Heruntergekommene Wohnblocks im Mafia-Viertel Scampia, einem Stadtteil von Neapel.
Heruntergekommene Wohnblocks im Mafia-Viertel Scampia, einem Stadtteil von Neapel.
Papst Franziskus
Papst Franziskus

20.03.2015

Vor dem Papstbesuch: Neapel wehrt sich gegen die Mafia Vereint gegen die Mafia

Am Samstag beginnt Papst Franziskus seinen Neapel-Besuch in der Höhle des Löwen: Im Mafia-Viertel Scampia will er ein Zeichen gegen die Camorra setzen. In der Stadt wächst der Widerstand gegen die Mafiosi.

Der Märzwind weht durch Scampia. Plastiktüten treiben über die Grünflächen zwischen den heruntergekommenen Wohnsilos. Das trostlose 70er-Jahre-Viertel im Norden Neapels bewohnen 80.000 Menschen, trotzdem sind die Straßen beinahe leer. "Das können sie vergessen, hier erzählt ihnen keiner was über das Leben mit der Camorra", sagt Fabrizio Valletti. Der Jesuit und Leiter des Jugendzentrums kennt die Mafiahochburg, eine der schlimmsten des Landes, seit Jahren. "Das hier war mal als Vorzeigeviertel geplant. Schönes neues Süditalien. Nur die Jobs für die Leute haben sie vergessen." 70 Prozent sind offiziell erwerbslos. Bester Arbeitgeber ist die Camorra. Wer für die Clans dealt, prügelt oder schießt, kommt gut über die Runden.

Seit 30 Jahren verrotten die riesigen Betonklötze, die sie wegen ihrer Dreiecksform "Le vele" - die Segel - nennen. Durch den Film "Gomorrha" wurden sie weltberühmt. An den Eingängen sollen Mafiaschläger regelmäßig die Ausweise kontrollieren. Man will unter sich bleiben im sogenannten "Drogensupermarkt Europas".

Mafia: Eigenes Verständnis von Religion

Papst Franziskus kommt trotzdem. Am Samstag landet er zum Auftakt seines Neapel-Besuchs mitten in Gomorrha und spricht zu den Menschen. Vergangenes Jahr hat er den Bossen und ihren Schergen die Exkommunikation angedroht. "Sowas bringt nicht viel, das verstehen die gar nicht", meint sein Ordensbruder Valletti. Mafiosi hätten ihr eigenes Verständnis von Religion. "Sie wollen eine protzige Beerdigung, eine kitschige Erstkommunion für den Sohn und persönlichen Beistand von dem Heiligen, den sie an einer Goldkette um den Hals tragen." Ein Katholizismus mit viel Aberglaube, aber ohne Ethik, ohne Sinn fürs Gemeinwohl sei das.

Dabei konnten sich die Mafiaorganisationen von Neapel bis Palermo lange auf die Kooperation örtlicher Kirchenmänner verlassen, räumt auch Valletti ein. Wertkonservativ und antikommunistisch, die Paten galten als Ordnungsmacht, wo der Staat nicht präsent war. Erst unter Johannes Paul II. schlug den Gangstern schärferer Wind entgegen. Erstmals ermordete die Mafia auch Priester, die gegen die Doppelmoral und die Verbrechen der "Ehrenwerten" aufstanden.

Milliardengewinne durch Drogen und Schutzgeld

90 Clans haben Neapel unter sich aufgeteilt. Drogenhandel, erschlichene Gewerbeaufträge und Schutzgelderpressung sorgen für Milliardengewinne. Geschätzte 5.000 Familien stehen auf den Gehaltslisten der Camorra. Doch Giovanni Colangelo, Chef der neapolitanischen Staatsanwaltschaft, sieht Licht am Horizont: "Wir haben den Verfolgungsdruck verstärkt.

Inzwischen verhaften wir fast täglich Angehörige der Camorra." Trotzdem seien auf Neapels Straßen allein seit Jahresbeginn neun Menschen getötet worden, im Vorjahr waren es 49. Die Opfer sind meist Camorristi, die bei Clan-Kämpfen eine Kugel in den Kopf kriegen. "Aber immer wieder sterben auch Unbeteiligte oder erklärte Mafia-Gegner." Gegner wie Colangelo selbst. Die Angst vor der Rache der Camorra verdrängt er.

Firmen und Geschäfte machen mobil gegen die Mafia

Fast 1.000 Unschuldige wurden in den vergangenen 25 Jahren in Süditalien umgebracht. Auch deshalb wächst der Widerstand aus der Mitte der Gesellschaft. Das alte Mafia-Sprichwort "Wer stumm ist und taub, lebt hundert Jahre", zieht nicht mehr wie früher. "Addiopizzo" - "Tschüss Schutzgeld" - heißt eine Initiative, der sich über 4.000 Firmen und Geschäfte in der Region angeschlossen haben.

Die Organisation "Libera" führt den Protest an. Sie lebt von Idealisten wie Angelo Buonomo, 28, Politikstudent. "Neben der Erinnerung an die Opfer geht es uns vor allem um die Nutzung der enteigneten Güter inhaftierter Bosse." In einem Laden am Hafen bieten "Libera"-Aktivisten Produkte an, die Kooperativen auf einstigen Mafia-Ländereien rund um Neapel erwirtschaftet haben. Wer hier Pasta, Honig oder Weine mit den Namen Ermordeter kauft, setzt ein klares Zeichen. "Und wir verkaufen gut."

Jesuitenpater Valletti kämpft trotz seiner 77 Jahre an einem anderen Frontabschnitt. Sein Jugendzentrum Hurtado in Scampia bietet Schulabbrechern Wege zur Berufsausbildung. Eine Bibliothek, eine Näherei, sogar ein kleines Filmstudio finden sich hier. "Wir müssen die Teenager mit Bildung von der Straße holen, sonst gehen sie früher oder später der Camorra ins Netz und landen im Knast."

Christoph Schmidt
(KNA)

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