Der Abraham-Geiger-Preis geht an Christian Stückl
Der Abraham-Geiger-Preis geht an Christian Stückl

15.01.2020

Der Abraham-Geiger-Preis geht an Christian Stückl Ein für das Religiöse sensibler Theatermann

Zum vierten Mal inszeniert Christian Stückl 2020 die Passionsspiele in Oberammergau. Zug um Zug hat er antisemitische Bestandteile aus der Aufführung entfernt. Dafür wird er nun von jüdischer Seite ausgezeichnet.

"Fachmann fürs Katholische" wird Christian Stückl gern genannt. Doch dem 58 Jahre alten Theaterregisseur, der für 2020 zum vierten Mal die Leitung der Oberammergauer Passionsspiele übernommen hat, liegt der interreligiöse Dialog insgesamt am Herzen.

Seit er sich 1990 als jüngster Spielleiter überhaupt daran machte, die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu auf die Bühne zu bringen, stellt er sich dem lang erhobenen Vorwurf des christlichen Antijudaismus. Unermüdlich pflegt er das Gespräch mit den jüdischen Organisationen und feilt stets aufs Neue am Text. Für diesen Einsatz erhalten er und die Passionsspiele nun den Abraham-Geiger-Preis.

Auszeichnung mit 10.000 Euro dotiert

Die an den großen Denker des liberalen Judentums erinnernde Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert. Geiger (1810-1874) war wichtig: die Freiheit des Gewissens und des Glaubens, die Freiheit von Forschung und Lehre sowie die  Meinungsfreiheit aller Menschen.

"Wir denken, dass Sie einer wichtigen Botschaft Gewicht verliehen haben: dass wir in unserem Land gegen Rassismus und Antisemitismus eintreten müssen, um eine pluralistische Gesellschaft zu sichern", begründete die Jury ihre Entscheidung. Stückl habe das international bekannte Passionsspiel erneuert: weg vom christlichen Judenhass hin zu einer ausgewogenen Darstellung innerjüdischer Konflikte.

Laudatio hält Charlotte Knobloch

Wenn Stückl am 13. Mai den Preis in Oberammergau entgegennehmen wird, hält die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, die Laudatio. Sie schätzt seine Arbeit und besucht bisweilen seine Premieren auch im Münchner Volkstheater. Als Intendant hat er in den vergangenen Jahren bewusst Stücke wie "Nathan der Weise", "Der Stellvertreter" oder zuletzt "Der Kaufmann von Venedig" inszeniert. Alles Werke, in denen es um Kirche, Judentum, den Streit der Religionen und Rassismus geht.

Doch zurück zu Oberammergau. Bis 1850 hatte meist ein Ettaler Benediktiner den Text für die Passion geschrieben. Danach war über 100 Jahre die Version des Pfarrers Josef Alois Daisenberger (1799-1883) verwendet worden. In der Nazizeit wollte Adolf Hitler das Passionsspiel vereinnahmen, er stufte es als "reichswichtig" ein.

Nach dem Krieg wurde die Kritik am Text umso lauter. Jüdische Künstler wie Billy Wilder oder Leonard Bernstein prangerten die antisemitischen Töne an. Der Münchner Kardinal Julius Döpfner drängte auf Reformen: Es könne nicht "um eine Schuld oder gar Kollektivschuld der Juden" am gewaltsamen Tode Jesu gehen.

Sture Oberammergauer

Doch die Oberammergauer blieben stur. Folgerichtig entzog ihnen Döpfner 1970 die kirchliche Anerkennung für das Spiel. In einem Interview erinnerte sich Stückl einmal, dass er als Junge im elterlichen Wirtshaus heftige Diskussionen darüber gehört, aber nichts verstanden habe. Als er selbst dann Spielleiter wurde, ging er den alten Konflikt an. Er reiste zu den großen jüdischen Organisationen in die USA, deren Vertreter kamen dann nach Bayern.

Inkriminierte Textpassagen wurden entfernt. Seither fährt Stückl mit den Hauptdarstellern stets vor Beginn der Probenarbeit ins Heilige Land, um den Spuren Jesu zu folgen. Neben dem Besuch der Heiligen Stätten gehört dabei auch jener von Yad Vashem dazu, der zentralen Gedenkstätte für die Opfer der Schoah.

Doch die Materie bleibt sensibel. So bereitet die Pilatus-Szene Stückl auch für 2020 noch schlaflose Nächte, wie er sagt. Hier kann er viele von den 1.900 spielberechtigten Erwachsenen am besten auf der Bühne unterbringen. Wenn eine solche Menge die Hinrichtung Jesu fordere, habe das eine enorme "Wucht", die leicht missverstanden werden könne. Er plane deshalb die unterschiedlichen Meinungen über Jesus unter seinen damaligen jüdischen Landsleuten noch stärker herauszuarbeiten.

Der kritische Katholik Stückl setzt sich aber auch noch für weitere Neuerungen im Verhältnis der Religionen in Deutschland ein. Der herkömmliche Religionsunterricht sollte einem neuen Format weichen, sagte er einmal der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Damit christliche, jüdische und muslimische Kinder miteinander in der Schule über ihre jeweilige Religion reden lernen.

Barbara Just
(KNA)

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