23.12.2014

Die Weihnachtsansprache von Papst Franziskus an die Kurie "Schlagzeilen machen sie nur, wenn sie abstürzen"

Papst Franziskus hat am Montag mit einer Ansprache an die Leiter der vatikanischen Kurie für Aufsehen gesorgt. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) dokumentiert Auszüge der im Stil eines Sündenregisters verfassten Ansprache in einer eigenen Übersetzung aus dem Italienischen:

Liebe Schwestern und Brüder,

 (...) Man kann sich die römische Kurie gut als kleines Modell der Kirche vorstellen, einen «Körper, der ernstlich jeden Tag versucht, lebendiger, gesünder, harmonischer und in sich einiger und mit Christus zu sein. (...)

Weil die Kurie ein dynamischer Körper ist, kann er nicht leben, ohne sich zu ernähren und zu pflegen. In der Tat kann die Kurie (...) nicht leben, wenn sie nicht eine lebendige, persönliche, aufrichtige und stabile Beziehung zu Christus unterhält. Ein Kurienmitglied, das sich nicht täglich von dieser Speise nährt, wird zum bloßen Funktionär: eine Rebe, die austrocknet und allmählich abstirbt und fortgeworfen wird. (...)

 Die Kurie (...) ist, wie jeder Körper, Krankheiten ausgesetzt, Fehlfunktionen, Schwäche. Ich möchte einige benennen (...). Es sind mögliche Krankheiten und Versuchungen, die unseren Dienst für den Herrn schwächen. Ich glaube, dass uns der »Katalog« dieser Krankheiten (...) helfen kann - auf der Fährte der Wüstenväter, die solche Kataloge schufen. (...) Dies wird ein guter Schritt für uns alle sein, um uns auf Weihnachten vorzubereiten.

 1. Die Krankheit, sich für "unsterblich", "unangreifbar" oder geradezu "unersetzlich" zu halten, indem die nötigen und gewohnheitsmäßigen Kontrollen außer Acht gelassen werden. Eine Kurie, die sich selbst nicht kritisiert, die sich nicht erneuert, die nicht besser werden will, ist ein kranker Körper. Ein gewöhnlicher Friedhofsbesuch kann uns helfen, die Namen so vieler Personen zu sehen, von denen manche vielleicht meinten, unsterblich, unangreifbar und unersetzlich zu sein! (...)

 2. Die Krankheit der Marta, des übertriebenen Fleißes: Es ist die Krankheit derer, die sich in die Arbeit stürzen und dabei unausweichlich »den besseren Teil« außer Acht lassen: zu den Füßen Jesu zu sitzen (...) Die Ruhezeit für den, der seine Aufgabe zu Ende gebracht hat, ist nötig, geboten und ernsthaft einzuhalten (...).

 3. Es gibt auch die Krankheit der geistigen und geistlichen "Versteinerung": die Krankheit derer, die ein Herz aus Stein haben (...), die sich hinter Papier verstecken und "Verwaltungsmaschinen" werden statt "Gottesmänner" (...). Es ist gefährlich, das nötige menschliche Mitgefühl zu verlieren, um mit den Weinenden zu weinen und sich mit denen Fröhlichen zu freuen! (...)

 4. Die Krankheit der Planungswut und des Funktionalismus. Wenn der Apostel alles haarklein plant und glaubt, dass mit einer perfekten Planung die Dinge effektiv vorangehen, wird er ein Buchhalter und Betriebswirt. Gute Vorbereitung ist notwendig, aber ohne der Versuchung zu erliegen, die Freiheit des Heiligen Geistes einschränken und steuern zu wollen (...).

 5. Die Krankheit schlechter Koordinierung. Wenn die Mitglieder untereinander ihre Gemeinschaft verlieren und der Körper seine harmonische Funktion und sein Maß einbüßt, wird er ein Orchester, das Lärm produziert, weil seine Mitglieder nicht zusammenspielen und keinen Gemeinschafts- und Teamgeist leben. (...)

 6. Es gibt auch die Krankheit des "spirituellen Alzheimer", der Vergessenheit der Heilsgeschichte, der persönlichen Geschichte mit dem Herrn (...) Das sehen wir bei denen, die die Erinnerung an ihre Begegnung mit dem Herrn verloren haben; (...); bei denen, die völlig von ihrer Gegenwart abhängen, von ihren Leidenschaften, Launen und Fimmeln (...) und so immer mehr Sklaven der Götzenbilder werden, die sie mit eigener Hand geschaffen haben.

 7. Die Krankheit der Rivalität und der Ruhmsucht - wenn das Erscheinungsbild, Kleiderfarben und Ehrenzeichen vorrangiges Lebensziel werden (...).

 8. Die Krankheit der schizophrenen Existenz. Es ist die Krankheit derer, die ein Doppelleben führen, Frucht der typischen mittelmäßigen Scheinheiligkeit und einer fortschreitenden geistlichen Leere, die akademische Lorbeeren und Titel nicht befriedigen können. Eine Krankheit, die oft jene trifft, die den Dienst des Seelsorgers aufgeben und sich auf bürokratische Aufgaben beschränken. Dabei verlieren sie den Kontakt mit der Realität (...). Sie schaffen ein Paralleluniversum, in dem sie alles ablegen, was sie andere mit Strenge lehren, und beginnen, ein verborgenes und oft ausschweifendes Leben zu führen. (...)

 9. Die Krankheit des Klatsches, des Geraunes und des Tratsches. Über diese Krankheit habe ich schon oft gesprochen und doch nie genug. Es ist eine schwere Krankheit, die leicht beginnt (...); sie ergreift den Menschen und macht ihn zu einem "Säer von Unkraut" (wie Satan) und vielfach zu einem "kaltblütigen Mörder" des Rufs der eigenen Kollegen und Mitbrüder. Es ist die Krankheit von Feiglingen, die, weil sie nicht den Mut haben, direkt zu sprechen, hinter dem Rücken reden. (...) Brüder, hüten wir uns vor dem Terrorismus des Geschwätzes!

 10. Die Krankheit, Vorgesetzte zu vergöttern: Es ist die Krankheit derer, die Obere umschmeicheln, weil sie hoffen, ihr Wohlwollen zu erhalten. Sie sind Opfer von Karrieredenken und Opportunismus (...). Es sind Menschen, die in ihrem Dienst einzig daran denken, was sie bekommen können, nicht, was sie geben müssen. Kleinliche Personen, unglücklich und nur von ihrem eigenen fatalen Egoismus beseelt (...). Diese Krankheit könnte auch die Oberen treffen, wenn sie manche Mitarbeiter umschmeicheln, um ihre Untergebenheit, Loyalität und psychische Abhängigkeit zu erhalten; aber das Endergebnis ist echte Komplizenschaft.

 11. Die Krankheit der Gleichgültigkeit gegenüber anderen - wenn jeder nur an sich selbst denkt und die Aufrichtigkeit und Wärme menschlicher Beziehungen verliert. (...)

 12. Die Krankheit der Totengräbermiene - das ist die Krankheit der Griesgrämigen und Mürrischen, die meinen, um ernst zu sein, müsse man ein schwermütiges, strenges Gesicht aufsetzen und andere - vor allem jene, die man für niedriger gestellt hält - mit Strenge, Härte und Arroganz behandeln. In Wirklichkeit sind theatralische Strenge und steriler Pessimismus oft Symptome von Angst und Unsicherheit. (...)

 13. Die Krankheit des Aufhäufens - wenn der Apostel eine existenzielle Leere in seinem Herzen zu füllen sucht, indem er Güter aufhäuft, nicht aus Notwendigkeit, sondern nur um sich sicher zu fühlen. Aber wir werden nichts Dingliches mitnehmen, denn "das letzte Hemd hat keine Taschen", und alle unsere irdischen Schätze (...) können niemals diese Leere füllen (...).

 14. Die Krankheit der geschlossenen Kreise - wo die Zugehörigkeit zum Grüppchen stärker wird als die zum Leib und, in manchen Fällen, zu Christus selbst. (...). Die Selbstzerstörung oder der «Selbstbeschuss» unserer Mitstreiter ist die heimtückischste Gefahr. (...)

 15. Und die letzte Krankheit: die des weltlichen Profits, der Zurschaustellung - wenn der Apostel seinen Dienst zu Macht umgestaltet und seine Macht zu einer Ware, um weltlichen Nutzen oder mehr Befugnisse zu erhalten. (...)

 Liebe Brüder!

 Ich habe einmal gelesen, dass Priester wie Flugzeuge sind:

Schlagzeilen machen sie nur, wenn sie abstürzen - aber unzählige von ihnen fliegen. (...) Das ist ein sympathisches, aber auch sehr wahres Wort. Es unterstreicht die Bedeutung und die Empfindlichkeit unseres priesterlichen Dienstes - und wie viel Schaden ein einziger Priester, der "abstürzt", dem ganzen Leib der Kirche zufügen kann.

(KNA)

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