Papst trifft brasilianische Bischöfe zu Erfahrungsaustausch
Papst Franziskus verlässt die Synodenaula zum Abschluss der Amazonas-Bischofssynode
Nathalie Becqurat
Nathalie Becqurat
Kurienkardinal Michael Czerny
Kurienkardinal Michael Czerny
Erzbischof Gintaras Grušas
Erzbischof Gintaras Grušas

08.10.2021

Was ist eigentlich Synodalität? Heiliger Geist oder Demokratie?

Am Wochenende startet der Vatikan einen weltweiten synodalen Prozess. Deutschland und andere Länder gehen mit eigenen Projekten voraus. Was genau heißt aber Synodalität? Fragen an Synoden-Organisatoren im Vatikan und aller Welt.

Synode - von griechisch "synodos" - heißt so viel wie Treffen, Zusammenkunft, aber auch Reisegemeinschaft. Das Wort ist bei den Katholiken gerade im Trend. In Rom wird am Wochenende mit dem "synodalen Prozess" ein weltweites Projekt gestartet, das in den kommenden zwei Jahren Christen auf allen Kontinenten fragt, was sie sich von ihrer Kirche wünschen. Enden wird das Projekt im Herbst 2023 mit der Bischofssynode zum Thema Synodalität. Aber was bedeutet eigentlich Synodalität? Ganz so einfach ist das nicht zu beantworten.

Versucht man Außenstehenden zu erklären, was im Vatikan bei einer Synode passiert, kommt einem schnell das Bild des Parlaments in den Sinn. Verschiedene Menschen, die unterschiedliche Gruppen repräsentieren, kommen zusammen, debattieren und stimmen ab. Sagt man das Papst Franziskus, wird ihm diese Definition aber gar nicht gefallen. Genau das will er nämlich nicht. Im Parlament geht es darum, andere vom eigenen Standpunkt zu überzeugen, den man für richtig hält. In einer Synode soll das genau umgekehrt sein, es geht ums Zuhören, was die unterschiedlichen Parteien zu sagen haben, und weniger ums selber Sprechen.

Das war zum Beispiel im Frühjahr 2020 die Kritik von Franziskus an der Amazonas-Synode. Viel wurde im Vorhinein darüber diskutiert, ob eine Zölibats-Ausnahme, die sogenannten "Viri probati", dort eine Mehrheit finden. Haben Sie. Der Papst hat diesen Beschluss aber nicht umgesetzt, mit der Begründung, dass die Debatte mehr ein Gegeneinander als ein Miteinander gewesen sei.

"Kein Organisationswerkzeug für die Kirche"

Aber wie genau soll dieses Miteinander funktionieren? Die französische Ordensschwester Nathalie Becquart sitzt im Leitungskomitee des synodalen Prozesses im Vatikan, und hat zudem das Thema Synodalität in den USA studiert. Sie macht deutlich, in erster Linie geht es nicht darum, Dokumente und Beschlüsse zu fassen: "Es ist kein Organisationswerkzeug für Kirchenstrukturen, sondern die Art und Weise, wie Kirche im 21. Jahrhundert existieren kann - mit unserem Kontext und unserer Geschichte, mit dem Ziel die Herausforderungen der Zeit anzugehen und das Evangelium in unserer heutigen Welt zu verkünden."

Was heißt das konkret in der Praxis? Fragt man nach, hört man viel Spirituelles. "Es gibt einen Pfad, auf den uns Gott leiten will. Wir müssen uns gegenseitig helfen, um mit der Inspiration Gottes diesen Weg zu finden," so Donal McKeown, der Bischof von Derry, der gerade eine eigene Synode für Irland mitvorbereitet. Er sagt, es soll dort explizit nicht um Strukturen, Reformen und Kirchenpolitik gehen.

Auf europäischer Ebene wird der synodale Prozess vom CCEE koordiniert, dem Rat der Bischofskonferenzen Europas. Sein neuer Präsident, der Erzbischof von Vilnius Gintaras Grusas, macht klar: Wenn wir wissen würden, welche Ergebnisse am Ende herauskommen, wäre der Prozess nicht synodal. "Was danach kommt, können wir wirklich nicht sagen, wenn wir die Idee der Synodalität ernst nehmen".

Keine fertigen Dokumente

Konkreter fasst es der kanadische Kurienkardinal Michael Czerny SJ. Er war Sondersekretär für die Amazonas-Synode 2019. Er sagt, die Idee der Synodalität muss bewusst angegangen werden, bereits im Vorhinein: "Wir haben versucht im Vorfeld zu vermeiden, uns zu sehr auf fertige Konzepte oder Dokumente zu stützen. Natürlich gab es vorab Studien und theologische Reflektionen, um dem Prozess ein Fundament zu geben. Die Synode selbst war aber kein Prozess, um fertige Dokumente abzusegnen." Das sei etwas gewesen, so Czerny, dass diese Synode von früheren Bischofstreffen unterschieden habe. In früheren Pontifikaten sei es üblich gewesen, fertige Dokumente abzunicken. Erst unter Franziskus habe der synodale Prozess eine eigene Dynamik entwickelt.

Es geht beim Konzept der Synodalität also darum, ohne vorgefertigte Vorstellungen und Forderungen in einen Gesprächsprozess zu gehen, bei dem verschiedene Menschen unterschiedliche Meinungen einbringen. Die sollen dann einen gemeinsamen Weg finden. Die Spirituellen sagen: Durch den Heiligen Geist - die Pragmatiker sagen: Durch Mehrheitsbeschlüsse.

Und genau das ist auch etwas, das am Synodalen Weg in Deutschland von außen bemängelt wird. Vielen sei schon vorab klar, dass Frauenpriestertum oder eine Machteinschränkung der Bischöfe der Weg in die Zukunft sind, sagen Kritiker im In- und Ausland. Roland Maurer lebt als deutscher Priester in Australien und ist dort Delegierter beim "Plenarkonzil", dem australischen Reformprozess, der am vergangenen Wochenende seine Arbeit aufgenommen hat. "Ich bin inzwischen sehr weit davon abgekommen, das Heil in Strukturen und Gesetzen zu suchen. Es muss ein spiritueller Wandel stattfinden. Den kann man nur unterstützen, aber nicht durch Gesetze, Regeln oder Strukturen einfordern."

Ähnlich sieht es Donal McKeown. Der irische Bischof sagt zur Frage des Bedeutungsverlustes der Kirchen in Irland und weltweit: "Fragen nach Frauenpriestertum oder verheirateten Priestern haben kaum etwas damit zu tun, wenn wir nicht missionsorientierte Gemeinschaften aufbauen können. Den Klerus zu wechseln hätte keinen Sinn, ohne die Kirche zu ändern."

Ein menschlicher Impuls

Der Impuls, eine Synode als Parlament aufzufassen sei aber vollkommen verständlich, sagt Kardinal Czerny, der selbst in der Synodenvorbereitung damit konfrontiert wurde. Wer vor einem Problem steht, möchte eine fertige Lösung sehen, so einfach sei das aber nicht in einer Glaubensgemeinschaft. "Es ist ganz normale menschliche Natur, dass man nicht zuhören, sondern lieber von seinem eigenen Standpunkt überzeugen will. Die Beratungen, mit denen wir viel vertrauter sind, Parlamente, Kongresse in der Welt der Politik, legen viel mehr Wert auf Überzeugungsarbeit und Strategien, um Abstimmungen mit einer Mehrheit zu gewinnen. Das ist eine große Dimension der menschlichen Gesellschaft und auch eine wichtige Aufgabe der Volksvertretungen. Das ist aber eben nicht der Weg der Synodalität, und das müssen wir als Kirche lernen."

Im Endeffekt komme es darauf an zu verstehen, dass die Kirche zwar eine weltliche Organisation ist – aber auch mehr als das. Deshalb kann die Antwort nicht nur in einem demokratischen Mehrheitsvotum liegen. Die Kirche hat auch eine spirituelle – göttliche – Ebene, und deshalb müsse man auch der Inspiration des Heiligen Geistes die Chance geben, eine Rolle bei den Beratungen zu spielen.

Auch wenn das nach außen schwer zu vermitteln ist, gesteht die Synodenexpertin Becquart. "Natürlich hat die Kirche weltliche Strukturen, aber wir dürfen die Kirche nicht nur auf das reduzieren, was wir sehen, auf unsere menschliche Dimension. Wenn man das so betrachten würde, käme einem natürlich sofort das politische Modell des Parlaments in den Sinn."

Und außerdem, so die Ordensfrau, sei das Votum bei einer Synode eh nicht wirklich ausschlaggebend. "Wenn man sich die letzten Synoden anguckt, wurden die Paragraphen der Abschlussdokumente immer mit 95 Prozent oder 99 Prozent Zustimmung angenommen. So war es auch beim Zweiten Vatikanischen Konzil. Wenn der Prozess wirklich synodal ist, spielt die Abstimmung gar keine so große Rolle."

Renardo Schlegelmilch
(DR)

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