24.02.2013

Die Berliner Gethsemanekirche wird 120 Jahre alt Wach bleiben und den armen Lazarus nicht vergessen

Die Gethsemanekirche gehört zu den bekanntesten Kirchen im Ostteil Berlins. In den Jahren 1891 bis 1893 erbaut, feiert sie am Sonntag ihr 120-jähriges Bestehen. Ihre Bedeutung verdankt sie vor allem der friedlichen Revolution in der DDR 1989.

"In dem Haus am Helmholtzplatz, wo ich wohne, sind inzwischen fast alle Mietparteien ausgetauscht." So umschreibt Dieter Wendland die Veränderungen, die sich in seinem Kiez im Berliner Prenzlauer Berg seit 1990 vollzogen haben. Nicht nur die Bewohner haben gewechselt, auch das Antlitz der Gegend ist ein neues geworden. Die Häuser sind repariert und farbig herausgeputzt, Geschäfte, Cafés und Restaurants sind entstanden, der Stadtraum ist belebter.

Vor 1990 spielten sich die interessanten Sachen weniger draußen ab. Räume für künstlerische und politische Freiheit waren Wohnungen und Kirchen. Eine von ihnen ist die Gethsemanekirche. Diese ist heute eine der bekanntesten Kirchen im Ostteil Berlins. In den Jahren 1891 bis 1893 erbaut, feiert sie am Sonntag ihr 120-jähriges Bestehen.

Als Wendland Ende der 80er Jahre an den Helmholtzplatz zog, wurde er Mitglied im Leitungsgremium der Gemeinde der Gethsemanekirche. Der Gemeindekirchenrat sah sich im Oktober 1989 vor einer schwere Entscheidung: Damals wollten junge Menschen ihre Solidarität mit politischen Gefangenen durch eine Mahnwache in der Kirche zum Ausdruck bringen. Wendland erinnert sich: "Wir fragten uns, sind die jungen Leute der arme Lazarus, der vor unserer Tür liegt? Lassen wir die Mahnwache rein? Und dann haben alle dafür gestimmt."

Wieder mehr Zulauf

Die Gemeinde besaß seit Anfang der 80er Jahre einen politisch wachen Friedenskreis und hatte staatlich unerwünschten und bedrängten Menschen ihre Räume geöffnet. Nun ging sie einen mutigen Schritt weiter. Die Gethsemanekirche wurde zum Zufluchtsort derer, die gegen das Regime auf die Straße gingen, vor allem als am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, Einheiten der Volkspolizei und der Staatssicherheit im Umfeld der Schönhauser Allee mit Gewalt gegen sie vorgingen. Später war sie Treffpunkt und Diskussionsforum der Bürgerbewegung.

Dann wurde es schlagartig ruhig. Unter den neuen politischen Verhältnissen wurde die Kirche als Schutzraum nicht mehr benötigt. Zum Sonntagsgottesdienst kamen noch etwa 20 Menschen in der großen Kirche. "Was soll jetzt werden?" fragte Pfarrerin Elisabeth Eschner, und Dieter Wendland entgegnete beherzt: "Wir werden weiter machen."

Seither erfuhr die Gemeinde, die seit 2001 mit drei anderen im Prenzlauer Berg zur Großstadtgemeinde Prenzlauer Berg Nord fusioniert wurde, wieder mehr Zulauf. Sie ist wieder sehr jung. Über drei Viertel sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Viele Kinder, viele Familien gehören zu ihr. Die Gottesdienste sind mit 120 Leuten pro Sonntag für Berliner Verhältnisse sehr gut besucht.

"Wachet und betet!"

Für Wendland gilt auch unter den neuen Verhältnissen: "Kirche hat sich einzumischen." Denn um Gerechtigkeit, sei sie politisch, sei sie sozial, muss weiter gerungen werden und einen armen Lazarus gibt es immer, der vor der Tür liegt. Pfarrer Gisbert Mangliers sieht es ähnlich: "Es ist wichtig, wach zu bleiben für Probleme in der Gesellschaft und sie anzusprechen."

"Wachet und betet!" stand 1989 auf einem Stofftransparent über dem Kircheneingang in Anspielung auf Jesus, der vor seiner Gefangennahme im Gebet mit seiner Aufgabe ringt und seine Gefährten warnt, nicht aus Angst der Versuchung der Trägheit zu erliegen. Die Szene spielt im Garten Gethsemane, der der Kirche im damaligen Arbeiterbezirk auf Wunsch Kaiser Wilhelms II. ihren Namen gab.

Das ist 120 Jahre her und die haben ihre Spuren hinterlassen. "Auf den Gesimsen sprießen die Bäume, die Feuchtigkeit im Innenraum ist bedrohlich", beschreibt Pfarrer Mangliers den Zustand der Kirche. Um ihn zu beheben, startet die Gemeinde am Sonntag die Aktion "Gethsemane stützen" - ein Steinpatenprogramm, bei dem Spender Steine finanzieren können. Es wird begleitet von Benefizveranstaltungen, die sich an die Besucher der beliebten Konzertkirche wenden.

Gunnar Lammert-Türk
(epd)

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