29.01.2019

Wie die Kirche der Zukunft aussehen kann "Die fetten Jahre kommen noch"

Kirche hat Zukunft, meint der Theologe Martin Wrasmann. Allerdings nur, wenn sie nicht wie eine Thermoskanne wirkt: nach innen warmhalten - nach außen nichts abstrahlen. Ideen für die Kirche von morgen. 

DOMRADIO.DE: Die fetten Jahre für die Kirche kommen noch. Das klingt äußerst gewagt. Wie meinen Sie das?

Martin Wrasmann (Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Hildesheim): Ich denke es vom Evangelium her. Wer vom Evangelium her denkt, kann nur in die Zukunft denken. Wer jetzt die Assoziation hat, dass mit den fetten Jahren volle Kirchen und das Aufbrechen alter Strukturen gemeint sind, hätte mich völlig missverstanden. Es geht darum, in die Lebensräume der Menschen einzutauchen und zu schauen, wie wir gesellschaftsfähig werden.

Wir können Themen, die uns jeden Tag auf die Füße fallen – wie Fluchtentwicklung und geistliche Entleerung - nicht einfach ignorieren. Ich glaube, wenn wir uns in die Lebensräume der Menschen hineinbegeben, werden wir eine hohe Anschlussfähigkeit erzielen. Warum? Weil wir dann dicht an dem sind, was das Evangelium vorlebt. Jesus war der erste Sozialraumplaner, der in die Lebenswelten der Menschen eingedrungen ist und nicht gewartet hat.

DOMRADIO.DE: In vielen Bistümern – auch im Erzbistum Köln – werden die Gemeinden in immer größere Einheiten zusammengefasst. Damit haben Sie in Hildesheim schon positive Erfahrungen gemacht, oder?

Wrasmann: Ja, wir haben vor 15 Jahren die ersten Fusionen durchgeführt. Es geschah unter der Maßgabe: Alles, was im Kleinen nicht mehr geht, machen wir im Großen. Ziel ist das Erhaltende. Eine Veränderung der Kirche von Strukturreformen her zu erwarten, ob man sie Seelsorgebereiche oder Sendungsräume nennt, halte ich nicht viel. Die Menschen sind sowieso in ihren Lebensräumen. 

90 Prozent derer, die zur Kirche gehören, orientieren sich nicht an den Strukturen, die Kirche ihnen vorgibt. Sie suchen die Angebote in Kindertagesstätten, in Altenheimen, in Beratungsstellen, in kleinen christlichen Gemeinschaften. Die großen Räume mögen der Struktur helfen, aber das Leben vollzieht sich im Nahbereich, im Dorf. "Kirche im Quartier" ist so ein Stichwort. Meine Sorge ist, dass man die Räume immer größer macht, weil man sich ausschließlich daran ausrichtet, wie die Zahl der Priester denn zukünftig aussehen könnte. Das ist eine schlechte Formel.

DOMRADIO.DE: Was heißt das für die Leute: Was ist, wenn die eigene Kirche im Stadtteil zumacht? Wie ist das mit der Anschlussfähigkeit, wenn ich zum Beispiel jemanden für eine Krankensalbung suche? In solchen Momenten haben die Leute Angst, dass niemand mehr da ist.

Wrasmann: Wir setzen darauf, dass Ehrenamtliche vor Ort Leitungsfunktionen übernehmen. Bei uns haben Ehrenamtliche da, wo eine Kirche steht und kein Pfarrer mehr ist, Aufgaben wahrgenommen. Wenn zum Beispiel jemand wegen einer sakramentalen Krankensalbung anruft, es diese aber nicht mehr gibt, ist immer jemand da, der zumindest zuhören kann. Der die Angehörigen trösten und die heilige Kommunion mitbringen kann. Das sind Teilvollzüge dessen, was wir in der Größe der sakramentalen Kirche so nicht mehr abbilden können.

Wichtiger wird sein, dass wir Ideen entwickeln, was wir mit unseren Kirchen machen wollen. Wenn wir nur wollen, dass sonntags eine Messe stattfindet, ist die Zukunft erledigt. Gottesdienst feiern können wir jeden Tag. Jeder kann beten, an jeder Stelle und wo er möchte. Es geht darum, die Orte zu öffnen und mit anderen Gottesdienstformaten andere Zielgruppen anzusprechen. In Großstädten funktioniert das schon zum Teil. Man merkt das etwa in Köln, wo sonntags unterschiedlichste Gottesdienste angeboten werden. Ich denke, dass muss auch in unseren Mittelzentren, vielleicht auch im ländlichen Bereich, passieren.

Ich glaube, die Zukunft wird darin liegen, ob wir so etwas wie eine ökumenische Partnerschaft hinkriegen. Die Schwesterkirche der evangelisch-lutherischen Seite hat die gleichen Probleme. Ich bin fest davon überzeugt: Wenn es um die Sicherstellung geht, das Evangelium in diese Welt zu tragen, wird diese Zukunft nur ökumenisch sein.

DOMRADIO.DE: Was heißt das für die Priester und Bischöfe - was ändert sich da?

Wrasmann: Ich glaube, dass diese wesentlich zu ihrer Grundfunktion zurückkehren müssen: Sie sind die Diener der Einheit und der Vielfalt, nicht der Einfalt. Sie müssen den Laden zusammenhalten und darauf achten, dass er nicht auseinanderbricht; dass Vielfalt entsteht und dass Gruppen unterschiedlichster Couleur ihren Punkt behalten.

Wichtig: Solange wir in Struktur und Gemeinde denken, denken wir inklusiv. Also nicht im Sinne von breiter Fächerung, sondern immer nur im Behalten eines Kernbereichs, der mir so vorkommt wie das Bild der Thermoskanne, die nach innen alles warmhält und nach außen nichts mehr abstrahlt.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle können Frauen spielen?

Wrasmann: Wie immer zentral. Ich glaube, dass wir mit der Kränkung umgehen müssen, dass Frauen nicht zu Ämtern zugelassen werden - zumindest nicht zu den Weiheämtern. Aber wenn wir diese Frage nur darauf reduzieren, werden wir den Frauen, die in der Kirche Funktionen übernehmen, nicht gerecht.

Ich glaube, dass wir bei der Frage der fetten Jahre auch das Rollenbild der Frau verändern müssen. Und damit nicht nur die Frage debattieren, ob Frauen zum Amt zugelassen werden, sondern die Schritte in diese Richtung gehen müssen.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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