Völkermord an Armeniern bleibt in der Türkei ein heikles Thema

Bröckelndes Tabu

Es ist eines der dunkelsten Kapitel des Ersten Weltkriegs: der Völkermord der Türken an den Armeniern, dessen Beginn sich in diesem Monat zum 100. Mal jährt. Bislang behauptet die türkische Regierung, es habe ihn nie gegeben.

1915: Armenische Flüchtlinge in Syrien (dpa)
1915: Armenische Flüchtlinge in Syrien / ( dpa )

Zwar bestreitet die türkische Regierung nicht Hunderttausende Tote. Doch Gewalt und Deportationen seien Folge von bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen gewesen. Zuletzt schien Bewegung in die Debatte zu kommen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan signalisierte die Bereitschaft, sich dem Urteil einer Historiker-Kommission zu beugen. «Wenn es wirklich ein Verbrechen gab und ein Preis von uns zu zahlen ist, dann werden wir uns das ansehen und die entsprechenden Schritte tun», sagte er Ende 2014. Vor kurzem lud Erdogan zudem seinen armenischen Amtskollegen Sergej Sarkissjan ein, der Opfer einer Schlacht im Ersten Weltkrieg zu gedenken. Doch dann wurde sein Ton wieder schärfer: Im März kritisierte er armenische Gewalttaten im Ersten Weltkrieg. Die durch Armenier verursachten Verluste seien ebenso groß gewesen wie die Verluste der Armenier selbst, so Erdogan.

22 Länder und das Europaparlament haben das Geschehen bislang offiziell als Genozid eingestuft. Deutschland tut sich schwer und will die Türkei als Bündnispartner nicht vergraulen: Der Bundestag sprach 2005 lediglich von "Deportationen und Massakern". Der Begriff "Völkermord" wurde lediglich in der Begründung des Antragstextes verwendet. Auch an diesem 24. April soll es eine kurze Bundestagsdebatte zum Gedenken geben. Und auch in dem dazu vorliegenden Antragsentwurf von Union und SPD kommt das Wort Völkermord erst in der Begründung vor. Dort heißt es sehr indirekt: "Zahlreiche unabhängige Historiker, Parlamente und internationale Organisationen bezeichnen die Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Völkermord."

Christen galten als Schuldige für das Siechtum des Osmanischen Reiches

Am 24. April 1915 hatten die Gewalttaten mit der Verhaftung von 235 armenischen Intellektuellen in Istanbul begonnen. Zwischen 1915 und 1917 wurden zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Armenier ermordet. Die großen Unterschiede bei den Zahlen hängen mit ungenauen Bevölkerungsstatistiken zusammen.

Im von Krisen geschüttelten Osmanischen Reich bildeten die Armenier um 1900 eine autonome Gemeinde mit eingeschränkten Rechten. Erfolge in Landwirtschaft, Handwerk und Finanzwesen weckten Neid. Für viele Türken waren die unter westlichem Schutz stehenden Christen Schuld am Siechtum des Reiches.

Jungtürken wollten Islam als alleinige Basis durchsetzen

Schon Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu Pogromen. Allein die Massaker von 1894 bis 1896 hinterließen zwischen 50.000 und 300.000 Tote. Als zwischen 1909 und 1912 auch die Balkanvölker auf Unabhängigkeit von den Türken drängten oder von den Großmächten annektiert wurden, spitzte sich die Situation zu: Die 1908 an die Macht gekommenen Jungtürken zielten auf ein einheitliches Reich, wollten Türkisch und den Islam als alleinige Basis durchsetzen.

Der Erste Weltkrieg lieferte die Gelegenheit zur Umsetzung. Auf Befehl des Innenministeriums wurde die Elite der Armenier zu Tausenden verhaftet und meist ohne Prozess hingerichtet. Zehntausende starben auf Todesmärschen.

Deutschland, damals Kriegsverbündeter der Türkei, schaute stillschweigend zu, war aber informiert. Der deutsche Vizekonsul in Erzurum hielt 1915 fest: «Die armenische Frage soll nun im gegenwärtigen Krieg gelöst werden», und zwar «in einer Form, die einer absoluten Ausrottung der Armenier» gleichkomme.

Nach dem Weltkrieg erstmals Kriegsverbrecherprozesse

Der Widerstand einer kleinen Gruppe ging in die Literaturgeschichte ein: In seinem Erfolgsroman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" schilderte Franz Werfel, wie sich im Herbst 1915 mehrere tausend Armenier am 1.700 Meter hohen Mosesberg verschanzten. Kurz bevor sie aufgeben mussten, wurden sie von einem französischen und einem britischen Kriegsschiff gerettet.

Die Gewalttaten hatten ein Nachspiel, das Rechtsgeschichte schrieb: Nach dem Weltkrieg drängten die westlichen Siegerstaaten erstmals auf Kriegsverbrecherprozesse. Ein türkisch besetztes Kriegsgericht stellte fest, dass die Verbrechen zentral vorbereitet wurden, und verurteilte 17 Angeklagte zum Tode. Die Haupttäter flohen, wurden aber zum Teil von armenischen Attentätern ermordet.

Quelle:
KNA