Christian Hartl
Christian Hartl

26.04.2017

Renovabis-Hauptgeschäftsführer Hartl über Migration und Kreuz "Wichtig ist in Europa der Dialog"

Seit Herbst 2016 ist der frühere Spiritual Christian Hartl neuer Hauptgeschäftsführer des katholischen Osteuropahilfswerks Renovabis. Im Interview spricht er über die Pfingstaktion 2017 und die Rolle der Christen in Europa.

KNA: "Bleiben oder Gehen?" lautet das diesjährige Motto der Pfingstaktion. Was war der Auslöser?

Pfarrer Christian Hartl (Hauptgeschäftsführer des katholischen Osteuropahilfswerks Renovabis): In den aktuellen Debatten wird die Migrationsproblematik auf die Flüchtlingsfrage verengt. Wir wollen nun darauf hinweisen, dass es Migration stets gegeben hat, in manchen Bereichen ist sie ja auch höchst willkommen. Denken Sie an den Pflegebereich, den Bausektor oder die Gastronomie. Ohne die Menschen aus dem Osten ginge es gar nicht. Auf diese europäische Binnenmigration wollen wir den Fokus richten und zudem aufzeigen, welche Folgen sie für die Herkunftsländer hat.

KNA: Was hat Sie an der neuen Aufgabe bei Renovabis gereizt?

Hartl: Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick meinte mit Blick auf meine letzte Tätigkeit als Spiritual, die Pfingstaktion des Hilfswerks habe eine eminent spirituelle Dimension. Wie überhaupt ein kirchliches Hilfswerk nicht einfach eine weitere Nichtregierungsorganisation sei. Zu dieser geistlichen Dimension wollte ich gerne beitragen, außerdem gefiel mir der weltkirchliche Blick. Der weitet den eigenen Horizont, das ist immer reizvoll.

KNA: Hatten Sie schon mit der Weltkirche zu tun?

Hartl: Da hat mich sicher meine Zeit als Sekretär des früheren Augsburger Bischofs Viktor Josef Dammertz geprägt. Als Abtprimas der Benediktiner war er 15 Jahre von Rom aus weltweit tätig. Im Augsburger Bischofshaus ging dann die Weltkirche ein und aus.

KNA: Haben Sie zu Osteuropa persönliche Beziehungen?

Hartl: Zu Osteuropa hatte ich bisher über private Reisen hinaus kaum Kontakte. Mein Promotionsstudium in Innsbruck machte ich allerdings bei Pater Franz Weber, einem Comboni-Missionar. Der kam damals aus Brasilien zurück und nannte seinen Lehrstuhl "Interkulturelle Pastoraltheologie". Da war auch Osteuropa im Blick.

KNA: Wie schaut es mit einer osteuropäischen Sprache aus?

Hartl: Ich kann leider nur ein paar Brocken Polnisch, möchte das aber gerne vertiefen. Interessanterweise kommt man mit Italienisch oft gut durch. Dieses "Kirchenlatein der Moderne" sprechen viele unserer Partner.

KNA: Was haben Sie in den ersten Monaten für Erfahrungen gemacht?

Hartl: Zunächst ging es mir darum, die Organisation Renovabis kennenzulernen. Ich staune über die Fachkompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und darüber, wie ausdifferenziert die Strukturen und Themen sind, wie gut die Vernetzung ist. Jetzt ist mir wichtig, in einzelne Länder zu reisen. Denn vor Ort kann man die Situation immer noch am besten erfassen. Ich war bereits zweimal in Polen, dann in Ungarn und Albanien. Im Juni soll es nach Moskau und nach Nowosibirsk gehen, im Herbst mit dem für unser Werk zuständigen Berliner Erzbischof Heiner Koch in die Ukraine.

KNA: Renovabis gibt es bald seit 25 Jahren. Wo sehen Sie in einem sich verändernden Europa die Aufgabe des Hilfswerks?

Hartl: Viele Hoffnungen von 1989/90 haben sich nicht erfüllt, etwa die auf friedliche Entwicklungen oder einen besseren Lebensstandard für alle. Deshalb sind wir nach wie vor gefragt. Unsere Projektpartner bitten um Unterstützung pastoraler Projekte, aber auch um Hilfen im sozialen Bereich und in Sachen Bildung.

KNA: Wie reagieren Sie?

Hartl: Wichtig ist uns der Dialog, denn in Europa gibt es derzeit viele Verständigungsprobleme. Wir müssen aufeinander hören und gemeinsam überlegen, was heute gebraucht wird. Erfreulich ist die wachsende Kooperation unter den osteuropäischen Partnern. In Polen gibt es inzwischen eine eigene Hilfsaktion der dortigen Bischofskonferenz für Osteuropa.

KNA: Worauf kommt es derzeit in Europa an?

Hartl: Was wir momentan weltweit beobachten, ist eine gewisse Egozentrik. Die zeigt sich in der Devise "America first" und abgewandelt in manchen europäischen Staaten. Aus christlicher Sicht ist das höchst besorgniserregend. Wichtig für alle Länder ist die gegenseitige Solidarität. Das müssen wir als Christen immer wieder betonen.

KNA: Sie haben Ihre Doktorarbeit über die Kreuzes-Spiritualität von Julius Döpfner geschrieben. Hilft Ihnen dieses theologische Denken für Ihre jetzige Aufgabe?

Hartl: Zunächst freue ich mich, nun auf dem Freisinger Domberg im Kardinal-Döpfner-Haus tätig sein zu können. Das ist eine schöne Fügung des Himmels. Für die Kreuzesspiritualität Döpfners habe ich vier Symbole gewählt: Das Kreuz ist vergleichbar einem Stachel, der immer wieder auf die Realität und damit auf konkrete Nöte hinweist.

Gleichzeitig ist es aber auch ein Schlüssel, Symbol für den Glauben, der Hoffnungsperspektiven eröffnet. So dann ist das Kreuz als Ausrufezeichen zu sehen. Es geht darum, Position zu beziehen und zu sagen, was nicht in Ordnung ist. Und dann steht das Kreuz für eine Klammer, die alles zusammenhält. Diese vier Symbole und ihre Bedeutung sind meines Erachtens auch für Renovabis wichtig.

Das Interview führte Barbara Just.

(KNA)

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