Debatte um Rolle der Frauen in der katholischen Kirche
Ostern 2020 - ein Lackmustest für Christen?!
Dr. Andreas Püttmann
Dr. Andreas Püttmann

10.04.2020

Ein Gastkommentar über das Osterfest in Zeiten der Pandemie Lackmustest für Christen

"Dieses Osterfest wird zum Lackmustest für Glaubenssubstanz, Glaubenstreue, christliche Haltung und gesellschaftliches Verantwortungsgefühl", ist der Publizist Andreas Püttmann überzeugt. Warum? Lesen Sie seinen Gastkommentar.

In Zeiten der Krise offenbare sich Charakter, sagt man. Vor allem wenn institutionelle Stützen und soziale Gewohnheiten wegfallen, die dem Leben Einzelner als Haltegriffe und Leitplanken dienen. Das gilt auch für den Corona-bedingten wochenlangen Lockdown der öffentlich zugänglichen kirchlichen Gottesdienste, jetzt sogar an Ostern. Eine Art "Betriebsunterbrechung" der Kirche. Sie ist ein Lackmustest für Glaubenssubstanz, Glaubenstreue, christliche Haltung und gesellschaftliches Verantwortungsgefühl.

Ostern im Fernsehen oder Internet anschauen?

Das INSA-Institut fragte im Auftrag von idea nach der Absicht, "an Ostern einen Gottesdienst im Internet oder Fernsehen anzuschauen". Zwei Drittel der repräsentativ Befragten gaben an, dies nicht tun zu wollen, 12 Prozent wussten es noch nicht, 5 Prozent machten keine Angabe. Nur 15 Prozent der Bevölkerung erklärten ihre Absicht, auf diese Weise einem Gottesdienst am höchsten christlichen Fest beizuwohnen: jeder vierte Katholik, jeder fünfte landeskirchliche Protestant und knapp die Hälfte der evangelisch-freikirchlichen Christen. In den neuen Bundesländern sind es 14 Prozent, kaum weniger als in den viel länger "volkskirchlich" geprägten alten (16%). Von den Anhängern der Parteien wollen am häufigsten CDU/CSU-Wähler (26%) die Auferstehung Jesu Christi am Fernseher oder am Computer mitfeiern, gefolgt von Anhängern der SPD (19%) und der Grünen (14%). Erst danach kommen die angeblichen Verteidiger des "christlichen Abendlands" (AfD: 12%), knapp vor Linken- (11%) und FDP-Anhängern (10%).

Bei einer "Chrismon"-Umfrage 2019 hatten noch 23 Prozent der Deutschen angegeben, zu Ostern an einem Gottesdienst teilzunehmen. Schon dies war nicht einmal die Hälfte der Kirchenmitglieder. Berücksichtigt man die Differenz zwischen erklärter Absicht und tatsächlichem Vollzug, so wird vollends offenkundig, wie sehr die Christen in Deutschland inzwischen in die Minderheit geraten sind. Die katholische Kirche, geschüttelt von Skandalen um die Piusbrüder (2009), den sexuellen Missbrauch (2010), Bischof Tebartz-van Elst (2013) und die niederschmetternden Befunde der MHG-Studie (2018) sowie von Dauerkritik an ihrer vermeintlichen Rückständigkeit in kirchlichen Struktur-, Macht- und Moralfragen, steht dabei nicht schlechter da als die "modernere" evangelische, jedenfalls was die Austrittszahlen und die Teilnahme am kirchlichen Leben betrifft. Und die als besonders fromm und "praktizierend" geltenden Freikirchler überraschen mit nur 49 Prozent, die wegen der Versammlungssperre einer Gottesdienstübertragung in den Medien folgen wollen.

Man geht auch zur Kirche, weil andere gehen

Schon vor Jahrzehnten machten Demoskopen darauf aufmerksam, dass sich die Teilnahme am kirchlichen Leben nicht nur individueller Frömmigkeit verdanke, sondern auch einem "gruppendynamischen Prozess" (Renate Köcher). Man geht auch zur Kirche, weil andere gehen, die man dort gern trifft. Dies relativiert nicht nur die aus heutiger Sicht imponierenden Kirchgangszahlen früher, sondern auch die aktuellen. Denn obwohl die gesellschaftliche Konvention der Gottesdienstteilnahme in Deutschland längst gefallen ist, existiert sie im Mikrokosmos der überschaubaren Gemeinden, Gemeinschaften und Freundeskreise weiter. Insofern überrascht nicht, dass die Bereitschaft, Ostern zum Gottesdienst zu gehen nicht eins zu eins übertragbar ist auf die Entscheidung, ihn zuhause einzuschalten.

Verstehen heißt hier freilich aus christlicher Sicht nicht: rechtfertigen. Im Zeitalter der Massenkommunikation und der Digitalisierung sind die allermeisten von uns daran gewöhnt, mit anderen Menschen medial Gemeinschaft zu suchen. Da sollte es nicht schwer fallen, Jesu Zusage aus Matthäus 18,20 ("Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen") auch in der Teilnahme an einem Fernseh- oder Internetgottesdienst realisiert zu sehen. Das Wort Gottes zu hören und ausgelegt zu bekommen, die uralten österlichen Riten der Kirche zu sehen und mit zu vollziehen bis hin zur "geistlichen Kommunion" als Form der innerlichen Verbindung mit Christus, seiner Einladung ins eigene Herz – all das ist Christen auch an Ostern 2020 möglich. Wer keine Sehnsucht danach verspürt und an Ostern lieber gar keinem als einem von Medien übertragenen Gottesdienst beiwohnt, der sollte sich nach den Motiven seines Interesses am Gottesdienst fragen. Als Grundlage könnte das vierte Kapitel aus dem ersten Brief des Johannes dienen. Im Gottesbild, das hier aufscheint, ist Jesus nicht an die sinnliche Erfahrbarkeit des Empfangs von Brot und Wein gebunden. Auch die Communio mit Schwestern und Brüdern im Glauben ist nicht nur in der Kirchenbank bei Lobgesang aus Hunderten Kehlen erfahrbar. Nichts gegen Wellness-Gefühle im Kirchenraum, aber sie zum schlagenden Kriterium für den Wert einer Begegnung mit Gott und den Nächsten am Fest der Auferstehung zu machen, hat vermutlich mehr mit Weltlichkeit zu tun als manche Kritiker des äußerlich stillen Ostern 2020 sich eingestehen wollen.

Vergleich von Kirche und Supermarkt

Der kulturkämpferische Ton, den manche christliche Publizisten gegen die zwischen Staat und Religionsgemeinschaften vereinbarte Regelung der Gottesdienstpraxis in der Coronakrise anschlagen, spricht nicht für sie. Ihre Pose der Glaubensverteidigung ist hohl, ihre Widerstandsparolen und Vergleiche von Kirchen mit Supermärkten mögen auf den ersten Blick verfangen, halten aber bei praktisch-konkreter Durchprüfung weder den Geboten der Vernunft noch denen des Glaubens stand. Sie sind scheinplausibel. Theoretisch und im Einzelfall würde es vielleicht gelingen, Gottesdienste mit zwei Meter-Abständen und Mundschutz zu feiern, vielleicht sogar inklusive einer findigen Art Kommunionsausteilung ohne Ansteckungsgefahr mit dem potenziell tödlichen Virus. Aber welchem Gebot Gottes sollte durch diesen Krampf Genüge getan werden, welche Gnade vermittelt werden, die der auferstandene Herr nicht ohnehin zu schenken weiß?

"Deus semper maior", der je größere Gott lässt sich von unseren Denkkategorien nicht einfangen, möchte man geistlichen Krämerseelen zurufen und Spinnern, die ihr Dogma, dass der Leib Christi ja nicht töten könne, auf Biegen und Brechen gegen die Wirklichkeit der Natur unter Beweis stellen wollen. Sind ihnen die Meldungen entgangen, dass religiöse Treffen in Südkorea und Frankreich wesentlich beitrugen zur Streuung des hoch ansteckenden Covid-Erregers? Wie kann man "Protest" und einen "Aufstand der Seelsorger" vermissen und trotzig "Macht die Tore auf! Wir feiern Auferstehung!" (Birgit Kelle) rufen, nachdem ein Treffen der Freikirche "Portes Ouvertes Chrétiennes" die Stadt Mulhouse zum Coronavirus-Cluster im Elsass machte? Wie sollte vermieden werden, dass es bei beschränktem Eintritt zu Gedränge vor Gotteshäusern kommt? Wie sollte man überwachen, dass Gottesdienste tatsächlich so risikoarm ablaufen wie man sich das vorstellt? Hätten auch in Moscheen und Synagogen staatliche Aufpasser aufzutreten und notfalls störend einzugreifen? Oder sollte der säkulare Staat gar nicht alle Religionen gleich behandeln und nur christliche Gottesdienste zulassen, wie es manche Einlassungen kaum verhohlen nahe legen? Welches Beispiel würden die Kirchen anderen gesellschaftlichen Verbänden geben, wenn sie Ausnahmen für sich beanspruchten oder signalisierten: "Geht doch! Wird alles übertrieben!"?

Besonderes Fest unter dem Schrecken der Pandemie

Es verstört, wenn Bannerträger des Christlichen, die sonst den Schutz jedes Menschenlebens – auch des ungeborenen, schwachen, bedrohten Lebens – ausgerechnet jetzt, wo schon Zigtausende qualvoll an Covid starben und Millionen weltweit zu folgen drohen, leichtfertig daherreden. Gänzlich abstrus ist der Versuch, dabei demokratische Politiker in die Nähe von Diktatoren zu rücken: "Das ‚Verbot (!) von kirchlichen Zusammenkünften’ (Merkel) ist unzulässig. Was weder die braune noch die rote Diktatur geschafft haben, wir schaffen das", verstieg sich Peter Hahne. Gläubige, die jedes Maß verloren haben und selbstmitleidig oder verbalradikal auftreten, geben die christliche Botschaft der Unglaubwürdigkeit preis: "Wenn man gegen die Grundforderungen der Vernunft verstößt, wird unsere Religion sinnlos und lächerlich sein" (Blaise Pascal).

Statt den undifferenzierten, spalterischen, aufwiegelnden Stil und die egozentrische Logik der Populisten in die Kirche zu tragen, gilt es an diesem besonderen Osterfest unter den Schrecken der Pandemie das Gegenteil zu tun: mit dem angemessenen Ernst, mit Trauer, Demut, Empathie, Kreativität und theologisch intelligent Zeugnis dafür zu geben, dass Gott trotz Krankheit und Tod ein "Freund des Lebens" ist. Und dass die Kirche nicht einfach, auf ihre Systemrelevanz pochend, "ihr eigenes Ding durchzieht", sondern auch als "Hauskirche" und in Stellvertretung durch zahllose Messopfer – medial übertragene und nicht übertragene – lebt und wirkt. Vor allem aber, dass sie sich, wie das Konzil betont, gerade jetzt "mit der ganzen Menschheitsfamilie" solidarisiert: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände" (Gaudium et spes 1). Wie christlich Ostern 2020 in Deutschland sein wird, hängt diesmal in ganz besonderer Weise von jedem einzelnen Gläubigen ab, von seiner je individuellen Berufung zum österlichen Menschen.

Zum Autor: Dr. phil. Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist. Er lebt in Bonn. Seine Themenschwerpunkte sind politische und ethische Grundsatzfragen, Religionssoziologie und Kirchenpolitik.

(DR)

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