Bernd Hagenkord, Theologe und ehemaliger geistlicher Begleiter des Synodalen Wegs
Bernd Hagenkord, Theologe und ehemaliger geistlicher Begleiter des Synodalen Wegs

16.02.2021

Wie die römische Zentrale den Synodalen Weg sieht Der Synodale Weg ist erst der Anfang

In Rom herrschen Unsicherheit und Nervosität, sagt der Jesuit Bernd Hagenkord. Dabei ist er sich sicher, dass es keinen deutschen Sonderweg geben werde. Vielmehr sei der Synodale Weg der Aufschlag zu einer weltkirchlichen Debatte. 

DOMRADIO.DE: Wie sieht man denn den Synodalen Weg durch die römische Brille?

Pater Bernd Hagenkord SJ (Jesuit und geistlicher Begleiter im Synodalen Weg, ehemaliger Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan): Ich glaube, man sieht den synodalen Weg mit etwas Unsicherheit und Nervosität. Man hört vor allen Dingen die Kritik. Die anderen zweifelnden Stimmen hört man nicht. Das bezieht sich vor allen Dingen die scharfen Formulierungen und die scharfen Konflikte, die in der Öffentlichkeit ausgetragen werden. Dann bezieht sich das auf die Unsicherheit, was das eigentlich sein soll, ein "Synodaler Weg". Das ist kirchenrechtlich überhaupt keine Form, die es gibt. Was soll dabei rauskommen?

Dann der Forderungsmodus, in dem viele Dinge gesagt werden und wenn es heißt, das müsse jetzt endlich so und so gemacht werden. Das ist alles sehr deutsch und das ist alles sehr grundsätzlich. Da reagiert man doch eher etwas nervös unsicher aus Rom. Aber ich denke auch, dass es Interesse gibt zu sehen, was dabei rauskommt. Immerhin gibt es da einige Themen, die wir hier in Deutschland verhandeln, die nicht nur Deutschland betreffen. Von daher herrscht da Unsicherheit, auch Kritik von einigen Stimmen. Aber letztlich, glaube ich, ist da auch Dialog.

DOMRADIO.DE: Der Papst hat für Oktober 2022 eigens eine Synode über das Thema "Synodale Kirche" einberufen - der synodale Gedanke steht also beim Papst ganz oben auf der Tagesordnung?

Hagenkord: Ein klassisches Ja und Nein. Natürlich ist Synodalität sein Thema. Vielleicht sogar das Papstthema überhaupt, das nach innen in die Kirche hineingeht. Das betont er immer wieder und hat da auch immer wieder Formulierungen zu.

Auf der anderen Seite das "Nein": Es ist seine Version von Synodalität. Es ist also keine offene Debatte im eigentlichen Sinn, sondern er sagt immer wieder sehr klar, dass er der Garant der Einheit sei. Wenn man sich mal seine jüngsten Äußerungen anschaut, dass er etwa bei der Amazonas-Synode letztlich gesagt hat: "Das war nicht synodal, also kommt dieses Thema - die Weihe von verheirateten Männern zu Priestern - gar nicht in das Schlussdokument hinein."

Er will sich also doch vorbehalten, was Synodalität sei. Es ist also schon ein bisschen eingeschränkt. Es ist sein Thema. Es ist ganz oben auf der Tagesordnung. Aber ob das wirklich auch unsere Vorstellung von Synodalität ist, das muss sich erst den nächsten Jahren oder Jahrzehnten herausstellen.

DOMRADIO.DE: Papst Franziskus ist doch jemand, der immer wieder synodale Wege und Prozesse einfordert. Er will dazu auch den Kirchen vor Ort mehr Eigenständigkeiten geben - ist das richtig?

Hagenkord: So hatte er es zu Beginn angekündigt, in Evangelii Gaudium zum Beispiel und dann immer wieder auch in einzelnen Entscheidungen. Zum Beispiel was die Approbation, also die Zulassung von liturgischen Büchern angeht. Das sind alles so Dinge, bei denen die Ortskirche mehr entscheiden kann und soll. Sein Amt ist aber letztlich das der Einheit.

Ich glaube schon, dass der Papst deutlich die Sorge hat, dass die katholische Kirche auch an einigen Konfliktthemen auseinanderbrechen könnte, weil einige Parteien einige Themen zu stark machen. Sexualmoral und Homosexualität sind so Themen, oder die Weihe der Frau. Das sind alles Dinge, die beim Synodalen Weg ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Seine Sorge ist die Einheit. Eigenständigkeit ja, aber gemeinsam mit der ganzen Weltkirche.

Ich glaube, diese Eigenständigkeit und die Eigenverantwortlichkeit, die kann man auch umsetzen. Die bekommen wir hin, wenn wir gleichzeitig eben auch die Einheit in der Vielgestaltigkeit schaffen. Dann, glaube ich, können wir da mit dem Papst und der Weltkirche gemeinsam gehen.

DOMRADIO.DE: Gibt es auf Ebene der Weltreiche überhaupt vergleichbare Konstruktionen, die gegangen werden?

Hagenkord: Das gibt es. Australien versucht so etwas. Das ist völlig anders als das, was wir in Deutschland probieren. Frankreich hat so etwas angefangen. Auch da eine völlig andere Struktur. Die Schweiz hat etwas angekündigt, ist den Weg dann aber nicht gegangen. Da gibt es synodale neue Formen.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es ganz alte synodale Formen gibt. CELAM zum Beispiel, die Vereinigung der Bischofskonferenzen Lateinamerikas, die ist jetzt 50 Jahre alt. Das ist auch so etwas wie eine synodale Struktur, die sich gerade wandelt. Die haben in den letzten Jahrzehnten schon sehr viel Progressives, sehr viel die-Kirche-Weiterbringendes formuliert.

Jetzt sagt der Papst: Bei der nächsten Versammlung sollen bitteschön nicht nur Bischöfe tagen, sondern die Laien sollen mit dabei sein. Die ganze Kirche sollte repräsentiert sein. Das wandelt sich also auch. Auch das sind synodale Formen, von denen wir jetzt lernen können und die wir weiterentwickeln können.

DOMRADIO.DE: Warum haben sich die Deutschen denn speziell gegen eine Synode und für einen Synodalen Weg entschieden?

Hagenkord: Weil uns diese offene Form Offenheit bietet. Das klingt jetzt wie eine Selbstverständlichkeit, aber ich halte das für das große Plus. Eine Synode oder eine andere kirchenrechtlich abgesicherte Form hat klare Regeln.

Da kann man nachher sagen: Die Beschlüsse, die nachher dabei herumkommen, haben eine rechtliche Sicherheit. Wir wissen aber gar nicht, was da am Schluss herauskommen wird. Deswegen ist es, glaube ich, ganz hilfreich, offen zu bleiben, um am Schluss zu sagen: Jetzt, in einem nächsten Schritt nach dem synodalen Weg, müssen wir jetzt gucken, dass wir das kirchenrechtlich, pastoral, kirchenverwaltungsmäßig auch umsetzen.

Ich glaube, die Offenheit auch der Form hilft uns, uns nicht zu beschränken und zu sehr darauf zu starren, dass das letztlich in irgendeine Struktur eingepasst ist.

DOMRADIO.DE: Es gibt Stimmen aus Rom die sagen, Papst Franziskus habe Sorge vor diesem "Sonderweg der Deutschen". Wie sehen Sie diese Sorgen?

Hagenkord: Der berühmte Sonderweg der Deutschen. Die Sorge gibt es seit Martin Luther. Ich finde es ein bisschen schwierig, weil es vor allem Einzelstimmen sind. Es sind sehr laute Einzelstimmen, aber immer noch Einzelstimmen, die davor warnen. Angeblich gäbe es diesen Weg. Diese lauten Warnungen werden als Mittel benutzt, um die Debatte zu vergiften.

Bei meinen Wahrnehmungen innerhalb des Synodalen Weges, und auch darüber hinaus in den Debatten, sehe ich keinen deutschen Sonderweg. Ich sehe sehr selbstbewusst die Überzeugung, dass wir das was wir debattieren, auch in die Weltkirche einbringen wollen. Schon sehr selbstbewusst, schon sehr klar sagen: Das haben wir gelernt, das wollen wir debattieren, das sind unsere Fragen. Aber es ist kein Sonderweg. Von einigen Einzelstimmen abgesehen, ist das Common Sense.

DOMRADIO.DE: Es geht bei den vier großen Themenfeldern um viele Fragen, die auch die Weltkirche betreffen. Die Frauenfrage oder die Machtfrage etwa. Liegt da der Ball nicht in Rom und es ist ein Konzil nötig?

Hagenkord: Erst einmal braucht es eine Debatte dazu. Es braucht eine breite Debatte, eine weltkirchliche Debatte. Das sind ja keine deutschen Probleme. Vielleicht debattieren wir die auf unsere deutsche und sehr, sehr grundsätzliche Art und Weise. Aber die Probleme gibt es auch anderswo. Die werden anders debattiert, kommen aber auch vor. Sie sind vielleicht nicht so laut. Aber es sind keine rein deutschen Probleme.

Vielleicht ist da die Synode zur Synode, also die Bischofssynode, die der Papst einberufen hat, der richtige Weg. Vielleicht ergibt sich da die Möglichkeit, eine Form zu finden, dass weltkirchlich zu debattieren. Vielleicht muss auch die Debatte in der Weltkirche ähnlich offen eröffnet werden. Wie reden wir eigentlich darüber? Auch wenn die Probleme dieselben sind, sind ja die Phänomene verschieden, die Sprachen, die Traditionen, die Kulturen. Wie setzen wir uns da zusammen? Wie debattieren wir das? Da braucht es neue Formen für. Da würde ich jetzt sehr, sehr ungerne sagen, dass wir eine Synode brauchen oder ein Konzil. Das sind Schlagwörter, die nicht weiterführen. Wir müssen erst einmal die Debatte in der Weltkirche öffnen.

DOMRADIO.DE: Wie geht der synodale Weg jetzt hier bei uns in Deutschland - auch im Kontext mit der Weltkirche überhaupt weiter? Welche Ziele sollten erreicht werden?

Hagenkord: Um ein Ziel ins Auge zu fassen, müssen wir uns nochmal kurz daran erinnern, wo wir herkommen. Der Auslöser für den Synodalen Weg war ja die im MHG-Studie, also die Krise, ausgelöst von den Missbrauchsfällen, die Krise von Autorität und Leitung und der Umgang mit Missbrauch. Da sehen wir auch jetzt, dass das nicht vorbei ist. Wir sehen das in einem sehr ungleichen Umgang mit Aufklärung in der katholischen Kirche, auch innerhalb Deutschlands. Das ist der Auslöser.

Der synodale Weg findet außerdem innerhalb eines Wandels, der vielleicht ein bisschen von den diversen Krisen verdeckt wird. Die Christenheit in Zentraleuropa - und da schließe ich unsere evangelischen Schwestern und Brüder mit ein - wandelt sich. Wir sind in absehbarer Zukunft keine Mehrheitskirche mehr. Das werden wir alle noch erleben. Wir sind nicht mehr so relevant wie früher. Das gehört auch da hinein.

Ich wünsche mir als Ziel, dass wir aus dem gemeinsam gelebten Glauben heraus Antworten versuchen. Nicht als Allheilmittel. Nicht nach dem Motto "Wenn wir das endlich haben, dann wird alles gut." Sondern als Versuch, als Schritt. Nachher wird nämlich nicht wieder alles gut sein oder so sein wie früher. Aber hoffentlich - und das ist mein Wunsch - sehen wir dann einen Weg in die gemeinsame und die glaubende Zukunft.

Das Interview führte Johannes Schröer.

(DR)

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