Prof. Dr. Thomas Söding
Prof. Dr. Thomas Söding

21.04.2019

Ostern: Auferstehung und Auferweckung "Zwei Seiten einer Medaille"

Die Frauen und die ängstlichen Männer: Die Evangelisten berichten über das leere Grab. Die Geschichte der Auferstehung Jesu wird kirchenpolitisch aus der damaligen Zeit gelesen. Bibelwissenschaftler Thomas Söding über die Ostergeschichte.

DOMRADIO.DE: Wie fassen Sie als Bibel-Wissenschaftler das Thema "Auferstehung" kurz zusammen?

Prof. Dr. Thomas Söding (Lehrstuhl für Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum): Das ist eine unglaublich gute Geschichte. Das Neue Testament nimmt sich viel Zeit, zeigt auch, dass man mehrere Anläufe braucht, um zum Glauben an die Auferstehung zu kommen. Ohne diesen Auferstehungsglauben wäre das ganze Neue Testament nicht geschrieben worden.

DOMRADIO.DE: Es sind ja vor allem die Evangelien, die über das Osterereignis berichten. Welche unterschiedlichen Akzente setzen hier die Verfasser der Evangelien?

Söding: Die Oster-Thematik ist eigentlich flächendeckend im Neuen Testament präsent. Aber in den Evangelien werden ganz spezifische Akzente gesetzt und zwar dadurch, dass erzählt wird. Bei diesen Erzählungen in den Evangelien gibt es zwei Kernpunkte. Das eine große Thema ist das Grab, das voll war, das jetzt leer vorgefunden wird und das interpretiert wird. Es sei leer, weil Jesus von den Toten auferstanden ist.

Die anderen Typen von Erzählungen sind sogenannte Erscheinungen des Auferstandenen, also Jesus selbst, der von den Toten auferweckt worden ist, hat sich sehen lassen, ist in Erscheinung getreten. Und dadurch sind dann die Prozesse ausgelöst worden, die zum Glauben geführt haben.

DOMRADIO.DE: Der Evangelist Johannes fällt etwas aus der Reihe. Welchen besonderen Akzent setzt er und warum tut er das?

Söding: Das Johannes-Evangelium hat auch in der gesamten Lebensbeschreibung Jesu eine Fülle von Besonderheiten. Das hängt mit einer eigenen Überlieferung zusammen, die er erarbeitet. Ich denke, dass das Johannes-Evangelium auch nicht ohne Kontakt zu den anderen Evangelien entstanden ist, sodass uns hier eine im wahren Sinne des Wortes alternative Sicht auf Jesus im Kanon präsentiert wird.

In der Ostergeschichte ist das Johannes-Evangelium besonders durch eine Frau berühmt geworden, nämlich durch Maria Magdalena, die Apostelin der Apostel, wie sie später genannt wird. Sie hat den Jesus gesehen in einem einzigartigen Moment, in dem er praktisch noch auf dem Weg hinauf zu Gott ist. Das Johannes-Evangelium hat eine solche Theologie des Weges, die einen solchen Kairos erkennen lässt.

DOMRADIO.DE: Auch in den Paulus-Briefen wird die Auferstehung thematisiert. Viele Theologen sprechen aber lieber von einer Auferweckung. Wo liegt der Unterschied?

Söding: Es ist schon ein Unterschied, auch gut darauf zu hören. Beides, Auferstehung und Auferweckung, ist präsent im Neuen Testament. Beides ist alt, aber die Unterschiede liegen zutage: Wenn ich mit den ältesten Glaubenszeugnissen, die das Neue Testament enthält, von der Auferweckung rede, dann ist Gott selbst der Akteur. Der Vater – um es jetzt theologisch auszudrücken –, der seinen Sohn gesandt hat, der seinen Sohn den Menschen geschenkt hat, der ihn jetzt nicht im Tode lässt, nicht im Grab ruhen lässt, sondern aufweckt oder auferweckt und zum ewigen Leben, also zu seiner Rechten führt.

Aber das Neue Testament kennt auch die Kehrseite der Medaille. Die Vorstellung ist offensichtlich, dass Jesus nicht nur in seinem Leben und Sterben, sondern auch in der Auferweckung so eng mit Gott verbunden ist, dass er selbst auch derjenige ist, der den Tod überwindet. Auferweckung und Auferstehung sind die zwei Seiten einer Medaille. Meistens sprechen wir nur von der Auferstehung. Aber es ist sehr gut, sich daran zu erinnern, dass das Neue Testament originär auch die Rede von der Auferweckung Jesu kennt.

DOMRADIO.DE: Am Ende steht immer die Frage nach der Auferstehung und dem leeren Grab als historisches Ereignis. Was sagen Sie als Bibel-Experte?

Söding: Die historische Frage ist für die ganze Jesus-Frage von grundlegender Bedeutung. Hätte es Jesus nicht gegeben, hätte das Christentum auf der Welt gar nichts verloren. Aber selbstverständlich ist auch, dass die Auferweckung oder Auferstehung Jesu nicht in dem Sinne ein historisches Ereignis genannt werden kann wie die Taufe im Jordan. Das ist ja gerade die Glaubenserkenntnis, dass die Grenzen von Raum und Zeit durchdrungen werden.

Wie die Auferstehung selber stattgefunden hat, wird im Neuen Testament gerade nicht beschrieben, sondern die Passionsgeschichte endet mit der Grablegung und dann gibt es den Cut, den Unterschied, den Graben. Und dann geht es wieder los und zwar unter dem Aspekt: Wie sind Menschen zum Glauben gekommen? Dieser Osterglaube ist historisch. Wenn man die ersten Oster-Zeuginnen und -Zeugen befragt, sagen die alle: "Ja, wir haben uns das nicht selbst ausgedacht, sondern Jesus ist uns in Erscheinung getreten. Wir haben das Grab leer gefunden." Also wird auf eine historisch sehr saubere Art und Weise Ostern als eine Glaubenssache herausgearbeitet.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle haben die Frauen in der Passions- und Ostergeschichte?

Söding: Die Frauen spielen eine Schlüsselrolle, weil die "Herren der Schöpfung" das Weite gesucht haben. Das gehört ja zu den harten aber auch klaren Erinnerungen an die letzten Tage und Stunden Jesu, dass die Jünger, die ja nun eigentlich seine treuen Vasallen hätten sein sollen, das Weite gesucht haben. Judas hat ihn verraten, Petrus hat ihn verleugnet und dann wird so ganz am Rande der Passionsgeschichte erzählt, dass es da aber doch noch Frauen aus Galiläa gegeben habe, die ihm irgendwie die ganze Zeit gefolgt seien und die beobachten nun.

Diese Frauen werden zur Brücke und spielen deswegen im Neuen Testament eine ganz entscheidende Rolle. Sie sehen, so heißt es, wie Jesus gestorben ist, sie beobachten, dass Jesus begraben worden ist. Dann halten sie die Sabbat-Ruhe und am ersten Tag der Woche machen sie sich früh auf. Und dann kommt das große Wunder, dass das Grab leer gewesen sei und dass sie dann im Grab die Botschaft der Auferstehung vernommen haben.

DOMRADIO.DE: Das Johannes-Evangelium beschreibt den Wettlauf der Jünger zum leeren Grab. Johannes kommt als Erster an, lässt Petrus aber den Vortritt hineinzugehen. Ist das schon eine Art Hinweis auf die Vorrangstellung des Petrus-Amtes?

Söding: Die Geschichte ist sehr dialektisch. Ich lese sie auch kirchenpolitisch aus der damaligen Zeit heraus. Wir wollen nicht unsere heutigen Konstellationen zurückprojizieren. Aber Petrus ist doch in allen Evangelien, auch im Johannes-Evangelium, die Nummer eins. Er ist immer der Erste der zwölf. Er ist Petrus und da wird der Name im Matthäus-Evangelium auch noch gedeutet: Du bist Petrus, der Fels, auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, was immer dann die konkreten kirchenpolitischen Konsequenzen in der Anfangszeit gewesen sind.

Und jetzt sagt das Johannes-Evangelium, das uns insgesamt so etwas wie eine alternative Jesus-Geschichte präsentiert: Es gibt nicht nur Petrus, es gibt auch andere und einer wird herausgenommen. Das ist der Jünger, den Jesus liebte und nun wird in dieser Geschichte des Wettlaufs zum leeren Grab, darf man ja durchaus mit ein bisschen Oster-Humor lesen, der Lieblingsjünger ist schneller. Aber er wartet. Petrus schaut als erster in das Grab. Der Lieblingsjünger lässt es sich nicht nehmen selbst zu schauen und von dem heißt es dann: Er sah und glaubte.

Dann kommt noch ein kritischer Kommentar des Evangelisten dazu, indem er nämlich anfügt: Denn sie waren nun nicht auf Grund der Heiligen Schrift zum Glauben gekommen. Das heißt, sie brauchten noch die Krücken des leeren Grabes, sie brauchten noch die Krücken der Reliquien Jesu. Auch der Lieblingsjünger. Dadurch entsteht eine Polarität: Petrus bleibt Petrus, aber der Lieblingsjünger ist derjenige, der schneller zum Glauben kommt.

DOMRADIO.DE: Im Laufe der Osterzeit werden in den Evangelien verschiedene Begegnungen des Auferstandenen mit seinen Jüngern beschrieben: Maria Magdalena, die Jünger von Emmaus. Welche Bedeutung haben diese Erzählungen?

Söding: Sie halten zweierlei fest: Zum einen hat der Auferstehungsglaube nichts monopolistisches an sich. Es ist nicht nur eine Person, auf die alles zurückzuführen ist, sondern es ist eine breitere Bewegung. Zum anderen ist es echt eine Bewegung. Es ist nicht so, wenn Jesus erscheint, müssen alle Fragen beantwortet werden. Sondern, wenn man die Erzählungen der Evangelien genau liest, erkennt man, dass eher alle Fragen geöffnet werden, denn die Jünger können sich alles vorstellen, nur nicht, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Die machen sich alle möglichen Überlegungen: Wer ist das? Ist das ein Gespenst? Und dann kommt es darauf an, dass Jesus sich ihnen nicht entzieht, sondern, dass Jesus sich ihnen zuwendet in ganz kleinen Gesten, in ganz klaren Worten und dann wird erzählt, wie der Osterglaube entsteht. Und einmal ist nicht genug. Es bedarf einer längeren Schulung, da sind wir heute gar nicht so weit von den Jüngern entfernt.

DOMRADIO.DE: Eine Episode ist der Friedensgruß Jesu, wenn er seine Wundmale zeigt, seinen Jüngern den Heiligen Geist empfangen lässt und sie mit Vollmachten ausstattet. Ist das so eine Art Vermächtnis Jesu?

Söding: Ja, das ist ein Vermächtnis. Die Auferstehung und die Erscheinung des Auferstandenen dienen ja nicht in erster Linie der Demonstration Jesu: Ich habe recht gehabt, schau an, was ich alles kann. Sondern es geht ja darum, dass das, was er als Irdischer begonnen hat, nämlich das Evangelium, das Wort Gottes zu verkünden, Menschen zu sammeln, die dann seine Botschaft weiter verbreiten, dass dieses Projekt sozusagen weitergeht und zwar jetzt nicht, damit man ganz viele Propagandaerfolge hat, sondern damit immer mehr Menschen die Chance haben, in Kontakt mit dieser großartigen Auferstehungsbotschaft zu kommen. Deswegen bedarf es nach der Krise des Karfreitags der Grablegung Jesu einer neuen Berufung und einer neuen Sendung und einer neuen Bevollmächtigung. Und das passiert nicht automatisch, sondern das passiert in genau den Glaubensentdeckungsprozessen, die das ganze Evangelium kennzeichnen und die Ostern noch einmal wieder neu aufkommen.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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