Eine junge Frau betet mit Rosenkranz.
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10.04.2019

Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche "30-Prozent-Frauenquote ist zu wenig"

Geschlechtergerechtigkeit muss zu einer zentralen Führungsaufgabe in der katholischen Kirche werden, sagt die Wiener Pastoraltheologin Judith Klaiber. Sie wünscht sich von den Bischöfen, dass sie Frauen wirklichen Zugang zu kirchlichen Ämtern gewähren.

DOMRADIO.DE: Vielen Gläubigen scheinen Frauen als Priesterinnen in der katholischen Kirche ziemlich weit weg von der Realität zu sein. Über das Frauen-Diakonat wird dennoch immer wieder diskutiert. Fakt ist, dass viele Positionen den Weiheämtern vorbehalten und somit für Frauen nicht zugänglich sind. Wie attraktiv ist die Arbeitgeberin Kirche eigentlich für Frauen? Können Frauen in der katholischen Kirche überhaupt Entscheidungen treffen? Frau Dr. Klaiber, Sie fordern, dass Frauen viel mehr entscheiden dürfen und das verpflichtende Zölibat ein Ende hat. Was gehört noch alles dazu?

Dr. Judith Klaiber (Pastoraltheologin aus Wien): Es ist ein Kristallisationspunkt von Kirche, den wir im Moment erleben, mit dem Umgang der unsäglichen sexualisierten Gewalterfahrungen, die dort passiert sind. Eine der Hauptforderungen, die theologisch extrem brennt, ist die Wahrnehmung von Geschlechtergerechtigkeit. In nicht-kirchlicher Sprache heißt das "Diversity" und "Equality". Das tatsächlich als Führungsaufgabe wahrzunehmen und das Ernstnehmen des anderen Geschlechts, sind die zentralen Fragen, unter denen alles Weitere diskutiert werden kann.

DOMRADIO.DE: Wo wäre es denn sinnvoll, Frauen einzusetzen? Wo sehen Sie Frauen in naher Zukunft in der katholischen Kirche?

Klaiber: Was diskutiert wird, ist die Frage von Frauen-Diakonat unter anderem auch in dem synodalen Weg, den die deutschen Bischöfe jetzt gehen möchten. Gleichzeitig ist aber auch immer noch die Wahrnehmung vorhanden, dass gerade im Lehrbetrieb und in der Theologie nur wenige Frauen tatsächlich in Professuren unterwegs sind. Es werden immer mehr und die Frauenquote wird dort auch gut wahrgenommen. Ich habe von 2007 bis 2014 studiert und hatte erst in den letzten zwei Semestern eine Frau als Professorin.

Das heißt, ich bin sehr geprägt von Männern in ihrer professoralen Rolle und auch in ihrem Denken. Mir ist spät klar geworden, dass das eine sehr einseitige Prägung ist und dass gerade im theologischen Bereich die Frauenperspektive, beziehungsweise die Geschlechtergerechtigkeit, dort einfach noch viel stärker wahrgenommen und ernst genommen werden muss. Das zeigt sich zum Beispiel in dem marginalen Rezipieren der sogenannten Gender Studies, die im katholischen Bereich oftmals als "Gender-Gaga" oder Gender-Ideologie diffamiert werden. Ich finde, das ist eine sehr überhebliche Haltung gegenüber den Studien und Erkenntnissen des Fachbereiches.

DOMRADIO.DE: Wie schnell, schätzen Sie ein, wird sich in der katholischen Kirche in dieser Hinsicht etwas tun?

Klaiber: Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Die resignierte Seite sagt, da passiert nichts. Und die Hoffnungsseite sagt, dass gerade in diesem Kristallisationspunkt, in dem jetzigen Wahrnehmen der Situation, sehr schnell etwas passieren kann. Frauen könnten zum Beispiel durch das Kardinalat stärker eingebunden werden und Frauen als Kardinälinnen mitentscheiden, wo in diesen Systemen die Entscheidungsgewalt oder -macht herrscht. Die Kardinalswürde ist ja kein Weiheamt.

Gleichzeitig weiß ich aber auch darum, dass diese Positionen sehr männlich geprägt sind. Es sind Positionen und Rollen in diesem System von Männern für Männer geschaffen worden. Es ist – mit der Historikerin Mary Beard gesprochen – nicht damit getan, Frauen in solche Positionen zu stecken. Da muss viel mehr passieren, es müssen strukturelle Reformen vorausgehen und vor allem aber eine komplette radikale Änderung der Haltungen und Kultur des Ernstnehmens des anderen Geschlechts als heilsrelevant. Geschlechtergerechtigkeit ist heilsrelevant und wir haben als Frauen und als Personen dritten Geschlechts eine heilsrelevante und heilsnotwendige Rolle in diesem Reich Gottes.

DOMRADIO.DE: Sie selbst haben Theologie studiert, obwohl es bislang in der katholischen Kirche nicht so aussieht, als könne man am Ende alle Möglichkeiten des Fachs beruflich ausschöpfen. Warum haben Sie sich als Frau dennoch für ein Theologiestudium entschieden?

Klaiber: Nicht alle Möglichkeiten können von Frauen ausgeschöpft werden. Gleichzeitig gibt es aber gerade im akademisch-theologischen Bereich viele Möglichkeiten für Frauen. Gleichzeitig habe ich aber auch mittlerweile eine revolutionäre Seite in mir entdeckt, die Personen wie Jacqueline Straub inspirierend und wichtig findet, die dafür einsteht: Ja, ich spüre diese Berufung – der dürfen Frauen ja nicht einmal nachgehen – und möchte eine geweihte Person, eine Priesterin werden. Ich finde, ein aktives Ermöglichen von Fortschritt und Veränderung sollte auch von Bischöfen unterstützt werden.

DOMRADIO.DE: Reicht Ihrer Meinung nach eine 30-Prozent-Frauenquote bis zum Jahr 2023 aus? Die hat sich die Deutsche Bischofskonferenz bei der Frühjahrsvollversammlung auf die Fahne geschrieben. Ist dieses Ziel realistisch?

Klaiber: Ehrlich gesagt kann ich Quoten unter der Hälfte nicht mehr ernst nehmen. Die 30-Prozent-Quote ist nur zur Beruhigung da, um zu zeigen: Bitte, haltet doch still, wir bewegen uns. Das ist aber zu langsam und zu wenig.

DOMRADIO.DE: Was halten Sie von Begründungen wie der biblischen, dass das Priesteramt Männern vorbehalten sei?

Klaiber: Da möchte ich gern dagegenhalten, dass es das Bild des historischen Jesus gibt, der unglaublich viele Frauen in seinem Kreis hat. Frauen waren die ersten, die die frohe Botschaft von der Auferstehung wahrgenommen und weitergetragen haben. Ich möchte gerne Hosea 11,9 zitieren: "Ich bin Gott und nicht Mann oder Frau." Hier nochmals ganz klar in Richtung Bischöfe: Als Führungsaufgabe sollte "Diversity" und die "Equality" an oberster Stelle stehen.

DOMRADIO.DE: Kardinal Marx sagt: "Wir wären als Kirche verrückt, wenn wir auf die Begabungen von Frauen verzichten würden". Gibt es überhaupt ausreichend viele Frauen, die diese Position einnehmen wollen, die die entsprechenden Ämter in der katholischen Kirche bekleiden wollen?

Klaiber: Es gibt unglaublich viele Frauen und wir hätten gar kein Problem damit. Die, die eher ein Problem haben, sind die Männer. Die fürchten, wie wir das vor allem bei wirtschaftlichen Organisationen erleben, dass sie vielleicht nicht mehr zum Zuge kommen und aufgrund einer besser qualifizierten Frau den Kürzeren ziehen. Ich erlebe, dass gerade Bischöfe versuchen, überkommene Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten.

Ein Beispiel: In den letzten Tagen ist ein Bild in den Social Media oftmals gelikt und retweetet worden. Das Bild zeigt eine kniende Frau beim Eucharistieempfang. Darüber wird der Satz geschrieben: "Ich mag Frauen, die in der Kirche ihren Mund aufmachen." Ich halte das für absolut unverschämt und für eine unglaubliche Dreistigkeit, das Bild einer angeblich unterworfenen, untergebenen Frau, die in der Kirchengemeinde ihren Mund halten soll. Das wird dort rezipiert und auch mit amtlichen Schriften belegt. Das sind aber überkommene patriarchale Strukturen in einem religiös katholischen Gewand, die so nicht mehr haltbar sind.

Ich würde gerne allen Bischöfen nahelegen wollen, dass sie sich in feministische Diskurse hineinbegeben. Wir haben eine unglaublich lange Tradition von feministischer Theologie, die aber einfach nicht rezipiert und totgeschwiegen wird. Ich möchte hier nochmals gerade in Bezug auf die Bischöfe, die eine Entscheidungsbefugnis haben, eine gewisse Reflexion nahelegen.

Das Interview führte Katharina Geiger.

(DR)

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