Papst Franziskus im Gegenwind
Papst Franziskus schlägt viel Gegenwind ins Gesicht
Paul Zulehner, Pastoraltheologe
Paul Zulehner, Pastoraltheologe

12.06.2019

Pastoraltheologe Zulehner über zunehmende Kritik am Papst Angst vor der Modernisierung der Kirche?

Papst Franziskus ist Kummer gewöhnt. Immer wieder wollen ihn Kritiker in den Gegenwind stellen. Das sei bei dem Reformwillen des Papstes keine Überraschung, findet der Pastoraltheologe Paul Zulehner. Doch einige schießen über das Ziel hinaus.

DOMRADIO.DE: Ist es wirklich so, dass es im Moment mehr Gegenwind als früher gegen Papst Franziskus gibt?

Prof. Paul M. Zulehner (Wiener Pastoraltheologe und Religionssoziologe): Ich glaube, dass sich das nicht substanziell verändert hat. Es wird vielmehr nur medial stärker präsent. Der Papst geht unaufhaltsam seinen Reformweg. Das merken jetzt auch die, die diesen Weg nicht gerne mitgehen möchten. Das ist der Weg der Synodalität und auch der Weg einer wirklich tiefgreifend veränderten Pastoralkultur des Erbarmens. Je deutlicher dieser Kurs des Papstes wird, umso mehr formiert sich jetzt der Widerstand der - wie sie der Theologe Karl Rahner einmal genannt hat - "bockbeinigen Konservativen". Das ist eigentlich nicht überraschend, sondern der Normalfall. Wir hatten das beim Zweiten Vatikanischen Konzil. Wir haben das auch danach gehabt. Immer wenn die Kirche einen Schritt nach vorne wagt, ist es völlig normal, dass sich auch Gegenwind einstellt.

DOMRADIO.DE: Der ehemalige US-Nuntius Viganó wirft zum Beispiel Franziskus vor, dass er bei den Missbrauchsvorwürfen gegen den ehemaligen US-Kardinal McCarrick wider besseren Wissens jahrelang nichts gemacht habe. Solche Vorwürfe kommen immer wieder. Das sind auch Sachen, die angesprochen werden dürfen, oder?

Zulehner: Natürlich. Ich habe auch gerade mit Andreas Batlogg (österreichischer Theologe, Jesuit und Publizist, Anm. d. Red.) diese Geschichten alle aufgearbeitet. Wir publizieren das jetzt auch. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass der Papst selber bereit ist zu sagen: "Ich habe da und dort Fehler gemacht." Das hat er beispielsweise in Chile gemacht. Er macht möglicherweise auch Fehler in anderen Regionen, weil er manchmal nicht gut genug informiert ist. Aber er gibt diese Fehler zu. Es sollte auch nicht darum gehen, ob er Fehler in Einzelsituationen macht. Er hat eine neue Politik in der Missbrauchsaufarbeitungsgeschichte eingeschlagen.

Ich hatte unlängst auch ein langes Gespräch mit Kardinal Kasper geführt. Dieser sagt, es sei völlig klar, dass das, was jetzt als gesamtkirchliches Recht beschlossen werde, dem Missbrauch Einhalt gebieten werde und müsse -  so gut man das überhaupt könne. Denn totaler Schutz der Kinder wird wahrscheinlich leider nie möglich sein. Aber ein Minimieren der Gefährdung der Kinder durch Missbrauch ist sicher der Fall.

Ich wüsste nicht, was man bei dem jetzigen Gesetz besser machen kann. Wenn jemand kritisiert, dass diese Kooperation mit den staatlichen Stellen nicht ausdrücklich in den verschiedenen Ländern noch ins Recht geschrieben wird, dann frage ich, wie man das in China, Saudi-Arabien oder Mosambik machen soll. Das müssen die lokalen Bischofskonferenzen dann selber machen.

DOMRADIO.DE: Die Vorwürfe richten sich aber auch in Richtung Medien und Öffentlichkeit. Viganó zum Beispiel schreibt, dass die Medien bewusst alle Kritik am Papst unter den Tisch kehren, um diese - wie er es nennt - "liberale Reformagenda" nicht zu gefährden. Wenn man dies zu Ende denkt, dann ist das ein Vorwurf, der Ihnen mit Ihrer Initiative "Pro Pope Francis" und Ihren Unterstützern entgegengebracht wird. Wie stehen Sie dazu?

Zulehner: Na ja, ich würde das genau rumdrehen. Unsere Initiative ist unter dem Eindruck entstanden, dass medial verstärkt Kritik an Papst Franziskus sichtbar wurde, aber die breite Zustimmung durch die vielen Menschen, die dem Papst den Rücken stärken, nicht zum Vorschein gekommen ist.

Es gehört zu meinen berührenden Erfahrungen mit Papst Franziskus, dass er das Buch "Rückenwind für den Papst" entgegengenommen hat und zum Ausdruck gebracht hat, dass ihm der Titel guttue. Ich denke, er freut sich selber darüber, wenn sichtbar gemacht wird, was im Hintergrund wahrscheinlich die große Mehrheit ausmacht.

Mich irritieren in diesem Zusammenhang dann die Äußerungen der Kardinäle Müller, Burke oder auch Pell. Das sind Kardinäle, die tief gekränkt waren und die nun aus allen Rohren versuchen, den Papst irgendwie ins schlechte Licht zu rücken.

DOMRADIO.DE: Kardinal Burke hat mit anderen Würdenträgern gerade auch ein Schreiben veröffentlicht. Ist denn das, worum es da geht, wirklich inhaltliche Kritik oder ist es persönliche Gekränktheit?

Zulehner: Ich glaube, dass es eine Mischung ist. Die Dinge, die sie verlangen, sind zum Teil aus dem Katechismus der Weltkirche abgeschrieben. Wenn man zum Beispiel auf die Auseinandersetzung um "Amoris laetitia" und die Frage Scheidung und Wiederverheiratung schaut, wo man dem Papst unterstellt, er würde die Unauflöslichkeit der Ehe nicht genug achten, dann muss man bei solchen Sätzen ein bisschen zurückhaltend sein. Denn auch Paulus hat die Unauflöslichkeit der Ehe dann nicht geachtet, als er das Privilegium herausgegeben hat, wenn Ehen zwischen Christen und Heiden nicht gut gingen, dass man dann nicht sklavisch gebunden sei.

Ich denke, das sind ideologische Positionen, die da bezogen werden, die mit der konkreten Lebensgeschichte der einzelnen Menschen wenig zu tun haben. Und das ist der eigentliche Streit. Es ist ein Streit um die Frage der Modernisierung der Kirche.

Kardinal Martini, den ich sehr gut von der Arbeit beim Rat der Europäischen Bischofskonferenz kannte, sagte am Ende seines Lebens: "Unsere katholische Kirche ist zurzeit immer noch 200 Jahre hinter der modernen Entwicklung hinterher." Das Aufholen seit dem Konzil ist mühsam. Der Widerstand gegen dieses Aufholen ist uns seit dem Konzil sehr treu und führte immer zu Abspaltungen - siehe Marcel Lefebvre. Das kann uns auch bei der Amazonas-Synode passieren, wenn der Papst sagt: "Lasst uns doch Gemeindeleiter ordinieren." Ich denke, dann wird es auch wieder massiven Widerstand geben. Weil der Papst so zügig vorangeht, wird auch der Widerstand kantiger und wahrscheinlich auch personalisierter.

DOMRADIO.DE: Es gibt auch Stimmen, die schon von einer Kirchenspaltung sprechen, wenn es so weit kommt, dass es Ausnahmen beim Zölibat gibt. Wie sehen Sie das?

Zulehner: Aber diese Drohung ist ja noch kein Argument gegen die Richtigkeit. Es haben sich die Alt-Katholiken abgespalten und die sind jetzt dabei, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Es haben sich die Lefebvrianer abgespalten, die jetzt die Hardcore-Katholiken am rechten Flügel sammeln. Und so wird es immer wieder solche Abspaltungen geben.

Nur wenn die Kirche vorangeht, wird es Abspaltungen geben. Wenn es zu keiner Abspaltung kommt, dann hat man sich schon längst im Vorfeld für die Stagnation entschieden. Und das wäre natürlich für die Kirche - vor allem in unseren Breiten - eine fürchterliche Angelegenheit, wenn wir nicht vorankommen. Denn alle europäischen und nordamerikanischen Zahlen sagen, dass wir ein riesiges Problem mit dem Gewinnen der nächsten Generation für die katholische Kirche haben.

DOMRADIO.DE: Konflikte vermeiden, ist also keine Lösung?

Zulehner: Nein. Es ist überhaupt keine Lösung, sondern nur eine Verstärkung des Problems, das wir sowieso haben. Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann werden wir als katholische Kirche in Europa und Nordamerika zu einer völlig bedeutungslosen Sekte schrumpfen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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