Kinder im Jemen mit Essensmarken einer Hilfsorganisation
Kinder im Jemen mit Essensmarken einer Hilfsorganisation
Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe
Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe

12.10.2017

Welthunger-Index 2017 vorgestellt Hunger trotz Verbesserungen

Klimawandel, kriegerische Konflikte und Diktaturen: Gründe für Hunger und Mangelernährung. Der Welthunger-Index 2017 zeigt sowohl Verbesserungen, als auch alarmierende Zahlen. Die Präsidentin der Welthungerhilfe im domradio.de-Interview.

domradio.de: Der Welthungerindex 2017 zeigt, dass es beim Kampf gegen den Hunger Fortschritte gibt. In welchen Regionen geht es denn bergauf?

Bärbel Dieckmann (Präsidentin der Welthungerhilfe): Es geht sowohl in Asien als auch in Afrika bergauf. Es sind vierzehn Länder, die immerhin seit 2000 ihren Wert um fünfzig Prozent steigern konnten, die also viel besser sind. Das sind zum Beispiel Kambodscha, Kamerun, Togo und Ruanda. Insofern muss man das auch immer positiv sehen. 

domradio.de: Was hat dazu geführt, dass es in diesen Ländern einen positiven Trend gegen den Hunger gibt?

Dieckmann: Das sind fast immer gute Regierungsführungen. Ich sage bewusst nicht "Demokratien" aber Regierungsführungen, die sich verantwortlich fühlen für die Menschen in ihrem Land. Ruanda ist so ein Beispiel, wo nach einem furchtbaren Völkermord ja doch Ruhe in einem autoritären System eingetreten ist - aber einem System, das sich an den Menschen orientiert. Das sind Länder, wo die Bildungssituation etwas besser ist, und das sind auch Länder in denen eine gute Entwicklungszusammenarbeit gegriffen hat.

domradio.de: Welche Länder fallen denn beim diesjährigen Welthunger-Index negativ auf?

Dieckmann: Es sind eine ganze Reihe Länder, die negativ auffallen. Das sind einmal die Länder, in denen es kriegerische Konflikte gibt. Das ist der Südsudan, das ist Somalia, das ist Syrien, das ist der Kongo, das ist Libyen. Das ist eigentlich unsere größte Sorge. Daneben gibt es Länder, die stark vom Klimawandel betroffen sind. Beispiele sind Äthiopien und Kenia, wo es teilweise zwar gut ist, aber es eben auch Dürregebiete gibt. Und dann gibt es Länder, die immer schon Herausforderungen waren. Das ist der Tschad, Liberia, Sierra Leone oder der Jemen, wo es kriegerische Konflikte gibt. Die Gründe für Hunger sind ganz unterschiedlich.

domradio.de: Die Gründe für Hunger und Mangelernährung sind vielfältig. Wie unterschiedlich agieren Sie in den einzelnen Ländern?

Dieckmann: Wir unterscheiden natürlich ganz stark. Vor allem liegt unser Schwerpunkt in der Landwirtschaft. Wir arbeiten in ländlichen Regionen. Es gibt Länder, die Hungerländer sind, wo trotzdem eine gute Arbeit möglich ist. Beispiele dafür sind Sierra Leone, Liberia, aber auch Simbabwe, wo es keine hohe Sicherheitsgefährdung gibt, wo man wirklich seine Projekte durchführen kann. Wichtig ist uns immer die Stärkung der Landwirtschaft und gleichzeitig auch die Stärkung der Zivilgesellschaft, damit die Menschen vor Ort ihre Rechte wahrnehmen können. Dann gibt es die Arbeit in Kriegsländern und da, wo militärische Konflikte sind, wo es sehr oft nur noch um humanitäre Hilfe geht. Das gilt ganz stark für den Südsudan aber natürlich auch für Syrien. Das gilt teilweise schon für die Zentralafrikanische Republik, wo man eigentlich mehr humanitäre Hilfe leistet und langfristige Erfolge im Moment nicht wirklich absehbar sind.

domradio.de: Ein Punkt in ihrem Bericht war auch, dass Agrar- und Nahrungsunternehmen aus dem Ausland die betroffenen Länder beeinflussen. Erschwert auch die europäische Wirtschaft die Entwicklungshilfe in den Ländern?

Dieckmann: Ich sage es einmal so: Das sind Konzerne, die natürlich Märkte beherrschen. Das hat für die Länder Folgen. In unseren Projekten ist es doch sehr oft so, dass wir in der Lage sind, uns nicht von diesen Konzernen leiten zu lassen. Wir gucken wirklich, dass ökologisch sinnvoll gearbeitet wird. Es geht darum, dass Saatgut auch selbstständig wieder hergestellt werden kann und dass man sich nicht an die großen Unternehmen bindet. Es gibt auch Länder, wo in großem Umfang "Landgrabbing" stattgefunden hat, wo Land gepachtet oder gekauft worden ist, wo eher die großen Unternehmen dann Einfluss drauf nehmen.

domradio.de: Sind Sie mit der Entwicklungshilfe Deutschlands denn zufrieden?

Dieckmann: Ja, also ich glaube, dass es ein paar wirklich wichtige und gut gesetzte Schwerpunkte gab in den letzten Jahren. Das ist einmal die Sonderinitiative gegen den Hunger, wo es ja vor allem um Investitionen in ländliche Regionen ging. Es ging um Länder, die abgehängt sind, die diese Unterstützung brauchen. Wir haben auch den "Marshallplan" mit Afrika begrüßt und den "Compact" für Afrika. Ich sage trotzdem an der Stelle: Der muss jetzt erst umgesetzt werden. Das ist eine Beschlusslage. Die Länder, die dafür ausgesucht worden sind, sind nicht die Hungerländer, sondern das sind schon die besser entwickelten Länder. Deshalb ist unserer Forderung: Man muss Investitionen in Afrika tätigen und gleichzeitig die Krisenländer nicht vergessen.

domradio.de: 815 Mio. Menschen haben nicht genug zu essen, das hat die Welternährungsorganisation FAO im September mitgeteilt. Wie können wir dazu beitragen, dass tatsächlich mit diesen weltweit produzierten Nahrungsmitteln, die ja für alle reichen könnten, auch alle ernährt werden?

Dieckmann: Also in der Hinsicht ist es kompliziert. Aber wir haben natürlich Einfluss auf Handelsbedingungen, wir haben Einfluss auf Produktionsbedingungen, unser Kaufverhalten kann man verändern. Aber die eigentliche Ursache, dass die  Lebensmittel nicht verteilt werden, hängt natürlich auch damit zusammen, dass es in Afrika keine alternativen Einkommensmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft gibt. Das heißt, die Menschen haben kein Einkommen und können sich deshalb auf den Märkten die Lebensmittel nicht kaufen.

Aber wir können auch durch den Rückgang von Fleischkonsum dafür sorgen, dass weniger Flächen für Viehfutter angebaut werden. Was für mich das allerwichtigste Stichwort ist: Klimawandel, Klimawandel, Klimawandel. Wir haben im Moment in vielen Ländern Afrikas gravierende Folgen. Wir spüren durch die klimatischen Veränderungen den Einfluss in der Landwirtschaft, entweder durch Dürren, durch Überschwemmungen oder durch Hurrikans. Die sind von uns verursacht. Deshalb setzen wir jetzt auch noch mal große Hoffnung in die Klimakonferenz, die am 6. November in Bonn beginnt. Da müssen weitere Entwicklungen zu Paris - was ja schon ein Erfolg war - erfolgen. 

domradio.de: Was genau muss denn in Bonn passieren?

Dieckmann: Es müssen noch stärkere Bindungen hergestellt werden. Die Industriestaaten müssen ihre Klimaausstöße verringern. Die sind immer noch zu hoch. Aber wir müssen auch Mechanismen schaffen, damit Entwicklungsländer resilienter auf diese Krisen reagieren können. Und es muss finanzielle Ausgleiche für die Entwicklungsländer geben, damit sie diese Resilienz aufbauen können.

Das Interview führte Jann-Jakob Loos.

(dr)

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