Papst Franziskus
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Papst mit Patriarch Karekin II.
Papst mit Patriarch Karekin II.

13.04.2015

Diplomatische Reaktionen nach "Genozid-Äußerung" des Papstes "Die Lage wird sich schon wieder beruhigen"

Nach der "Genozid-Äußerung" von Papst Franzikus schlagen die diplomatischen Wellen zwischen der Türkei und dem Vatikan höher. Stefan Kempis von Radio Vatikan sieht noch keine Zuspitzung der Lage, wie er im domradio.de-Interview betonte.

domradio: Papst Franziskus hat deutliche Worte gewählt, sich aber dabei auch auf ein Dokument von Johannes Paul II. bezogen. Das ist also nicht alles neu, was er gesagt hat. Trotzdem hat die Türkei den Botschafter einbestellt. War das zu erwarten?

Stefan Kempis: Ja, das war zu erwarten und das ist eigentlich eine diplomatisch recht niederschwellige Art des Protestes der Türkei. Ursprünglich hatte es offenbar nach türkischen Presseangaben Pläne gegeben, dass der Papst die Gedenkmesse zu 100 Jahre Massaker an den Armeniern sogar in Armenien halten würde. Das war offenbar auf diplomatischen Druck der Türkei noch verhindert worden. Also, dass der Papst in einem Zitat vom Genozid sprach und dass die Türkei dagegen relativ pflichtschuldig auch protestiert, war schon so zu erwarten. Jetzt ist es die Kunst der Diplomatie, die Wogen mit der Zeit erstmal aufbrausen zu lassen, dann aber auch wieder zu glätten.

domradio: Das heißt, das ist alles nur ein diplomatischer Reflex?

Stefan Kempis: Eigentlich schon. Wobei man gleichzeitig erst nehmen sollte, dass der Papst wirklich aus tiefster Überzeugung dazu aufruft, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Er hat von drei großen Tragödien des 20. Jahrhunderts gesprochen und den armenischen Genozid, der vor hundert Jahren begann, zumindest zitatweise an den Anfang gestellt. Die anderen beiden sind der Nationalsozialismus und der Stalinismus. Man sollte ernst nehmen, wie der Papst dazu aufruft, sich der Vergangenheit klar zu stellen, das Gedächtnis zu reinigen, um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Man darf auch nicht vergessen, dass der Papst gesagt hat, im Moment sind wir in einer neuen Art von Weltkrieg und auch da kommt es wieder zu einem Genozid. Wir sind also eigentlich bei der Nummer vier. Das darf auch nicht untergehen bei dieser Aufregung und Schein-Aufregung um das Genozid-Wort.

domradio: Der Papst hat die ganze Messe im armenischen Ritus gefeiert, hat auch dazu gepredigt. Was hat er denn noch alles gesagt in Richtung Armenier?

Stefan Kempis: Er hat sehr ausführlich an die Leiden der Armenier vor hundert Jahren erinnert. Er hat aber auch gleichzeitig gesagt, ihr seid jetzt nicht einfach nur ein Volk von Märtyrern und Leidenden, sondern auch ein Volk im Heute und von morgen. Starrt also nicht nur - das war für mich der Subtext - auf die Leiden der Vergangenheit, sondern lernt die Lektion und fasst neuen Mut und seht, dass die Welt sich seither auch gewandelt hat.

domradio: Schon früher, auch zu seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires, hat er immer wieder die Taten an den Armeniern als Völkermord verurteilt. Jetzt haben Sie grade schon gesagt, auch die Messe sollte eigentlich in Armenien gefeiert werden. Warum ist dem Papst dieses Thema so wichtig?

Stefan Kempis: Darüber kann man eigentlich nur spekulieren. Ganz zentral wichtig wird es ihm nicht sein. Aus seiner Zeit in Buenos Aires ist, soweit ich weiß, nur eine Äußerung gesprächsweise aus dem Gesprächsbuch mit dem Rabbiner Abraham Skorka bekannt. Auch da ging es eigentlich um den Nationalsozialismus und der Genozid wurde von dem damaligen Kardinal Bergoglio nur gesprächsweise als eine Art Vorläufer, Prolog zu den Schrecken des Nationalsozialismus erwähnt. Dabei fiel allerdings auch schon das Wort Genozid. Ich glaube nicht, dass das zentral wäre im Denken des Papstes. Aber, diesem Papst Franziskus geht es nun mal um die Peripherien, um das Verdrängte. Und er wird, das ist mein Eindruck, das Gefühl haben, dass man sich um Nationalsozialismus und auch Kommunismus sehr kümmert, dass aber das Thema "Armenier und Genozid" vergleichsweise etwas vergessen ist. Und da ist die Peripherie, an die er erinnern will.

domradio: Die Äußerungen des Papstes sind, so sagt es der türkische Außenminister, weit von Geschichte und Recht entfernt. Wie geht es denn jetzt weiter? Was bedeutet die Einberufung des Botschafters?

Stefan Kempis: Es gibt diplomatisch genau gestufte Arten, wie man gegen etwas protestiert und wie gleichzeitig Eskalationen vermieden werden. Botschafter werden einberufen; das ist eigentlich die erste Stufe eines diplomatischen Protestes. Denen wird dann häufig eine Protestnote überreicht. Immerhin gibt es ihnen aber auch die Möglichkeit, die Haltung ihrer jeweiligen Regierung, hier des Vatikans, zu erklären. Etwas ungleich Schärferes wäre der Rückruf des türkischen Botschafters nach Ankara zu Konsultationen. Das wäre schon ein Schritt vor der Abberufung des Botschafters oder sogar auf einem "auf Eis legen" der diplomatischen Beziehungen. Ich habe nicht den Eindruck, dass die türkische Regierung soweit gehen wird.

domradio: Die diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und dem Vatikan bestehen seit 1960. Das heißt, es wird jetzt Gespräche und Konsultationen geben und danach wird sich alles wieder beruhigen?

Stefan Kempis: Ich gehe schon davon aus. Ein Präzedenzfall ist immerhin die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2006. Diese übrigens ebenfalls zitatweise Äußerung bzw. Anfrage an den Islam - auch wenn sich das nicht direkt auf die Türkei bezog - geschah nur wenige Monate vor einer geplanten Türkeireise von Benedikt. Und auch damals gab es ein sehr geschickt von Erdogan orchestriertes Spiel von flammender Empörung, einem Moment der Wogenglättung und dann herzlicher Begrüßung des Papstes in Ankara und einem Umschwung der Stimmung ins Positive. Das ist für mich der Präzedenzfall und das könnte zeigen, wie man auch diesmal wieder zu diplomatischer Ruhe und Frieden zwischen Ankara und dem Vatikan zurückfinden könnte.

Das Interview führte Matthias Friebe.

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu eigen.
 

 

(dr)

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