Prof. Dr. Jan Loffeld
Prof. Dr. Jan Loffeld

24.01.2020

Wo die Niederlande der Kirche in Deutschland voraus sind Kirche nach dem "Ikea-Prinzip"?

Das Bistum Münster plant einen groß angelegten Stellenabbau – das Haushaltsdefizit wächst, die Katholikenzahlen nehmen ab. Das Erzbistum Utrecht in den Niederlanden ist einen Schritt weiter – und beschäftigt 25 Angestellte im Generalvikariat.

DOMRADIO.DE: 650 Mitarbeiter gibt es in der kirchlichen Verwaltung des Bistums Münster. In Köln ist es ähnlich. Wie viele Mitarbeiter stehen denn dem Erzbischof von Utrecht zur Verfügung?

Prof. Dr. Jan Loffeld (Professor für praktische Theologie in Utrecht und Priester des Bistums Münster): Zurzeit beschränkt sich die Kurie auf 25 Leute in dem, was wir im Generalvikariat, im Offizialat, in der Bildungsverwaltung haben - und es scheint irgendwie zu funktionieren. Allerdings ist die Zuordnung zwischen Bistumsverwaltung und Pfarreien in Holland nochmal eine andere. Viel Verwaltung liegt auch in ehrenamtlichen Händen in den Pfarreien.

DOMRADIO.DE: Nun hat der Niedergang volkskirchlicher Strukturen in den Niederlanden schon viel eher begonnen, als in Deutschland. Ist die gegenwärtige Situation dort, auch in den kirchlichen Strukturen, zukunftsweisend für das, was auch uns hier in Deutschland erwartet?

Loffeld: Man muss bei Prognosen immer vorsichtig sein. Soziologen sind sehr verhalten, wenn es um Zukunftsprognosen geht. Allerdings: Wenn man in die Vergangenheit schaut, wenn man Kirchenbesucher oder Ein- und Austrittszahlen anschaut, dann sieht man sehr deutlich einen Rückgang, der hier schon viel krasser ist. Aus 300 Pfarreien hat man im Bistum Utrecht beispielsweise vor 11 Jahren 50 Pfarreien gemacht, mit jeweils zehn Kirchen, in der nur noch in einer Kirche regelmäßig und sicher Eucharistie gefeiert wird. In den anderen Kirchen - soweit das geht, soweit Leute kommen, soweit Leute das machen möchten, gibt es sogenannte Wort- und "Kommuniefiering", also Wortgottesdienste mit Kommunionfeier. Aber auch da geht die Zahl der Besucher dieser Feier zurück und auch derjenigen, die das tragen möchten.

DOMRADIO.DE: "Früher haben wir gemeinsam gebetet, heute sparen wir zusammen." So haben kirchliche Mitarbeiter in Deutschland bei ersten Sparrunden vor 20 Jahren gespottet. Denn das Thema Finanzen war damals sehr dominant. Wie kann man denn so eine übermäßige Fixierung auf die Kosten vermeiden?

Loffeld: Ich finde, die Säkularisierung ist ein heilsamer Prozess, also die Tatsache, dass immer weniger Leute sich der Kirche zugehörig fühlen und deshalb auch weniger dazu bereit sind, Geld für die Kirche und für kirchliche Belange zu geben. Allerdings investieren sie ihr Geld häufig in andere wohltätige Zwecke. Das führt uns zur Frage: Welches ist das eigentliche Kapital, mit dem wir es zu tun haben?

Man merkt in den Niederlanden sehr stark, dass das Kapital des Christentums das Evangelium ist. Es gibt Menschen, die aus dem Evangelium leben wollen und von daher arbeiten möchten - die einen tun das bezahlt, die anderen unbezahlt - das ist auch glaubwürdiger. Das merken wir hier sehr stark.

DOMRADIO.DE: Kirchen werden geschlossen, Gottesdienste werden nicht mehr flächendeckend angeboten. Worauf müssen sich Gläubige in der kommenden Zeit einstellen?

Loffeld: Auf lange Wege, glaube ich. Eine Erfahrung von hier ist, dass dort, wo eine Kirche aufgelöst wird - und das wird in den nächsten zehn Jahren noch mal sehr stark der Fall sein - viele Leute dort bleiben, wo sie sind oder gar nicht mehr zur Kirche gehen. Es gibt eine Gemeinde in den Niederlanden, die hat die Kirche an eine buddhistische Gemeinschaft verkauft. Da gehen die Leute jetzt in die buddhistische Gemeinschaft.

Das heißt, die Frage wird sich nochmal stellen: Ist das wirklich ein religiöses Bedürfnis, oder ist es ein anderes Bedürfnis? Wie spielen Glaube und Kultur zusammen? Hier in den Niederlanden, im Erzbistum Utrecht, wird gesagt: Wir werden Kirchen auf Ikea-Abstand haben. Alle 25 Kilometer wird eine Eucharistie gefeiert. Wem das wichtig ist, der wird dorthin kommen. Wir haben natürlich geistliche Zentren wie Klöster, die wachsen. Das heißt, es wird sich wahrscheinlich aus der Territorialstruktur heraus entwickeln und zu punktuellen und situativen Orten geistlicher Erfahrung kommen, die die Menschen dann aufsuchen. Das ist eine vorsichtige Prognose, wenn ich das so sagen darf.

DOMRADIO.DE: Abgesehen davon darf man nicht die niederländische Situation auf die deutsche einfach übertragen, oder?

Loffeld: Nein, die Situation der Kirche in den Niederlanden ist eine völlig andere, auch historisch. Aber die Frage nach dem Zusammenspiel von Kirche und Gesellschaft, die wird sich auch in Deutschland stellen. Die Nachkriegsordnung, die wir in Deutschland entwickelt haben, vom Zusammenspiel von Institutionen oder die sogenannte "kooperative Trennung" von Staat und Kirche, die es hier oder in Frankreich nie in dieser Weise gab, die wird natürlich je mehr in Frage stehen, desto weniger Leute den großen Kirchen angehören.

Das hat sich sozusagen hier schon etwas vorausentwickelt, glaube ich - unabhängig davon, dass es sicherlich auch in gewissen Teilen unvergleichbar bleibt. Aber ich glaube, dass da die Niederlande in vielen Dingen schon ein Vorbild sein können, wie es gehen könnte - bei allem "Trial and error", was natürlich auch hier passiert.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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