Tim-O. Kurzbach und Kardinal Woelki
Rainer Maria Kardinal Woelki (r.) und Tim Kurzbach (Archiv)

24.09.2021

Diözesanratsvorsitzender ordnet Entscheidung zu Woelki ein Aufgeschoben ist nicht aufgehoben?

Papst Franziskus hat entschieden. Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki bleibt im Amt. Er geht aber zunächst in eine selbst erbetene mehrmonatige Auszeit. Wie bewertet der Vorsitzende des Kölner Diözesanrates diese Entscheidung?

DOMRADIO.DE: Der Papst bestätigt Kardinal Woelki im Amt, gewährt ihm aber eine Auszeit. Was sagen Sie zu der Entscheidung?

Tim Kurzbach (Vorsitzender des Diözesanrates im Erzbistum Köln): Zumindest ist dann wohl auch in Rom angekommen, dass ein einfaches "Weiter so" nicht funktioniert hat, denn er gewährt Kardinal Woelki eine Auszeit. Das scheint mir aber eher ein römischer Duktus für das zu sein, was da eigentlich "So kann es nicht weitergehen" heißt. Ob das allerdings eine Lösung ist, daran habe ich so meine Zweifel.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet diese Entscheidung nun für das Erzbistum Köln? Da sind ja wichtige Veränderungsprozesse im Gang, zum Beispiel der Pastorale Zukunftsweg.

Kurzbach: Wir müssen vor allem die tiefe Vertrauenskrise, die aus vielen Gemeinden und Verbänden heraus spricht, anpacken. Aufgeschoben durch eine Pause, ist ja nicht aufgehoben. Wir müssen an die tiefgehenden Fragen ran. Ohne die Lösungen zum Beispiel zur Rolle der Frau in Ämtern, ohne die Lösung zur Gewaltenteilung, ohne eine ehrliche Aufarbeitung des Missbrauchs und seiner Ursachen, wird es für unsere Kirche schwer bleiben. Auszeiten alleine helfen da nicht weiter.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet diese Entscheidung ganz konkret für die Gläubigen in den Gemeinden im Erzbistum?

Kurzbach: Die Fragen bleiben die gleichen. Die Fragen werden wir auch nächste Woche auf dem Synodalen Weg wieder besprechen.

Natürlich gibt es auch drängende Fragen bei uns hier im Erzbistum Köln. Wie geht es weiter mit den Gemeinden? Es gibt hier Tausende von engagierten Christen, die mitmachen und gestalten wollen. Aber das wollen sie nicht nur so, wie es von oben gewünscht oder gewährt wird, sondern auch so, wie sie sind und so, wie sie sich einbringen wollen.

DOMRADIO.DE: Wie wird der Diözesanrat reagieren? Wie kann es im Erzbistum weitergehen? Man kann das Erzbistum ja nicht ein halbes Jahr auf Eis legen, oder?

Kurzbach: Wir haben das heute auch alles überraschend erfahren. Zudem hängen noch viele Personalien mit da dran.

Wir müssen das jetzt sehr sauber mit den Verantwortlichen beraten, auf die in der Tat eine sehr große Verantwortung zukommt. Denn nochmal: Man kann nicht alles einfach aufschieben. Dadurch ist nichts aufgehoben. Diese Fragen werden wir uns jetzt selber stellen und dann auch mit den Verantwortlichen zu beraten haben.

DOMRADIO.DE: Was kann denn diese Entscheidung für die Aufklärung der sexualisierten Gewalt im Erzbistum und auch für die Betroffenen bedeuten?

Kurzbach: Ich denke, die Betroffenen sollten besser für sich selber reden. Ich habe große Demut vor den Engagierten, die das auch immer wieder ins Wort bringen.

Es gibt aber seit mittlerweile über elf Jahren Analysen, die sagen, dass der Umgang mit Macht in der Kirche, das Männerbündische oder eine veraltete Sexualmoral zumindest auch Anlässe für den sexuellen Missbrauch sind.

Diese Themen müssen gelöst werden. Wir müssen uns hier ehrlich machen und eine den Menschen zugewandte Lösung finden.

DOMRADIO.DE: Was sagen Sie denn persönlich? Wie haben Sie diese Entscheidung wahrgenommen? Was bedeutet diese Entscheidung auch für die katholische Kirche?

Kurzbach: Für Kardinal Woelki persönlich hoffe ich zunächst einmal, dass er eine gute Zeit finden wird. Jeder Mensch sollte die Zeit für sich gut nutzen können. Das wünsche ich ihm ganz persönlich.

Für das Erzbistum wünsche ich mir, dass wir endlich dazu kommen, ohne Schnörkel und Drumherum, in einer klaren, verständlichen Sprache die Sorgen und Nöte der Menschen aufzunehmen. Es hilft uns nichts, wenn wir in irgendwelchen Gremien stundenlang Tagesordnungen völlig ohne Belang miteinander beraten und uns die Menschen fragen, wie sie als Frau, als Homosexueller, als gläubiger katholischer Christ oder Christin die Kirche der Zukunft gestalten können.

Das sind die Fragen, die auf die Tagesordnung gehören. Wir wollen Kirche gestalten. Wir wollen in die Zukunft gehen. Aber eben nicht so, wie es mit einer jahrhundertealten Lehre scheinbar nicht zu funktionieren scheint.

Das Interview führte Johannes Schröer.

(DR)