenen Völkern und Nationalitäten in sehr weit verstreuten Siedlungen. Hinzu kommen Landarbeiter eingewanderte Landarbeiter und Projekte internationaler Wirtschaftsunternehmen.

Papst Franziskus selbst misst dem dreiwöchigen Bischofstreffen große Bedeutung und Dringlichkeit zu. Das Amazonas-Gebiet sei eine entscheidende Region, nicht nur weil von dort ein Großteil des weltweiten Sauerstoffs stamme, sagte das Kirchenoberhaupt Anfang August in einem Zeitungsinterview. Eine Entwaldung Amazoniens bedeute, "die Menschheit zu töten", so der Papst.

Wegen der anhaltenden Waldbrände in mehreren Amazonas-Staaten kam es mittlerweile zu internationalen Spannungen. Äußerungen des französischen Präsidenten Emanuel Macron, der Regenwald am Amazonas gehöre der ganzen Menschheit, wurden von Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro empört zurückgewiesen. Kritiker werfen dem Brasilianer dagegen vor, Landwirte und Landarbeiter mit Äußerungen zu den Bränden angestachelt zu haben, um illegal an Flächen zu gelangen.

Alternative Entwicklungsmodelle

Als Konsequenz forderte der brasilianische Kardinal Claudio Hummes bereits dringend andere Entwicklungsmodelle. Bisher herrschten in Amazonien wirtschaftliche und private Interessen vor, die einer "Neuauflage des Kolonialismus" gleichkämen, schrieb er in der Vatikanzeitung "Osservatore Romano". Wenn sich daran nichts ändere, "wird die ganze Region zerstört werden, mit all den verheerenden Folgen, die schon absehbar sind".

Dass die katholische Kirche weltweit so großes Interesse am Regenwald zeigt, beobachtet die Regierung in Brasilia besorgt. Sie sieht ihre wirtschaftlichen Interessen betroffen. Dass ein weiteres Schrumpfen des südamerikanischen Regenwaldes massive Auswirkungen auf das Klima hat, steht für Forscher außer Frage.

Der Papst warnte indes davor, die Synode als Konferenz ökologischer Experten misszuverstehen. Vielmehr gehe es um die Mission der Kirche, Menschen die christliche Botschaft besser zu vermitteln. Was die "neuen Wege für die Kirche" betrifft, verneinte der Papst die Frage, ob die oft genannten "viri probati" - ältere verheiratete Männer, die zu Priestern geweiht würden - ein wichtiges Thema seien. Dies sei "nur eine Nummer" im Arbeitsdokument der Synode. Mehrfach stellte er bereits klar, es werde unter ihm keine generelle Abschaffung des Zölibats oder eine Lösung mit Wahlmöglichkeit geben.

Die "Spezialsynode für Amazonien" betonte auch Fabio Fabene, Untersekretär der Bischofssynode, bei der Vorstellung des rund 140 Seiten starken Arbeitsdokumentes Mitte Juni im Vatikan. Keineswegs gehe es darum, der gesamten katholischen Kirche ein "amazonisches Aussehen" zu geben.

Intensive Vorbereitung

Das Arbeitspapier fußt auf einem längeren Beratungsprozess. Über ein Jahr lang wurden auf 260 Veranstaltungen vor Ort in Südamerika die Themen und Anliegen sondiert. Dem peruanischen Kardinal Pedro Barreto Jimeno zufolge beteiligten sich an dieser Meinungsbildung insgesamt 87.000 Personen. Die breitere Vorbereitung ist Folge einer Synodenreform, die Franziskus 2018 einführte.

Neben der Möglichkeit, in entlegenen Gegenden eventuell ältere und angesehene Familienväter zur Priesterweihe zuzulassen, erwähnt das Papier neue Räume für kirchliche Ämter, auch für Frauen. Dabei geht es laut Fabene nicht um den Diakonat. Wohl aber darum, die Kultur der Indigenen mehr zu schätzen und die christliche Botschaft besser in die jeweilige Kultur zu übersetzen.

Werden auf der einen Seite Kirchenvertreter wie der frühere Amazonas-Bischof Erwin Kräutler von Xingu sowie der deutsche Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck zu Kronzeugen großer Reformschritte gemacht, so werden umgekehrt andere Amazonas-Bischöfe und Kardinäle zu mahnenden Propheten und Warnern hochgeschrieben.

Deren tatsächliche Aussagen wägen aber meist doch stärker ab und formulieren differenzierter.

So hält der frühere Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller, die hinter dem Vorbereitungsdokument stehende "Theologia indigena" und die "Ökotheologie" zwar für eine "Kopfgeburt von Sozialromantikern". Eine bessere Inkulturation des Christentums in Amazonien unter Beachtung der traditionellen katholischen Lehre, sieht er gleichwohl als geboten an.

Und in einem aus dem Gefängnis lancierten Brief bezeichnete der australische Kardinal George Pell die Synoden-Vorbereitungen als "verstörend". Das sogenannte Instrumentum laboris sei "nicht das erste Dokument von schlechter Qualität, das das Synodensekretariat erstellt hat". Leute wie Kurienkardinal Robert Sarah unken bereits von einer Kirchenspaltung, münzen das aber nicht allein auf die Synode.

Hoffnung auf ein Signal

Umgekehrt erhoffen sich etwa die beiden kirchlichen Hilfswerke Misereor und Adveniat ein "Signal des Aufbruchs". Die Synode solle zeigen, "dass Wandel in Politik, Wirtschaft, Technik und nicht zuletzt auch in Kirche möglich ist", so die Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel und Michael Heinz in einem Vorwort zur deutschen Übersetzung des Arbeitsdokumentes.

Demgegenüber warnte der Jesuit Bernd Hagenkord nach einer Amazonien-Reise davor, die Synode zu benutzen, um Probleme der Kirche in Europa und Nordamerika zu thematisieren. "Wir können in dieser Diskussion nicht unsere europäischen Fragen wie Sexualmoral, Macht und Autorität diskutieren", warnte er. In Amazonien würde dies bereits als "neuer Kolonialismus" aufgefasst.

Am Tag vor der Synode ernennt Franziskus übrigens zehn neue wahlberechtigte Kardinäle, von denen die Hälfte spanisch oder portugiesisch spricht. Es wird sich dann zeigen, ob und wie die katholische Kirche im Norden fähig ist, den durchaus vielschichtigen Stimmen aus dem Süden zuzuhören und deren eigene Kompetenz anzuerkennen.

Roland Juchem
(KNA)

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