Nachdenklich: Papst Franziskus
Nachdenklich: Papst Franziskus
Jan Hendrik Stens
Jan Hendrik Stens

20.08.2018

Papst geißelt Missbrauch mit harten Worten "Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche?"

Es sind deutliche Worte, die Papst Franziskus wählt: Mit einem Brief an alle Christen reagiert er auf den Bericht zum Missbrauch katholischer Geistlicher in den USA und geht mit dem Klerikalismus hart ins Gericht. Dennoch bleiben Fragen offen.

DOMRADIO.DE: Ist das etwas außergewöhnliches, dass ein Papst in einer solchen Situation einen Brief schreibt?

Jan Hendrik Stens (Liturgie-Redaktion): Dass Päpste Briefe schreiben, ist an sich nichts Ungewöhnliches. In diesem Fall war es so, dass es vergangene Woche nach Erscheinen des Untersuchungsberichts in Pennsylvania Kritik gegeben hatte, weil aus dem Vatikan keine Reaktion kam. Erst am Donnerstagabend gab es eine Stellungnahme von Vatikansprecher Burke. Franziskus selbst hatte sich jedoch selbst nicht dazu geäußert, auch nicht beim Angelusgebet am gestrigen Sonntag.

Ich denke, dass da der Druck einfach angestiegen ist, persönliche Worte auch des Papstes zu lesen oder zu hören. Und bis zum kommenden Sonntag zu warten, bis Franziskus vielleicht beim Weltfamilientreffen etwas sagen könnte, würde zu lange dauern. Deshalb ist heute dieser vierseitige Brief veröffentlicht worden.

DOMRADIO.DE: Was genau steht denn drin in dem Brief?

Stens: Papst Franziskus bittet um Vergebung für das Versagen der Kirche im Umgang mit Missbrauch an Kindern und anderen Schutzbedürftigen. "Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit", zitiert er aus dem 1. Korintherbrief und leitet daraus ab, dass der Schmerz der Opfer und ihrer Familien auch unser Schmerz sei. Die Schreie der Opfer seien stärker gewesen als die Maßnahmen derer, die versucht haben, ihn totzuschweigen.

Franziskus zitiert dazu aus dem Magnificat die Verse "Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind" und "Er stürzt die Mächtigen vom Thron". Würdigung erfahren zwar die bisher in einigen Teilen der Welt vorgenommenen Maßnahmen gegen Missbrauch, die inzwischen Wirkung zeigten, die aber erst sehr spät angewandt worden seien.

Ganz besonders hart geht Franziskus mit dem Klerikalismus ins Gericht, weil er in ihm eine der Hauptursachen für den Missbrauch sieht. Er zitiert unter anderem aus der Kreuzwegmeditation von Kardinal Ratzinger aus dem Jahr 2005: "Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit?"

DOMRADIO.DE: Ist das Geißeln des Klerikalismus eine neue Dimension des franziskanischen Reformwillens in der Kirche?

Stens: Dass Franziskus den Klerikalismus kritisiert, ist nicht neu. Schon kurz nach seiner Wahl zum Papst hat er in einer Botschaft an die argentinischen Bischöfe vor Selbstbezogenheit, Narzissmus und einem "ausgefeilten Klerikalismus" gewarnt.

Allerdings meint Franziskus damit nicht nur den Klerus. Ein Jahr später sagte er nämlich in einer Ansprache an Medienvertreter, dass es auch Laien gebe, "die auf Knien darum bitten, klerikalisiert zu werden, weil es bequemer ist". Diese Bequemlichkeit bezeichnet Franziskus als Sünde.

DOMRADIO.DE: Was genau bedeutet denn eigentlich Klerikalismus?

Stens: Der Begriff ist mehrdeutig. Gesellschaftspolitisch ist es das Streben der Geistlichkeit einer Religion nach Macht und Einfluss in einem Staat. Das Gegenteil davon ist der Laizismus. Innerhalb einer Religion ist damit das Herrschen und Machtstreben der Geistlichkeit gegenüber den Laien gemeint.

Franziskus will jetzt nicht – wie einige meinen – den Unterschied von Klerus und Laien aufheben. Laut Zweitem Vatikanischen Konzil unterscheiden sich das gemeinsame Priestertum der Gläubigen und das hierarchische Priestertum (des Dienstes) zwar dem Wesen nach. Beide sind aber einander zugeordnet (vgl. Lumen Gentium 10). Das heißt, der Kleriker muss seinen Dienst auch als Dienst am ganzen Volk Gottes verstehen. Für Narzissmus und Selbstbezogenheit in Form von Machenschaften und Kumpanei ist da kein Platz.

Und genau deshalb nimmt Papst Franziskus in seinem Brief auch die ganze Kirche in die Pflicht. Das gesamte Volk Gottes müsse sich daran beteiligen, auf die Übel des Missbrauchs und der Vertuschung zu antworten. Dabei sollen vor allem Gebet und Buße helfen. Wörtlich schreibt der Papst: "Ich lade das ganze heilige gläubige Volk Gottes zu dieser Bußübung des Gebets und des Fastens entsprechend der Aufforderung des Herrn ein. Er weckt unser Gewissen, unsere Solidarität und unseren Einsatz für eine Kultur des Schutzes und des 'Nie wieder' gegenüber jeder Art und jeder Form von Missbrauch."

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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